Der unliebsame Teil meiner Arbeit als Lehrerin

Lehrerin Franziska schätzt viele Aspekte ihrer Arbeit sehr. Nur einer gehört ganz klar nicht dazu.

„Pause“ ist ein Begriff, bei dem den meisten das Herz aufgeht. „Pause“ verspricht Erholung und Ruhe, soll Abwechslung von der stressigen Arbeit bieten. Für mich ist „Pause“ ein Wort, bei dem ich die Augen verdrehe. Denn im Lehrberuf kommt mit dem Stundenende die Aufsichtspflicht. Und die ist schwer zu erfüllen, wenn auf dem Hof mehr als 500 Schüler und Schülerinnen herumlaufen.

Den Kopf freipusten

Oder eben gerade nicht. Seitdem es Hofpausen gibt, gibt es auch die Schülerinnen und Schüler, die sich vor ihnen zu verstecken versuchen. Im Winter ist ihnen zu kalt, im Sommer zu warm. Sie versuchen mit aller Kraft, der durch das Schulregularium festgelegten Pausenpflicht zu entkommen. Ich kann sie gut verstehen. Als Schülerin war mir immer kalt und auch ich wäre in jeder Pause lieber im Klassenraum geblieben. Aus Lehrerperspektive ergibt sich hier aber ein anderes Bild: Der Aufsichtspflicht lässt sich leichter nachkommen, wenn man alle Schützlinge auf einem Hof im Blick hat. Zudem tut die frische Luft gut. Und gegen Stundenende kommt mir so manche Antwort entgegen, bei der ich denke, dass ein bisschen frischer Wind um die Schülerköpfe guttäte.

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Allerdings ist die Schülerschaft einfallsreich, wenn es darum geht, Ausreden zum „Drinnenbleiben“ zu finden. Mal müssen sie dringend einen Lehrer oder eine Lehrerin finden, ein anderes Mal haben sie ihr Turnzeug im Schulgebäude liegen gelassen oder andere lebenswichtige Utensilien. Erschwerend kommt an meiner Schule hinzu, dass es sehr wohl einige Ausnahmen gibt, bei denen ich die Schülerinnen und Schüler durch die Türe huschen lassen darf. Zum Beispiel, wenn sie sich etwas in der Cafeteria kaufen möchten. Oder zum Schülerclub wollen. Auf die Toilette darf ich sie dagegen nicht lassen. Das sind Regeln, für die ich nicht gern einstehe und deren Einhaltung mir entsprechend schwerfallen.

„Wir sind auch Stufenabitur!“

Ohne Ausnahme darf ich die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe in die Schule lassen. Ihre Schulpflicht ist bereits abgegolten, deswegen genießen sie ein paar mehr Freiheiten. Bei einer Schule mit über 700 Schülerinnen und Schülern ergibt sich allerdings das Problem, dass ich als Lehrperson nicht jeden Jugendlichen zweifelsfrei einer Klassenstufe zuordnen kann. Mehrere Schüler und auch Schülerinnen des siebten Jahrgangs überragen mich zum Teil schon jetzt um mehr als einen Kopf oder haben einen beeindruckenden Bartwuchs. Wenn diese Lernenden mich reinlegen wollen, verraten sie sich meist selbst. Unlängst kamen drei schätzungsweise Achtklässlerinnen auf mich zu und sagten: „Wir wollen rein, wir müssen dringend mal wohin. Alle drei.“ Ich sagte ihnen daraufhin, dass sie erst fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn in die Schule dürfen. Beleidigt zogen sie von dannen und sahen aus der Ferne, wie ich drei Oberstuflerinnen die Tür passieren ließ. Empört riefen sie mir zu: „Ey! Was soll das? Warum dürfen die rein?“ – „Weil die drei in der Oberstufe sind und Abitur machen. Sie müssen nicht auf dem Hof bleiben“, erklärte ich ihnen. Nachdem sie in kleiner Runde eine Weile getuschelt hatten, kamen sie geschlossen auf mich zu und verkündeten – nicht ohne Kichern: „Wenn das so ist, dann dürfen wir auch rein! Wir sind auch Stufenabitur!“

„Game of Thrones“-Atmosphäre

Wer bei der Hofpausenthematik auf ein bisschen „Game of Thrones“-Atmosphäre gehofft hat, soll an dieser Stelle nicht enttäuscht werden. Zwar finden bei uns nicht regelmäßig Prügeleien statt, dafür lassen meine Schülerinnen und Schüler mit einem unglaublichen Enthusiasmus Saftpakete platzen. Unter ihren schweren Füßen gehen die Trinkpäckchen zu Knall und imitieren dem menschlichen Ohr einen kleinen Bombeneinschlag. Vor wenigen Wochen hatten wir auch einen ernsteren Zwischenfall, als eine Mädchengang von einer anderen Schule bewaffnet mit einem Messer an unseren Hof kam und ihre Absicht verkündete: „Wir wollen die Aishe abstechen!“. Dank sehr engagierter und besonnener Kolleginnen konnte diese Situation entschärft werden. Ein anderes Mal verlängerte sich unsere Hofpause unfreiwillig auf eine ganze Stunde, nachdem ein Schüler im Flur Pfefferspray verteilt und damit einen Giftgasalarm ausgelöst hatte. Es wird also nicht langweilig bei uns. Auch außerhalb des Klassenzimmers nicht.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © Syda Productions/shutterstock.com