Smartphones im Unterricht: „Ich habe noch nie so gute Ergebnisse erzielt“

Esther von Estorff benutzt Smartphones im Unterricht. Die Bio-, Chemie- und Mathelehrerin spricht im Interview über ihre anfängliche Skepsis und ihre Erfolgserlebnisse.

Frau von Estorff, wie kamen Sie zum „Bring your own device“-Modell (BYOD), bei dem Schülerinnen und Schüler im Unterricht ihre eigenen mobilen Geräte nutzen?

Estorff: „Für mich ist es die einfachste Lösung. Wir haben in der Schule einen Laptopwagen. Die Geräte sind hochwertig, aber wenn es darauf ankommt, funktionieren sie nicht. Das liegt daran, dass die Geräte zwar gut gewartet werden, aber von tausend Schülerinnen und Schülern genutzt werden. Zudem ist unser Equipment zwei Jahre alt – also nicht sehr alt. Aber die Kinder haben oft neuere Smartphones oder kennen sich mit ihren Geräten besser aus als mit den Schulgeräten.“

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Wie haben Sie den Einsatz mobiler Endgeräte im Unterricht eingeführt?
Estorff: „Ich habe zunächst locker gefragt, welche Schülerinnen und Schüler ein Smartphone besitzen. Dann wollte ich wissen, was sie davon halten, es im Unterricht einzusetzen. Ich befürchtete, dass sie sich schämen könnten, weil sie nicht das neuste Gerät besitzen oder dass es das Konkurrenzdenken fördert. Aber die Schülerinnen und Schüler waren offen und tolerant. Ich habe von vornherein klargemacht, dass es reicht, wenn man im Unterricht zu zweit mit einem Smartphone arbeitet. Durch diese Lösung gibt es keine Probleme.“

Wie haben Sie Smartphones oder Tablets bereits eingesetzt?
Estorff: „Im letzten Jahr haben wir z. B. Mitose und Meiose in Biologie mittels Smartphones behandelt. Auf dem Activeboard habe ich der Klasse verschiedene Simulationen gezeigt. Anstelle des klassischen Plakats sollten die Schülerinnen und Schüler sich anschließend eine Lerndatei zusammenstellen. Ihnen war freigestellt, welche Medien sie verwenden: Sie konnten Bilder aus Büchern, dem Internet oder aus meiner Simulation verwenden. Sie sollten die Bilder mit eigenen Erklärungen versehen. Die Zwischenschritte habe ich zur Inspiration für die anderen Schülerinnen und Schüler auf das Activeboard gebracht.

Immer, wenn sie außerhalb des Unterrichts ihr Smartphone benutzten, sollten sie die Lerndatei aufrufen und sich ihre Notizen anschauen. Es hat wirklich gut funktioniert! Ich habe noch nie so gute Ergebnisse erzielt – gerade bei einem Thema wie Mitose und Meiose. Einigen Schülerinnen und Schülern musste ich erst erklären, dass man auf einem Smartphone mehr Programme als nur WhatsApp nutzen kann. Aber generell ist die Handhabung für sie sehr vertraut.“

Haben Sie ein weiteres Beispiel?
Estorff: „Ich promoviere aktuell zum Thema ‚Modelle und Verständnis der Chemie‘. Mein Anspruch ist es, dass Lernende mehr über Modelle lernen und sie verstehen und nicht nur auswendig lernen. Dazu gibt es kostenlose Programme von verschiedenen Universitäten. Es gibt eine App, den Chemiebaukasten von Kappenberg, die man direkt im Unterricht einsetzen kann. Die Schülerinnen und Schüler führen dazu angeleitet von mir ein Experiment durch. Sie müssen sich aus diesem Experiment heraus überlegen, welche Stoffe und Elemente verwendet wurden, wie die Verbindungen aussehen können und erarbeiten sich selbstständig die richtige Gleichung für das Experiment. Die App hilft ihnen dabei.“

