Schulfreunde: Zwei wie Pech und Schwefel

Der relevanteste Grund für Schülerinnen und Schüler, zur Schule zu gehen, sind nicht die Klassenarbeiten oder der Wissenszuwachs, weiß Franziska. Die Freundschaften sind es.

Ich sehe gerne, dass sich meine Schülerinnen und Schüler gut miteinander verstehen. Zunächst sind Freundschaft und erste Liebe viel schönere Bilder als kindisches Gezanke. Hauptsächlich deswegen habe ich mich bewusst gegen eine Grundschule entschieden. Außerdem trägt eine harmonische Grundstimmung im Klassenzimmer aus meiner Sicht maßgeblich zum Lernerfolg bei. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle die Geschichte einer Freundschaft erzählen, die in meiner Schülerschaft einzigartig ist.

Meryem und Zilan

Zwei Schülerinnen besuchen meine achte Klasse, die ich Meryem und Zilan nenne. In der leistungsstarken Klasse fallen beide Mädchen etwas aus dem Rahmen. Zilan hat einen sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich Sprache, Meryem ist in ihrem Lernvermögen stark eingeschränkt. Schon in der siebten Klassenstufe haben beide den Anschluss an den Lernstoff verloren. Auf erste negative Lernerfahrungen folgte, bedingt durch eine maßlose Überforderung beider Schülerinnen, eine richtige Trotzhaltung. Die Beiden kamen zwar regelmäßig in die Schule, verweigerten jedoch jeden Arbeitsauftrag und jede Leistungsüberprüfung. Die schlechten Noten waren sie bereits gewohnt, auch weitere „Sanktionen“ für unangepasstes Verhalten im Unterricht zogen nicht. Die Elternarbeit erwies sich als schwierig. Beide Familien wirkten mit der Alles-egal-Haltung ihrer Kinder überfordert.

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Schulzirkus

Dabei kann man nicht sagen, dass Zilan und Meryem die Schule weniger fröhlich besuchten. Im Gegenteil: Sie schienen sich selbst von jeder Erwartung und jedem Druck befreit zu haben. Ihr Schultag wirkte weniger wie eine Verpflichtung, eher glich er einem Besuch im Freizeitpark. Kein Tag, an dem ich die beiden nicht mit einer übergroßen Tüte Süßigkeiten, mehreren Luftballons und irgendeinem neuen Spielzeug zu Unterrichtszeiten über den Schulhof wie durch einen Zirkus scharwenzeln sah. Die Fachlehrer und Fachlehrerinnen bemühten sich zu Beginn noch, die beiden in die Klassenzimmer zu bewegen. Kaum waren sie dort angekommen, störten sie den Unterricht allerdings so massiv, dass die Bemühungen kleiner und leiser wurden. Für die Unterrichtsstunden, in denen beide anwesend waren, ersuchte die Klassenleitung unterdessen Vereinbarungen und Ideen, die die Störungen im Rahmen halten sollten. Zunächst einmal wurden beide Schülerinnen so weit auseinandergesetzt, wie es nur möglich war. Meryem und Zilan waren durch eine komplette Klassenraumdiagonale voneinander getrennt. Von ihren Gesprächen ließen sie sich trotzdem nicht abhalten. Schafften sie es, die ersten vier Minuten der Stunde noch leise zu verbringen, weil sie zum Beispiel ein Bild malten, so drehte sich Zilan spätestens in Minute Fünf um, hielt ihr Bild hoch und rief: „Meryem, schau! Wie sieht aus?“ Der Rest der Klasse quittierte dieses Verhalten zunächst mit Verständnis, später mit genervtem Augenrollen. Nach einigen Wochen, in denen die anderen Schülerinnen und Schüler zugesehen hatten, wie sämtliche Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Hilflosigkeit einfach gar nichts mehr unternahmen, hielten auch sie sich nicht mehr an Klassenregeln, riefen, aßen, malten, störten.

Was tun?

Es ist nicht so, als hätte die Lehrerschaft aufgegeben oder schlicht keine Muße mehr gehabt. Nur fehlte es an Ideen. Und die Ideen, die kamen, brauchten ihre Zeit, bis sie Früchte trugen. Wöchentlich setzten sich Sonderpädagoge und Klassenleitung zusammen, um Einfälle zu diskutieren. Eine kollegiale Fallberatung galt einzig und allein der Suche nach neuen Plänen, um die beiden zum Lernen zu bewegen. Elterngespräche fanden statt. Eintragungen. Tadel. Suspendierungen. Meldungen beim Jugendamt. Und die Drohung, die beiden zu trennen – doch an diesem Punkt hat sich etwas getan. Zilan und Meryem zeigten sich verhandlungsbereit.

