Serien im Unterricht: Goethes Faust trifft auf Breaking Bad

Was haben die amerikanische Serie Breaking Bad und das Drama Faust gemeinsam? Fragen Sie doch einmal Ihre Schülerinnen und Schüler.

Wie bringt man Schülerinnen und Schülern einen mehr als 200 Jahre alten Text näher? Indem man sie den Text mit einer aktuellen Serie vergleichen lässt. Unsere Fachredaktion für das Fach Deutsch zeigt, wie das funktionieren kann – am Beispiel von Goethes Faust und der amerikanischen Serie Breaking Bad.

Der unsterbliche Dr. Faust

Das Schicksal des Dr. Faust beschäftigt seit Jahrzehnten nicht nur zahlreiche Schülerinnen und Schüler. Auch Opern, Filme und Theaterstücke beziehen sich auf die Tragödie von Goethe. Dabei muss nicht immer die Geschichte des Faust erzählt werden. Viele musikalische und filmische Adaptionen benutzen das Faust-Motiv, erzählen aber etwas anderes.

Breaking Bad – das jüngste Faust-Zitat

Die amerikanische Erfolgsserie Breaking Bad ist eines der jüngsten Faust-Zitate. Walter White ist der moderne Faust. Er verwandelt sich vom biederen Chemielehrer und schüchternen Familienvater in den Drogenbaron Heisenberg. Auf der Suche nach Erfüllung durch Macht und Einfluss stellt er am Ende seinen Egoismus über das Wohl seiner Mitmenschen. Welche Gemeinsamkeiten haben Faust und Walter White? Welche Parallelen weisen ihre Lebenswege auf?

Unzufriedene Lehrer und Gelehrte

Beide sind Wissenschaftler und Lehrer. Während Faust „Philosophie, Juristerei und Medizin, [u]nd leider auch Theologie! Durchaus studiert“ hat, sich mit den mittelalterlichen Künsten der Alchemie auskennt und an einer Universität lehrt, ist Walter White zu Beginn der Serie ein überqualifizierter und unterbezahlter Chemielehrer an einer High-School. Früher ist er als auf Kristallographie spezialisierter Chemiker tätig gewesen.

Beide sind zu Beginn mit ihrer Lebenssituation unzufrieden. Faust zweifelt an der Erkenntnis in der Wissenschaft und wird von dem Widerspruch zwischen Erkenntnisdrang und Erfahrungslust zermürbt. Walter White ist unzufrieden mit seiner Tätigkeit als Lehrer: Seine Fähigkeiten als Chemiker liegen weit über den nötigen Kompetenzen im Schulalltag und die Schülerinnen und Schüler teilen nicht einmal seine Begeisterung für die Chemie. Aber der größere Grund für seine Unzufriedenheit dürfte der unerwartet große Erfolg seiner ehemaligen Firma Gray Matters Technologies nach seinem Weggang sein. In der Firma hatte Walter auch eine Beziehung mit seiner Laborassistentin Gretchen Schwartz, einer Namensvetterin zu Fausts Gretchen.

Die Dämonen, die sie riefen

Die beiden Figuren werden von Dämonen heimgesucht. Faust beschwört selbst den Erdgeist, um Einblicke in das Wirken von Natur und All zu erlangen. Er wird jedoch schnell von diesem zurückgewiesen und auf seine unbedeutende Existenz hingewiesen. Faust will sich aus Verzweiflung schließlich umbringen, wird aber vom Läuten der Kirchenglocken abgehalten. Die Dämonen von White treten in Gestalt eines Lungenkrebs im Endstadium auf. Die Kosten für die Operation kann er sich aufgrund seines schlechten Lehrergehalts und der finanziellen Situation der Familie nicht leisten.

