Christina Hinrichs: „Das Medium bestimmt nicht, wie gut der Unterricht ist!“

Die Bremer Lehrerin und Jahrgangsleiterin Christina Hinrichs ist begeistert von den selbstgedrehten Lernvideos ihrer Schülerinnen und Schüler. Sie empfiehlt Lehrkräften den Austausch im Kollegium, auf Fortbildungen und bei Twitter, um den eigenen Unterricht digital weiterzuentwickeln.

Steckbrief

Name: Christina Hinrichs

Schule: Oberschule an der Helgolander Straße

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Fächer: Englisch, Biologie/Naturwissenschaften

Die Schülerinnen und Schüler von heute … haben andere Vorraussetzungen, Probleme und Bedürfnisse, als noch vor ein paar Jahren.  

Die Schule von morgen … muss flexibler, agiler und auch kreativer werden.

Ich werde nie vergessen, wie … schön es ist, von ehemaligen Schülerinnen und Schülern in der Schule besucht zu werden, die einem erzählen, dass all die Mühe und der Einsatz sich gelohnt haben und sie gut im Arbeitsleben zurechtkommen.

Liebe Frau Hinrichs, in welchen Fächern kommen die Schülerinnen und Schüler bei Ihnen jetzt schon mit digitaler Bildung in Berührung?

Christina Hinrichs: „Eigentlich in allen Fächern. Ich unterrichte Englisch und Naturwissenschaften. Ich selbst habe eine Netbook-Klasse, bei der jedes Kind ein eigenes Netbook zur Verfügung hat. Darüber recherchieren sie, bereiten Präsentationen vor oder bearbeiten selbstgedrehte Lernvideos. Ich gebe aber auch Online-Übungen, zum Beispiel für Grammatik, als digitale Aufgabe im Unterricht mit. Zusätzlich hat die Schule die Lernplattform itslearning zur Verfügung und in allen Klassenzimmern interaktive Whiteboards.“

Gibt es auch digitale Messgeräte für den NaWi-Unterricht?

Christina Hinrichs: „Aktuell noch nicht. Aber wir können auf unsere analogen Mikroskop-Kameras setzen, um das Bild auf dem Whiteboard zu zeigen. Diese Messgeräte und auch Dokumentenkameras wollen wir aber mithilfe des Digitalpakts flächendeckend anschaffen.“

Können bei Ihnen bereits Prüfungen digital abgenommen werden?

Christina Hinrichs: „Teilweise fordere ich Leistungsnachweise im digitalen oder digitalgestützten Format ein, z. B. als Blogbeitrag, in Form eines eigenen Videos oder mithilfe einer Präsentation. Aber Klassenarbeiten und Abschlussprüfungen werden noch klassisch mit Stift und Papier absolviert. Außer die P5-Prüfung, bei der Schülerinnen und Schüler eine Präsentation halten.“

Sie arbeiten über das Lernmanagementsystem itslearning mit sofatutor-Inhalten. Wie sieht das in Ihrem Fall konkret aus?

Christina Hinrichs: „Ich setze sofatutor zur Differenzierung und Vertiefung ein. Das heißt, dass Schülerinnen und Schüler sich mithilfe eines Arbeitsplans selbstständig vorweg Erklärvideos zur Grammatik anschauen. Oder wenn sie im Anschluss an meine Erklärung etwas nicht verstanden haben, können sie auf die Videos zurückgreifen. Das Gleiche gilt für die Vorbereitung von Klassenarbeiten. Zusätzlich zur passenden Seite im Buch gibt es noch ein Lernvideo, das das Thema erklärt.

Ich nutze sofatutor aber auch für mich zur Vorbereitung. (lacht.) Das heißt, ich unterrichte zwar Naturwissenschaften, habe aber selbst ‚nur‘ Biologie studiert. Physik und Chemie sind jedoch auch Teil meines Unterrichts. Daher finde ich es sehr praktisch, dass ich mir Unterrichtsinhalte als Lernvideo anschauen kann, um sicherzugehen, dass ich ein Thema richtig vermittle.

