Mathematiika: Unterricht mal laut, mal leise

Lena Florian und Sebastian Grabow unterrichten seit zwei Jahren nach finnischem Vorbild Mathe. Dabei begeben sich die Schülerinnen und Schüler auf Safari und besiegen ihre Matheangst.

Steckbrief

Name: Lena Florian und Sebastian Grabow
Schule: Voltaireschule Potsdam
Fächer: Mathematik/Latein/WAT
Die Schülerinnen und Schüler von heute …müssen auf Herausforderungen vorbereitet werden, die wir heute noch gar nicht kennen.
Die Schule von morgen …begleitet und unterstützt die SuS dabei, sich Methoden, Werkzeuge und Fähigkeiten auf ihrem eigenen Weg anzueignen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.
Ich werde nie vergessen, wie … einer meiner Mathematikkurse zum ersten Mal selbst einforderte, etwas selbstständig zu erarbeiten.(Lena Florian)

Hallo Frau Florian und Herr Grabow, Sie haben das Konzept Mathematiika für Ihre Schule entwickelt. Wie kann ich mir eine Unterrichtsstunde bei Ihnen vorstellen?
Lena Florian: „Die Schülerinnen und Schüler entscheiden komplett selbst, wie sie arbeiten. Es gibt zu Beginn der Stunde ein kleine Plenumsphase, meistens als Lehrervortrag. Der Hauptteil der Stunde besteht dann aus der Arbeitsphase. Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, sich ein mathematisches Thema über verschiedene Zugänge zu erarbeiten: Das ist einmal der Videozugang, den man auch aus dem Flipped Classroom kennt. Daneben gibt es einen Bibliothekszugang, bei dem sie mit Infomaterialien und Beispielen arbeiten können. Das können das Lehrbuch oder digitale Materialien sein, die wir auf moodle bereitstellen. Es gibt noch einen dritten Zugang, den wir Safari nennen. Das ist ein entdeckender Zugang, bei dem wir uns ein bisschen austoben und versuchen, kreative Anschlussmöglichkeiten zu finden, um die Schülerinnen und Schüler anders zu motivieren.“

Wenn ich bei Ihnen die Tür zum Klassenzimmer öffnen würde, was würde ich dort sehen?
Lena Florian: „Die Schülerinnen und Schüler sitzen alleine oder in Gruppen zusammen, arbeiten mit iPads, auf denen die Materialien gespeichert sind oder mit ihren eigenen Geräten. Manche haben also gerade Stöpsel in den Ohren und gucken sich ein Video an, andere arbeiten an einer Aufgabe. Eventuell steht jemand vorne und erklärt einer kleineren Gruppe etwas an der Tafel.“

Sebastian Grabow: „Es ist immer auch davon abhängig, wann Sie kommen. Zu Beginn der Unterrichtsstunde sehen Sie vielleicht noch eine Lehrkraft, die gerade in der Plenumsphase den Einstieg in ein Thema gibt. Zehn oder fünfzehn Minuten später kann dann schon mal Gewusel sein, bei dem sich die Schülerinnen und Schüler untereinander was erklären, die Plätze tauschen oder auch mal zum Lehrer bzw. zur Lehrerin gehen, der einer kleineren Gruppe etwas erklärt. Es kann also sehr dynamisch sein.

Es kann aber auch sein, dass die Schülerinnen und Schüler gerade in der Wiederholungsphase stecken oder sich auf einen Test vorbereiten, sodass es komplett ruhig im Raum ist.

Die Schülerinnen und Schüler bekommen von uns immer einen Einstiegstest. So wissen sie von Anfang an, was auf sie zukommt, wenn sie später den Test schreiben. In den letzten Phasen vor dem Test rechnen sie diesen einfach noch mal durch. Es kann also mal eine laute Stunde sein, bei der die Schülerinnen und Schüler in der Erarbeitungsphase sind und sich gegenseitig etwas erklären. Es kann auch mal eine leise Stunde sein, bei der jeder für sich arbeitet. Das ist ganz unterschiedlich.“

Lena Florian: „Herr Grabow und ich haben zwei Kurse zu zweit. Wir haben eine offene Tür, sodass die Schülerinnen und Schüler zum Teil auch den Raum wechseln.“

In welchen Klassen wenden Sie das Konzept aktuell an?
Lena Florian: „Wir unterrichten an der Voltaireschule Potsdam, einer Gesamtschule. Aktuell wenden wir Mathematiika nur in der 11. und 12. Klasse an. Es gibt eine Pilotklasse in der 8. Klasse.“

Welches didaktische Konzept steckt dahinter?
Lena Florian: „Wir gehen davon aus, dass jeder Schüler und jede Schülerin einen eigenen Anknüpfungspunkt zur Mathematik braucht und auch haben kann. Mathematik ist in der Gesellschaft als schwierig verschrien. Es scheint anerkannt, dass man Mathe nicht können muss. Wir versuchen, dort entgegen zu wirken und die Matheangst zu nehmen.“