Der Pakt mit dem Teufel

Beide Charaktere setzen sich mit dem Tod auseinander, nur dass es sich bei Faust um einen selbstgewählten und bei Walter White um einen ungewollten Tod handelt. Diese Bedrohung in Kombination mit der Unzufriedenheit führt dazu, dass sie sich mit dem „Bösen“ einlassen. Faust geht einen Pakt mit Mephistopheles ein, indem er ihm seine Seele verspricht für den Fall, dass er erfüllt und glücklich sein sollte. Der Pakt mit dem Teufel findet bei Breaking Bad metaphorisch statt: Walthers Entscheidung Crystal Meth zu kochen, um die Operation bezahlen und seine Familie nach seinem Tod unterstützen zu können, kann als Wahl der „dunklen Seite“ verstanden werden. Im Zuge seiner Verwandlung in Heisenberg lässt er sich immer wieder mit „Assistenten des Teufels“ ein, z. B. Tuco Salamanca und Gustavo Fring.

Unstillbares Verlangen

Der Pakt mit dem „Bösen“ bringt die beiden Figuren zu verschiedenen Schauplätzen und in Kontakt mit Charakteren der Unterwelt. Obwohl das anfängliche Verlangen dabei zunächst gestillt wird – Walter kann durch das Drogengeld seine Operation bezahlen und Faust kann das Herz von Gretchen gewinnen –, wollen beide immer mehr durchleben und erreichen. Das Streben nach mehr Macht und Einfluss äußert sich bei White im Rasieren einer Glatze trotz angeschlagener Therapie und wachsenden Haaren.

Erst kommt das Fressen …

Beiden verlieren auf ihrem Weg zusehends ihre moralische Integrität und gehen über Leichen, um ihre Ziele zu erreichen. Faust ist nicht nur verantwortlich für den Tod von Gretchens Mutter und von ihrem Bruder Valentin, sondern auch für Gretchens Hinrichtung, die er ohne Heirat und ohne Gewissensbisse schwängert und damit ihrem im 18. Jahrhundert unumgänglichen Schicksal überlässt. Auch für die Verzweiflungstat von Gretchen, die Tötung ihres Kindes, ist er mitverantwortlich. Walters Wandel vom Paulus zum Saulus ist mit sehr viel mehr Opfern verbunden: Verhindert er zu Beginn seiner Karriere als Drogenbaron lediglich nicht den Tod von Jane und lässt Jesse seinen zugewiesenen Laborassistenten Gale umbringen, vergiftet er später selbst den Sohn von Jesses Freundin.

Am Ende bleibt der Tod

Am Ende der Geschichte steht der Tod der Protagonisten. Faust steht als Bauherr und Landschaftsplaner vor einem erfolgreich umgesetzten Großprojekt und wird nach seinem Tod vom Gott begnadigt ins Himmelsreich aufgenommen. Bei Walter hingegen gibt es keine göttliche Kraft, die seine Taten bewertet. Er hat nicht nur ein erhebliches Vermögen mit dem Kochen und Verbreiten von Crystal Meth erwirtschaftet, sondern sich auch zahlreiche Feinde im Drogenmilieu gemacht. Er stirbt bei der Befreiung seines Partners Jesse.

Eine Parabel auf den modernen Menschen

Walter wie Faust streben nach unerreichbarer Erfüllung, der Einheit zwischen Ich und Welt, die im Streben nach Macht, Einfluss und Geld ihren Niederschlag findet. Das moralische Mitgefühl für ihre Mitmenschen weicht zunehmend der puren Ambition des Schaffens und Handelns. Beide sind ein Symbol für den modernen Menschen, der seine Seele eintauscht gegen Erfolg und Glück. Ihre Geschichte wiederum kann als Parabel gelesen werden für die beschleunigte Welt, in der die Menschen ihr Glück immer mehr im Konsum suchen, schnell unzufrieden sind und durch den ständigen Bedarf nach etwas Neuem fortwährend auf die Zukunft spekulieren.

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Über den Autor

nullRené hat Deutsche Literatur und Physik studiert. Seine Schwerpunkte liegen in der Gegenwartsliteratur und der Literaturdidaktik. Er ist seit Januar 2015 bei sofatutor Fachmanager für Deutsch.




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