Pflicht-Ganztagsschule: Initiative für eine bessere Bildung oder Tribut an einen kapitalistischen Zeitgeist?

Das Pro: Entlastung der Eltern, Hausaufgabenbetreuung, mehr Lernfortschritt durch mehr Lernstunden, sinnvolle Freitzeitbeschäftigung, usw.. Als contra: Reduktion bildender und erzieherischer Einflüsse der Eltern, Einschränkung der Ausbildung sozialer Kompetenzen in Freizeit-Gruppen, materieller und personeller Kostenaufwand usw. ‒ die Debatte um das Thema Ganztagsschulen kocht immer noch heiß im deutschen Topf der Bildungsfragen. Und die Pro- und Contra-Listen werden durch die Absicht zur Einführung einer Pflicht-Ganztagsschule immer länger. Je nach Bundesland kennen heutige Schülerinnen und Schüler nichts anderes, wachsen in dieses Konzept hinein oder kennen es allenfalls aus jenen Debatten. Denn, der Länderhoheit in Bildungsfragen geschuldet, gleicht auch Deutschland hinsichtlich der Ganztagsschullandschaft einem Flickenteppich. Unser Gastautor Dr. Albert Wunsch hat sich diesem Thema angenommen und wir laden Sie ein, drüber zu diskutieren.

Unisono sind die Rufe von Politikern unterschiedlichster Richtung zu hören: „Ganztagsschulen fördern ein gutes Lernklima, verbessern den Unterricht und sollen daher verpflichtend eingeführt werden”. Eine besonders starke Relativierung dieser abstrusen Denke zu dieser Diskussion kam per Leserbrief von einem langjährigen Schulleiter: „Was haben wir davon, wenn wir das Elend des Vormittages auch auf den Nachmittag ausdehnen.“ Über ideale Bildungskonzepte und optimale lernorganisatorische Vorsetzungen für die Schule nachzudenken, ist immer gut. Ein Lamentieren über Dieses und Jenes geht jedoch nicht an den Kern, und das ist immer schädlich. Stattdessen könnten hier erfolgreiche Praktiken von Nachbarn übernommen werden, auch wenn Abgucken in der Schule meist geahndet wird. Manche knüpften in den zurückliegenden Jahren daher an eine alte christliche Tradition und wurden zu Pilgern mit Kurs auf Finnland. Der Tross neugieriger Journalisten und Bildungspolitiker riss zeitweise nicht ab. Sie suchten dort nach Erleuchtung, um die Düsternis in deutschen Klassenräumen zu überwinden. Dort stellten sie fest, dass die Finnen weitgehend ein deutsches Modell kopiert hatten. Unser modernistisches Denken gäbe ihm keine Chance, schließlich sind die Grundzüge schon über 150 Jahre alt. Aber dank einer intensiven skandinavischen Fröbelbewegung prägt sein pädagogischer Geist, welcher Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert ins Erziehungssystem Einzug hielt, bis heute das dortige Schulwesen. Fröbel, Pfarrerssohn aus Thüringen und Schüler des Schweizer Pädagogen Pestalozzi, gründete 1817 in der Nähe von Rudolstadt bei Weimar eine Privatschule, die bis heute existiert. Seine erzieherischen Gedanken veröffentlichte er 1826 in dem Hauptwerk: „Die Menschenerziehung“. Im Jahre 1847 schuf er den ersten „Allgemeinen deutschen Kindergarten“, welcher zum weltweiten Impulsgeber wurde. Fröbel setzte sich früh für eine individuelle und ganzheitliche Förderung mit „Kopf, Herz und Hand” ein. „Sie beginnt bei der Mutter, wenn sie ihr Kind kost, dazu singt, Fingerspiele spielt, Bilder einbezieht.“ Auf diese Weise wird in einer Lehr- und Lerngemeinschaft des Vertrauens gegenseitige Achtung erfahren. So entsteht kategoriale Bildung, wächst Basiskompetenz als entscheidende Voraussetzung für ein lebenslanges Lernen.