Gibt es die Reflexionsphase nach jeder Stunde oder eher nach einem Themenkomplex?
Lena Florian: „Das richtet sich nach dem Bedarf der Schülerinnen und Schüler.“

Sebastian Grabow: „Genau, es gibt nicht immer eine Reflexion. Wenn man merkt, dass die Schülerinnen und Schüler gerade in der Übungsphase drin sind, muss man eigentlich nicht reflektieren. Man kommt im Verlauf der Übungsphase auch immer wieder mit ihnen ins Gespräch. Dabei reflektiert man also schon im laufenden Stoff, dadurch dass man noch mal die Schwierigkeiten und offene Fragen bespricht.“

Lena Florian: „Wir machen diese Reflexion also häufig im 1-zu-1-Gespräch. Die Schülerinnen und Schüler benutzen bei uns Google-Tabellen, um eine Selbsteinschätzung vorzunehmen. Dadurch können wir direkt sehen, ob sie etwas nicht verstanden haben. So können wir gezielt unterstützen.“

Geht diese individuelle Absprache auch mit einer hohen Klassenstärke?
Lena Florian: „In der achten Klasse habe ich aktuell 25 Schülerinnen und Schüler. In der Oberstufe sind es weniger, zwischen 17 und 22 Schülerinnen und Schüler. Aber ja, das ist in beiden Fällen gut umsetzbar.“

Bei Mathematiika handelt es sich um die finnische Schreibweise für Mathematik. Wie kam es zum Kontakt und warum haben Sie sich von den Finnen inspirieren lassen?
Lena Florian: „Wir haben eine finnische Partnerschule, die Martinlaakson lukio in Vantaa. Es gibt seit mehreren Jahren einen Schüler- und einen Lehreraustausch.

Sowohl Herr Grabow als auch ich sind in den Genuss gekommen, diesen Lehreraustausch zu machen. Das bedeutet, dass drei bis vier Lehrkräfte nach Finnland an unsere Partnerschule fahren und sich den Unterricht anschauen. Wir leben dann auch bei den Kolleginnen und Kollegen dort. Dabei bekommen wir viel von der Schulkultur mit.“

Sebastian Grabow: „Dabei hatten wir jeweils das große Glück, bei Pekka Peura wohnen zu können. Dabei sind die Ideen für das Mathematiika-Konzept entstanden. Mittlerweile kann man es nicht mehr wirklich mit dem finnischen Unterricht vergleichen, da sich unser Konzept auf Grundlage der verschiedenen Lernthemen und Inhalte, die wir behandeln, weiterentwickelt hat. Aber ich denke, es war unser großer Vorteil, dass wir persönlich mit ihm in Kontakt waren.“

Lena Florian: „Pekka Peura ist im Moment DER Mathe-Fachdidaktik-Guru in Finnland. Heute bin ich häufiger noch mit ihm in Skype-Konferenzen, sodass wir uns weiterhin austauschen können. Außerdem war ich privat noch einmal vor Ort, habe den Unterricht begleitet und auch phasenweise selbst übernommen. Das war super!“

Wussten Sie bereits, als Sie zum ersten Mal nach Finnland gefahren sind, dass Pekka Peura als Mathe-Guru galt oder hatten Sie im Unterricht ein Aha-Erlebnis?
Sebastian Grabow: „Ich war zuerst da und bei mir war es so, dass eine Kollegin von mir in ihrer Schülerschaft nachgefragt hat, welche Lehrkraft an unserer Schule als offen für neuen Unterricht gilt. Sie lud mich daraufhin ein mitzukommen und sie wusste auch, dass Pekka zu dem Zeitpunkt ein neues Mathekonzept entwickelte. Ich war also gespannt, wusste aber nicht, was auf mich zukommen würde. Als ich dann da war, war es nicht unbedingt der Unterricht, der mich überrascht hatte. Denn offenen Unterricht kannte ich bereits, das hatte ich auch schon angewendet.

Aber der Austausch mit Pekka war für mich das Aha-Erlebnis. Er ist jemand, der für die Mathe-Didaktik brennt und einen dafür begeistern kann, auch außerhalb des Unterrichts mehr Arbeit zu investieren. Frau Florian hatte zu der Zeit das Referendariat bei uns gemacht und so kam es, dass wir uns am Ende der Sommerferien hingesetzt haben, um unsere Ideen in ein Konzept zu bringen.“

Wie klappte es mit der Umsetzung an der Schule?
Lena Florian: „Ehrlich gesagt, haben wir es zuerst einfach gemacht. (lacht.) Wir haben das Konzept zunächst unseren Kolleginnen und Kollegen vorgestellt. Dabei haben sich spontan drei Kolleginnen entschlossen mitzumachen. Als die Schulleitung zwei oder drei Monate später davon erfuhr, war sie sehr begeistert und unterstützt uns seitdem sehr. Wir bekommen mittlerweile zwei Ermäßigungsstunden.