Wenn mal ein Kollege bzw. eine Kollegin für mich eine Stunde vertritt, kann ich ihm oder ihr Videos und Übungen vorgeben. Die passenden Arbeitsblätter können von den Schülerinnen und Schülern im Anschluss dazu bearbeitet werden. Das sichert einfach einen qualitativ sinnvollen Vertretungsunterricht.“

Über das Pilotprojekt:

sofatutor_Bremen
sofatutor für alle in Bremen! Zusammen mit der Senatorin für Kinder und Bildung und mit Unterstützung des Landesinstituts für Schule in Bremen (LIS) bietet die Lernplattform sofatutor den vollen Zugriff auf ihre Inhalte an. Das sind über 12.000 Lernvideos, 40.000 Übungen und 30.000 Arbeitsblätter von der Grundschule bis zum Abitur. Bremer Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte können sich über die Lernplattform itslearning anmelden: hb.itslearning.com

Haben Sie noch Fragen? Melden Sie sich gern bei uns: kooperationen@sofatutor.com

Woher holen Sie sich die Inspiration für neue Unterrichtskonzepte oder Stundenentwürfe?

Christina Hinrichs: „Ganz viel über den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen – analog wie digital. Ich tausche mich gern in den Pausen aus oder fahre auf Fortbildungen und Veranstaltungen. Online bin ich viel auf Twitter unterwegs und verfolge den Hashtag #twitterlehrerzimmer. Da finde ich viele Gleichgesinnte mit tollen Ideen. Das inspiriert mich sehr!“

Wird dieser Austausch von der Oberschule gefördert?

Christina Hinrichs: „Ja, es ist teilweise vorgeschrieben, dass wir uns fortbilden. Aber unsere Leitung fordert das auch von uns ein, fährt selbst auf Fortbildungen und hat sich im letzten Jahr sogar selbst einen ‚Edu-Breakout‘ überlegt. Als nächstes fahren wir zur mobilen Schule nach Oldenburg. “

Wie arbeiten Sie am liebsten mit digitalen Medien?
Christina Hinrichs: „Ich arbeite privat am liebsten mit dem iPad, wobei das an unserer Schule noch nicht so stark als Arbeitsmittel verbreitet ist. Vielleicht ändert sich das durch den Digitalpakt. Das Netbook ist dort nach wie vor unsere erste Wahl. Zunehmend arbeiten wir im Unterricht auch mit den eigenen mobilen Geräten nach dem ‚Bring your own device‘-Prinzip. Ich merke, dass es für die Schülerinnen und Schüler einfach schneller geht, etwas mit dem Handy nachzuschlagen. Auch die Handykamera oder die Aufnahmefunktion funktionieren im Smartphone deutlich besser.“

Und welche Formate finden Sie am besten?

Christina Hinrichs: „Meine achte Klasse und ich mögen die selbstgedrehten Lernvideos. Ich arbeite damit gern in Gruppen, da jeder die eigenen Stärken in die Videoproduktion einbringen kann. Einer ist als Sprecher besser, die andere kann das Video schneiden und der dritte ist kreativ in der Erstellung des Skripts. Ich versuche auch, nicht zu viel vorzugeben und bin vom Ergebnis sehr oft begeistert.

Selbst meine Fünftklässlerinnen und Fünftklässler sind schon sehr technikaffin, wenn es um die Erstellung von solchen Erklärvideos geht. Sie arbeiten noch eher mit der Legetechnik oder nutzen Materialien, die sie sich aus dem Internet runterladen. Aber sie haben oft echt großartige Ideen zur Umsetzung.“

Wie bringen Sie den Schülerinnen und Schülern bei, mit welchen Optionen sie arbeiten können?

Christina Hinrichs: „Bei der fünften Klasse bin ich tatsächlich mit einem sofatutor-Video vorgegangen und habe die Legetechnik daran erklärt. Unter dem Begriff konnten sich die Kinder im ersten Moment nichts vorstellen. Durch das Zeigen haben sie aber schnell die Angst vor der Aufgabe verloren und ihre eigenen Ideen entwickelt.“

Gibt es etwas, das Sie sich zusätzlich noch wünschen würden?

Christina Hinrichs: „Ausstattungstechnisch gibt bei den meisten Schulen noch viel Luft nach oben. Dabei geht es nicht immer um digitale Arbeitsgeräte, sondern auch um die Möglichkeit, die räumlichen Vorgaben an die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler anzupassen. Wir haben z. B. ein sehr schönes altes und denkmalgeschütztes Schulgebäude. Da wäre es zwar gut, wenn wir Räume umbauen könnten, aber das ist faktisch nicht möglich. Auch beim Mobiliar muss man auf viele Anforderungen achten, die die Kreativität hemmen können.