Ja, an finnischen Schulen sieht alles ganz hervorragend aus. Schlaue Schüler, motivierte Lehrer ‒ Schulen wie ein Adventskalender, hinter jeder Tür verbirgt sich eine pädagogisch vorbildliche Überraschung. Die markanten – meist aber ignorierten – Unterschiede: Finnland hat die Schulaufsicht abgeschafft. Die Schulen haben weitgehend Budgethoheit, die Hauptverantwortung liegt bei den Kommunen. Jährlich findet eine Evaluation der Lehre statt, ähnlich der PISA-Studie. Jede Schule erfährt ihr Ergebnis im Vergleich zum Landesdurchschnitt. Auftretende Probleme mit schwierigen Kindern werden sofort – gemeinsam mit den bei der Schule angestellten Sonderpädagogen – gezielt aufgegriffen. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schülern und Lehrern ist obligatorisch. Das Ansehen der Lehrer ist beträchtlich, die Motivation hoch. In der ‚verbindlichen Gesamtschule‘ wird durch individuelle Förderprogramme eine große Chancengleichheit für Schwache und Begabte erreicht. Ebenfalls ist wichtig: In keinem europäischen Land gibt es so viele kleine Schulen. Die Ganztagsschule hat keine ideologische Basis, sondern ist eine notwendige Konsequenz aufgrund der oft großen Entfernungen zwischen Wohn- und Schulort der Kinder. Private Nachhilfe ist in Finnland unbekannt. Dies als Kurzlektion für alle, die meinen, mit der formalen Übernahme eines Ganztagsschulbetriebs könnten die finnischen Erfolge in unser Bildungssystem importiert werden. Vieles spricht jedoch dafür: Wenn die Qualitätsstandards übernommen würden, käme eine wirklich gute Halbtagsschule heraus.

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Aber vielleicht geht es auch gar nicht um eine bessere schulische Bildung, sondern um einen Tribut an einen kapitalistischen Zeitgeist? Denn Wirtschaftslobbyisten diktieren schon seit Jahren den Politikern aller Parteien, häufig durch feministische Verlautbarungen unterstützt, dass der Nachwuchs – möglichst direkt nach der Mutterschutzzeit – in die Fremdbetreuung gegeben werden soll. Leider gibt es noch keine Säuglingsschutzzeit, denn sonst würden Bindungsforscher, Entwicklungspsychologen, Kinderärzte und Elementarpädagogen eine einjährige Schutzzeit nach der Geburt fordern und vehement dafür plädieren, Kleinkinder bis zum dritten Lebensjahr im förderlichen familiären Umfeld aufwachsen zu lassen. Die Spezies Mensch, die Kinder am liebsten per Reagenzglas-Befruchtung und Brutkasten ins Leben starten lassen möchten, ihn nach dem ersten Atemzug und einer kurzen Quality-Time-Umarmung an fremde Menschen in die Krippe geben, sich dann inklusive Frühbucherrabatt für die Ganztagsschule bis zur stattlichen Reife entscheiden, um den Nachwuchs dann kurz vor der Abi-Feier in einer speziell arrangierten Warming-up-Party erstmals stolz als Vater und Mutter in Augenschein zu nehmen, scheint zuzunehmen. So stören Kinder mit ihren jeweiligen und kaum zeitlich einplanbaren Bedürfnissen – wenigstens unter dem Gesichtpunkt betrieblicher Gewinnmaximierung – die Produktivität und Karriereplanung ihrer Eltern erheblich. Damit Väter und Mütter bei soviel Fremdbetreuung kein schlechtes Gewissen bekommen, werden Krippen und vergleichbare Angebote als besonders förderliche Bildungsmaßnahmen zu verkaufen gesucht. Und um Restzweifel zu überspielen, werden alle Betreuungsangebote des Staates hochrangig subventioniert. Betreuung, von der Wiege bis zur Bahre. Ob bald auch nicht oder nur teilweise berufstätige Ehefrauen bzw. Ehemänner und LebensabschnittspartnerInnen während der beruflichen Abwesenheit der HauptverdienerInnen liebevoll fremd betreut werden? Aber vielleicht ist das die Begründung dafür, dass Frauen und Männer gleichermaßen in eine Vollzeit-Berufstätigkeit gedrängt werden.

Es gibt sicher auch etliche nachvollziehbare Gründe, weshalb Eltern auf Ganztagsangebote für den eigenen Nachwuchs setzen, ob es um die notwendige berufliche Entwicklung, eine noch nicht abgeschlossene Ausbildung, wirtschaftliche Not oder andere Belastungen geht. Was jedoch nicht hinnehmbar ist, dass der Staat, bei angeblich leeren Kassen, diese Leistung der Fremdbetreuung so selbstverständlich zum größten Teil oder auch ganz übernimmt, während gleichzeitig die Eltern, welche selbst für gute Aufwachsbedingungen der ihnen anvertrauten Kinder sorgen, finanziell leer ausgehen. Gleichzeitig werden durch alle Ganztagsangebote die Kinder und Jugendlichen daran gehindert, selbstverantwortlich ihre Freizeit zu gestalten. So werden Jugendgruppen, Freundeskreise oder eigenverantwortliche Unternehmungen in den späten Nachmittag oder ins Aus gedrängt. Fragt man junge Erwachsene, wie innerhalb der verschiedenen Shell-Jugendstudien regelmäßig geschehen, was ihnen zurückblickend am ehesten fehlte, kommt meist an erster Stelle: „Mehr Zeit mit den Eltern verbringen können”. Dies unterstreicht: „Kinder brauchen Elternhäuser und keine Verschiebebahnhöfe zwischen öffentlicher Ganztagsbetreuung und familiärem Nachtquartier“ (aus: Abschied von der Spaßpädagogik).

Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

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