Im ersten Jahr haben wir noch viel mit Fremdvideos gearbeitet. Es ist einfach ein unheimlicher Aufwand, dieses Material selbst zu erstellen. Vieles ist aber nicht OER bzw. unter CC-Lizenz, das heißt, wir mussten viel selbst machen. Da freut es uns, dass wir von der Schulleitung und vielen Kolleginnen und Kollegen gut unterstützt werden. Es hat an der Schule sogar schon auf die Bereiche Geschichte und in den Sprachen abgefärbt, sodass ähnliche Konzepte aufgebaut werden.“

Wie ist Ihr Fazit nach anderthalb Schuljahren in der Praxis? Welchen Tipp würden Sie geben, wenn jemand den Mathematik-Unterricht nach Ihrem Konzept anwenden möchte?
Sebastian Grabow: „Zugegeben, nach meiner Elternzeit vor zwei Monaten war die Stimmung nicht so gut, weil sich die Schülerinnen und Schüler etwas überfordert fühlten. Nach den Ferien war ein ganz neues Thema etwas viel für sie. Das haben wir verändert und jetzt haben wir ein durchweg positives Feedback bekommen. Das macht mich stolz! Ich finde es schön, dass die Schülerinnen und Schüler so gut reflektieren können und uns Tipps geben, wie wir den Unterricht verändern können.

Unser Tipp an alle ist also: Man sollte es mit den Schülerinnen und Schülern zusammen machen. Wenn man ihnen einfach nur etwas Neues vorsetzt, dann gibt es einen Widerstand – auch von den Eltern. Es ist ganz wichtig, dass die Lehrkraft erklärt, was sie damit erreichen möchte. Die Plenumsphase am Anfang ist doch wichtiger, als ich dachte, sodass ich sie mittlerweile wieder häufiger einsetze. Die Schülerinnen und Schüler brauchen diese Sicherheit einfach. Ganz wichtig ist, dass man den Schülerinnen und Schülern zeigt, dass man für sie da ist und sie jederzeit Fragen stellen können.“

Wie hat sich die Motivation der Schülerinnen und Schüler entwickelt?
Lena Florian: „Gerade werden wir noch von der Uni Potsdam evaluiert. Zum Thema ‚Leistungsmotivation‘ wurde allerdings schon eine Masterarbeit geschrieben. Die ist differenziert ausgefallen. Bei den Schülerinnen und Schülern, die vorher auf einer Montessori-Schule waren, konnte man eine gesteigerte Leistungsmotivation feststellen. Aktuell wird eine Masterarbeit zur Matheangst geschrieben. Auch da sind wir gespannt auf die Ergebnisse.

Mein persönlicher Eindruck ist aber, dass vor allem Schülerinnen und Schüler, die ein negatives Selbstkonzept in Mathematik haben, durch die ZuLBS (selbstwählbare Leistungsbewertung) mehr Sicherheit gewinnen.“

Sebastian Grabow: „Ich habe den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler es als positiv empfinden, dass sie ihren Lernprozess einteilen können. Sie können selbst bestimmen, ob sie sich einem Thema noch einmal intensiver widmen wollen. Sonst kannten sie den Unterricht eher so, dass sie ein Thema erklärt bekamen und wenn sie es nicht verstanden haben, war es raus aus ihrem Kopf. Jetzt lernen sie solange, bis sie es verstanden haben und gehen erst anschließend ins nächste Thema. Dadurch sind sie in den Tests und Arbeiten sicherer. Sie wissen, sie können vielleicht nicht alle fünf Themen, die drankommen, aber drei können sie sicher. Ein guter Schüler wird immer ein guter Schüler sein. Aber gerade die, die vorher ein Problem hatten, sind jetzt entspannter im Test.“

Sie sind Projektschule der Werkstatt schulentwicklung.digital des Forums Bildung Digitalisierung. Wie kam es zur Zusammenarbeit und wobei hilft Ihnen die Werkstatt?
Lena Florian: „Wir sind ehrlich gesagt nicht die Vertreter unserer Schule im Forum Bildung Digitalisierung. Das übernehmen zwei andere Kollegen. Die haben uns bei der letzten Tagung dazu geholt, damit wir aus erster Hand von Mathematiika berichten. Von dieser Tagung kann ich berichten, dass wir super mit anderen Schulen in den Austausch kamen und neue Ideen bekamen. Gerade, was e-Portfolios etc. anging. Es war auch schön, dass wir noch einmal eine Wertschätzung erhalten haben.“

Welche Ideen haben Sie noch für Ihr Konzept?
Lena Florian: „Wir überarbeiten es gerade und überlegen z. B., wie wir die ZuLBS anders gestalten können. Wir wollen das aber auf jeden Fall weitermachen. Unsere Lehrerrolle ist ganz anders als früher. Sie kommt uns viel sinnvoller vor.“

Sebastian Grabow: „Wir wollen das Konzept auch auf die SEK I ausweiten, um den Schülerinnen und Schüler, die in 12 Jahren Abitur machen, zu ermöglichen, das Konzept schon früher kennenzulernen. Das benötigt etwas Zeit, sodass sie am besten schon in der siebten, achten oder neunten Klasse damit beginnen sollten.“

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