Um beide Mädchen wieder unterrichtsfähig zu bekommen, haben wir als Lehrerschaft unsere Erwartungen so klein gesteckt, dass sie ihre Ziele erreichen und so das erste Mal seit Monaten ein berechtigtes Lob hören konnten. Mein Ziel im Deutschunterricht lautet zum Beispiel „Ich verhalte mich leise.“ Ich bin noch nicht soweit, inhaltliche Anforderungen an eines der Mädchen zu stellen, sehe es aber bereits als Erfolg an, sie im Klassenraum behalten zu können. Es steht hier an erster Stelle, sie wieder für den Unterrichtsbetrieb zu sensibilisieren und sie nicht zu schuldistanzierten Jugendlichen werden zu lassen, wie Berlin sie bereits zuhauf hat. Zu Beginn einer jeden Unterrichtsstunde bekommen Zilan und Meryem je einen leisen Ball von mir, mit dem sie ihre unruhige Motorik durch Knautschen und Nesteln befriedigen können. Einigen Lehrerinnen und Lehrern mag es abstrus erscheinen, bei Achtklässlerinnen die Erwartungen derart niedrig zu schrauben, doch es ist wichtig, die beiden dort abzuholen, wo sie stehen. Sonst werden sie nicht mehr in den metaphorischen Schulbus einsteigen.

Der geplatzte leise Ball

Vorletzte Woche rührte mich eine Szenerie besonders. Am Ende des Unterrichts am Donnerstag fragte mich Meryem, ob sie den leisen Ball noch für die Folgestunde behalten könne. Sie würde ihn der GeWi-Lehrerin am Ende der Stunde dann einfach zurückgeben. Begeistert vom Erfolg dieses Instruments stimmte ich zu. Als ich am Freitag zum Deutschunterricht kam, warteten eine zerknirschte Meryem mit einer tröstenden Zilan schon in der Tür auf mich. „Frau F., ich muss Ihnen was sagen! Gestern in GeWi, da ist mir leider der Ball zerplatzt.“ Ein Blick in die Richtung von Meryems Platz bestätigte ihre Geschichte. Noch immer war der Rest einer großen Mehllache auf dem Boden zu erkennen. Optisch erinnerte es mich an einen gigantischen Kokszwischenfall. Ein bisschen musste ich schmunzeln ob der Bilder in meinen Kopf. Meryem sah in ihnen aus wie ein Bäckerlehrling. Sie fuhr fort: „Ich habe gestern gleich meinem Papa gebeichtet und er hat mir Geld gegeben für einen neuen Ball. Heute früh war ich bei NanuNana, aber die hatten noch zu. Soll ich Ihnen das Geld geben?“ Diese Geste rührte mich sehr. Noch vor wenigen Monaten wäre beiden Mädchen absolut egal gewesen, was sie kaputt gemacht hätten. Ich sagte Meryem, wie stolz ich auf sie sei, dass sich um Ersatz bemühen wolle und forderte sie auf, den Ball zu kaufen und mir einfach an einem späteren Tag zu geben. Meryems Augen wurden groß: „Frau F., nein, ich kenne mich! Nie kann ich zwei Euro einen ganzen Tag in der Tasche behalten! Ich geb das Geld immer aus! Ich schaffe das nicht!“ Ich machte ihr Mut und Zilan schloss sich mir an, indem sie Meryem wie ein kleiner Cheerleader anfeuerte: „Mereym, du schaffst! Ich helfe dir, morgen, Samstag, wir gehen zu NanuNana!“
Ein pädagogischer Erfolg, der mich sehr freute.

Seit letzter Woche habe ich nun das Gefühl, dass es mit den beiden auch schulinhaltlich (sehr, sehr) langsam vorangeht. Zilan bemüht sich mittlerweile ohne besondere Aufforderung, Arbeitsmaterialien zu bearbeiten. Das noch lange nicht fehlerfrei, aber ich freue mich über jedes Wort, das sie schreibt. Und auch Meryem war am Freitag tatsächlich mit dem Kopf bei der Sache. Seit dieser Woche lesen wir „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang als Ganzlesestoff. Um sich in das Szenario eines SuperGAUs einzufühlen, sollten die Schülerinnen und Schüler Listen schreiben mit allen Dingen, die sie schnell zusammenpacken und mitnehmen würden. Die Jugendlichen kamen auf wirklich tolle Ideen. Von Zelten war die Rede, Dosennahrung, Toilettenpapier, Taschenlampen, Bärenfallen, Radio und so weiter. Die Klasse stellte sich gedanklich darauf ein, mehrere Wochen allein im Wald überleben zu müssen. Und nachdem bereits einige Listen vorgetragen wurden, meldete sich, ganz zögerlich, auch Meryem zu Wort. Ihre Liste klingt mir noch jetzt im Ohr nach: „Ich würde mitnehmen: Klamotten, mein Ausweis … und Zilan.“

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.