Wie reagieren Eltern auf den Einsatz von Handys im Unterricht?
Estorff: „Es ist in unserer Schulordnung vorgesehen, dass in der Schule ein Handyverbot herrscht. Es sei denn, die Geräte werden im Unterricht eingesetzt. Unsere Eltern sind sehr offen und vertrauen uns. Ich habe bisher keine Beschwerden bekommen.“

Worin liegen für Sie die Herausforderungen im Einsatz von mobilen Endgeräten?
Estorff: „Die Schülerinnen und Schüler haben oft ihre Handys nicht aufgeladen. (lacht.) Wir verfügen nicht über Schul-WLAN, sodass man während des Unterrichts nicht online recherchieren kann. Das geschieht nach wie vor zu Hause. Meine Erfahrung zeigt mir aber, dass das nicht schlecht ist. So ist klar, dass nur die zuvor heruntergeladene App zur Verfügung steht. Diese nutzt man in der Schule offline. Ich bin auch sehr streng, was den Umgang mit den Geräten angeht. Wenn sich die Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts Informationen zusenden wollen, unterbinde ich das. Nach der Stunde können sie sich aber gerne die Materialien schicken.“

Würden Sie es sich wünschen, WLAN in der Schule zur Verfügung zu haben?
Estorff: „Ich denke, es würde die Einsatzmöglichkeiten vervielfältigen. Ich arbeite nicht nur mit Smartphones im Unterricht, sondern auch mit Laptops oder Desktopcomputern. Wir haben Wahlpflicht-Kurse, in denen wir z. B. aktuell in den Naturwissenschaften eine Experimentalstunde durchführen. Dafür müssen die Schülerinnen und Schüler auch recherchieren. Da steht uns zurzeit nur der Rechner des Activeboards zur Verfügung. Das ist zu wenig. Man könnte die Recherche auf mehrere Gruppen verteilen und würde schneller vorankommen, wenn wir Schul-WLAN hätten.

Ich sehe natürlich auch die rechtlichen Probleme, die aus einem freien WLAN entstehen können. Es ist eine Gratwanderung.“

Gibt es Dinge, die Sie sich im Umgang mit digitalen Medien wünschen?
Estorff: „Generell fände ich es gut, wenn den Lehrerinnen und Lehrern nicht so viele Regeln und Richtlinien auferlegt würden. So könnten wir einfach mal ausprobieren und die Vor- und Nachteile herausfinden. Lehrerinnen und Lehrer müssen im Vorfeld bürokratische und teilweise altmodische Hürden überwinden. Da verlieren viele die Lust, Neues auszuprobieren.“

Zum Abschluss, wie sieht für Sie die Schule von morgen aus?
Estorff: „In den nächsten fünf Jahren wird sehr viel an den Schulen ausprobiert werden. Wenn ich zwanzig bis dreißig Jahre weiter denke, wird es noch leichtere Geräte geben, mit denen wir im Unterricht arbeiten. Außerdem werden Unterrichtsmaterialien, wie Workbooks digital sein, um die Last der Kinder zu verringern. Ich hoffe, dass sich die Schulbuchverlage neu ausrichten. Zurzeit ist das eine ziemlich Abzocke der Lehrenden, ehrlich gesagt. Wir müssen jedes Jahr neue Lizenzen für digitale Schulbücher erwerben – von unserem privaten Geld. Das wird uns nicht nicht vom Arbeitgeber erstattet. Die Schulmittelfreiheit gilt für die Schüler- aber nicht für die Lehrerschaft.“

Vielen Dank für das Interview!

Esther von Estorff
Esther von Estorff, 50 Jahre, Oberstudienrätin an der Adolf-Reichwein-Schule in Langen/Hessen, Studium der Chemie und Biologie. Entschied sich aus Überzeugung für den Lehrerberuf und nicht für die chemische Industrie (und hat es nicht bereut). Seit 2012 als Dozentin an der TU Darmstadt für die Lehrerausbildung Organische Chemie.

Titelbild: © racorn/shutterstock.com