Dienstgeräte für die Lehrkräfte sind ein weiterer Punkt.

Und angepasste Bildungspläne wären mein dritter Wunsch. Ich ärgere mich, dass man auf politischer Ebene zwar viel über den digitalen Unterricht nachdenkt, aber sich wenig Gedanken um die Inhalte macht. Die Vorgaben bleiben weiter strikt und dadurch kann man die Schülerinnen und Schüler weniger an dem arbeiten lassen, was sie selbst spannend finden. Das würde aus meiner Sicht die besseren Ergebnisse produzieren und sie würden mehr lernen, als wenn man ihnen alle Themen vorgibt.

Eine Doppelbesetzung im Unterricht wäre mein letzter Wunsch. An der Oberschule sind Schülerinnen und Schüler mit ganz unterschiedlichen Begabungen in einer Klasse versammelt. Das heißt, ich habe über 20 unterschiedlich vorgeprägte Kinder, denen ich gerecht werden muss. Es wäre schön, dabei Unterstützung zu bekommen.“

Glauben Sie, dass durch den Digitalpakt Schule mehr Lehrerinnen und Lehrer dazu inspiriert werden, ihren Unterricht digitalgestützt zu gestalten?

Christina Hinrichs: „Meiner Meinung nach gab es diese Entwicklung bereits. Interessierte Lehrkräfte haben sich schon vor dem Digitalpakt Schule damit auseinandergesetzt, wie sie digitale Inhalte oder Formate im Unterricht einsetzen können. Trotzdem ist der Digitalpakt Schule und das damit verbundene Geld sinnvoll, wenn auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber: Es ist ein guter Anfang und ich kann mir vorstellen, dass es Lehrkräften den Einstieg in die digitalen Medien erleichtert. Die Richtung stimmt!“

Welche Pläne hat Ihre Schule mit dem Geld aus dem Digitalpakt Schule?

Christina Hinrichs: „Wir hatten bereits schulweites WLAN und Whiteboards. Also haben wir unser Konzept noch einmal auf den Prüfstand gestellt und unsere Ziele klar festgelegt. Mit diesen Zielen vor Augen überlegen wir jetzt als nächstes, was wir uns anschaffen wollen und können. Bei den iPads gibt es ja eine Obergrenze von maximal 25.000 Euro. Da würden wir eigentlich gern mehr investieren. Und die Pflege der Geräte sowie die Fortbildungen im Kollegium wären für uns wichtig. Diese Punkte sind jedoch nicht über den Digitalpakt förderbar. Ich kann mir vorstellen, dass das in Zukunft zum Problem werden kann. Dass viele Schulen zwar iPads haben, aber nicht wissen, was sie damit tun.“

Was würden Sie Lehrkräften empfehlen, die jetzt loslegen wollen?

Christina Hinrichs: „Einfach machen! Haben Sie keine Angst vor Fehlern, sondern seien Sie neugierig, blicken Sie über den Tellerrand und suchen Sie sich erfolgreiche Beispiele von anderen Lehrkräften.

Fahren Sie auf Veranstaltungen, machen Sie Fortbildungen und nutzen Sie Best-Practice-Beispiele von anderen, z. B. aus dem Twitterlehrerzimmer. Dann werden Sie einfach durchs ‚learning by doing‘ besser.“

Was war dann Ihr erster Schritt, um einen digitalgestützten Unterricht umzusetzen?

Christina Hinrichs: „Für mich ging es mit der Anschaffung der Whiteboards an unserer Schule los. Ich wollte herausfinden, welche Möglichkeiten ich mit diesen Geräten habe. Dann kamen die Netbook-Klassen hinzu und alles hat sich mit der Zeit weiterentwickelt. Es war eine Mischung aus meinem Anspruch, mich fortzubilden, aber auch ganz viel durch die Entwicklung der Schule, bei der ich mitgehen konnte. Whiteboards sind für mich ein gutes Beispiel in diesem Digitalisierungsprozess: Man kann sie sinnvoll nutzen – oder einfach Frontalunterricht machen. Das Medium bestimmt nicht, wie gut der Unterricht ist!“

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Titelbild: ©privat/ von sofatutor bearbeitet