Digitales Lehren – „Einfach trauen, einfach machen!“

Nina Toller ist Gymnasiallehrerin und unterrichtet digital. Auf ihrem Blog Toller Unterricht gibt sie Lehrkräften Tipps und Materialien für digitales Lehren und Lernen an die Hand.

Liebe Frau Toller, können Sie erläutern, was Sie unter digitalem Lehren und Lernen verstehen?
Nina Toller: „Zunächst: Wenn ich sage ‚Ich unterrichte digital‘ heißt das nicht, dass das der goldene Weg ist. Auch hier kommt es auf die Mischung an. Aber ich möchte das Potenzial der digitalen Medien für meinen Unterricht nutzen und meine Möglichkeiten erweitern. Ich schaffe mithilfe mobiler Geräte einen Zugang zu Quellen, Formaten und Aufgaben, die ich auf dem Papier so nicht präsentieren kann. Und meine Schülerinnen und Schüler können die Aufgaben viel kreativer bearbeiten. Sie können Collagen oder Videos erstellen, Quizze machen oder Präsentationen mithilfe von Apps entwickeln.“

Was sind Ihrer Meinung nach weitere Vorteile des digitalen Unterrichts für Lehrende sowie für Lernende?
Nina Toller: „Die Möglichkeiten der digitalen Medien entlasten mich als Lehrerin z. B. bei der Unterrichtsvorbereitung. Wenn ich all meine Materialien in der Cloud habe, bin ich nicht mehr zeit- und raumabhängig. Die Schülerinnen und Schüler können ihr Lernen sehr viel mehr selbst bestimmen. Natürlich gibt noch immer eine Art Autorität auf der Lehrerseite: Ich als Lehrerin gebe die Noten und das Thema vor. Aber innerhalb dessen haben die Schülerinnen und Schüler einen größeren Spielraum. Sie haben viel mehr Möglichkeiten, z. B. ein Ergebnis zu präsentieren.“

Auf Ihrem Blog Toller Unterricht geben Sie Tipps zum digitalen Lehren und stellen Materialien zur Verfügung. Was sind die wichtigsten Schritte, die eine Lehrkraft gehen muss, um den Unterricht zu digitalisieren?
Nina Toller: „Die ersten Schritte sind: trauen und ausprobieren. Ich muss nicht meinen kompletten Computer in- und auswendig kennen, sondern kann kleine Schritte gehen. Das Erste, was ich den Lehrerinnen und Lehrer auf Fortbildungen zeige, ist das Erstellen eines QR-Codes. Das ist nicht schwer, aber eröffnet Unmengen an neuen Möglichkeiten. Wenn ich meine Arbeitsblätter mit QR-Codes ausstatte, wird der Unterricht binnendifferenzierter und digitaler: Schülerinnen und Schüler, die bei der Bearbeitung einer Aufgabe noch eine Hilfestellung benötigen, können mit ihrem Handy den Codes scannen und kommen auf ein Erklärvideo oder eine erklärende Infografik. Schülerinnen und Schüler, die die Aufgaben schnell bearbeitet haben, können mithilfe des Codes auf ihrem Handy Quizze oder Rätsel zum Thema lösen. Und wenn Lehrerinnen und Lehrer sehen, dass das einfach umzusetzen ist und auch funktioniert, trauen sie sich eher.“

Haben Sie ein weiteres Beispiel für tollen Unterricht mit digitalen Medien?
Nina Toller: „Neben der QR-Codes nutze ich das kollaborative Arbeiten. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten in Kleingruppen in einem gemeinsamen Dokument in Google Drive – hier hole ich mir natürlich das Einverständnis der Eltern. Jeder und jede schreibt einen eigenen Abschnitt, den die anderen dann erweitern. Das gemeinsame Ergebnis ist dann ein superguter Text, den sie allein bzw. einzeln so nicht hätten schreiben können.“

Sicher treffen Sie in Ihrem Berufsalltag auch mal auf Gegnerinnen und Gegner der Digitalisierung der Bildung. Wer sind diese Menschen?
Nina Toller: „Ich fange mal positiv an: Die Befürworterinnen und Befürworter sind auf jeden Fall die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Eltern. Sie freuen sich nämlich, dass die Schule sich um die Medienkompetenz ihrer Kinder kümmert. Aber es gibt Kolleginnen und Kollegen, die alles Digitale im Unterricht für Gedöns halten. Sie meinen, dass es das für guten Unterricht nicht braucht. Und wenn einige dann mit Manfred-Spitzer-Argumenten kommen, die digitalen Medien würden Kinder dement, dick und krank machen, lohnt sich für mich keine Diskussion. Aber das sind Extrembeispiele. Dann gibt es noch Lehrkräfte, die skeptisch sind, weil sie es nicht kennen und sich nicht trauen. Sie haben Angst, sich zu blamieren. Und dann sind da noch die Lehrerinnen und Lehrer, die keinen digitalen Unterricht machen möchten, weil ihnen die Ausstattung an den Schule fehlt. Das ist nachvollziehbar. Aber sie versuchen auch nicht, mit dem zu arbeiten, was sie zur Verfügung hätten, z. B. die mobilen Endgeräte der Schülerinnen und Schüler.“

Es sind also eher die Lehrkräfte, die sich gegen das Digitale stellen und nicht die Eltern?
Nina Toller: „Ich weiß nicht, ob das allgemeingültig ist. Bis jetzt ist aber meine Erfahrung, dass die Skepsis eher von Lehrerseite kommt.“

Wie wünschen Sie sich die Schule von morgen?
Nina Toller: „Zunächst sollten alle Schulen an ein Breitbandnetz angeschlossen sein. Dann muss die IT der Schule aus Lehrerhand genommen werden. Denn die Lehrerinnen und Lehrer, die für Wartung, Reparatur usw. der Geräte abgestellt werden, können das zeitlich gar nicht schaffen. Hier würde ich mir eine eigene IT-Abteilung wünschen oder ein mobiles IT-Team, das mehrere Schule bedient. Und dann wünsche ich mir eine Ausleihstation, an der sich die Schülerinnen und Schüler die mobilen Endgeräte ausleihen können, die sie für den Unterricht benötigen. Und für die Schule von übermorgen wünsche ich mir offene Schulgebäude, in denen sich die Schülerinnen und Schüler ihren Arbeitsort aussuchen dürfen. In denen die Lernenden den Klassenraum zum Lernen und Arbeiten auch mal verlassen können.“

Steckbrief


Name: Nina Toller
Schule: Franz-Haniel-Gymnasium, Duisburg
Fächer: Englisch, Geschichte, Latein, Informatik
Die Schülerinnen und Schüler von heute … sollten viel mehr ihre eigene „Lebenswelt“ in der Schule wiederfinden.
Die Schule von morgen … sieht wahrscheinlich leider gar nicht so anders aus. Ich hoffe auf eine Öffnung des Unterrichts für die Schule von morgen. Meine Vorstellungen kann ich nicht in einen Satz packen, es wird aber auf meinem Blog bald dazu etwas zu lesen geben. 🙂
Ich werde nie vergessen, wie … ich die Entscheidung, Lehrerin zu werden, auf meinem Abiball getroffen habe – und echt froh darüber bin!