U-Boot-Torpedos am Eiffelturm: Diplomatie ‒ der neue Film von Volker Schlöndorff

Paris, die Stadt der Liebe, Architektur, Museen, Brücken ‒ auch wer noch nicht da gewesen ist, weiß um die Schönheit der französischen Hauptstadt und das nicht erst seit gestern. Jene Schönheit hätte jedoch mit einem Schlag dem Erdboden gleichgemacht werden können und die Entscheidung darüber lag in der Hand eines Mannes. Oscarpreisträger Volker Schlöndorff thematisiert in seinem neuen Film Diplomatie die Ereignisse und mahnenden Momente um die drohende Vernichtung von Paris in den letzten Atemzügen des Zweiten Weltkriegs.

Die Zerstörung eines Vorbilds

Das historische Drama Schlöndorffs handelt von der letzten Nacht der deutschen Besetzung von Paris im August 1944, in der zwei Männer um das Schicksal einer Stadt ringen: der schwedischer Generalkonsu Raoul Nording, gespielt von André Dussollier und der von Hitler Anfang August 1944 ernannte „Kommandierende General und Wehrmachtsbefehlshaber von Groß-Paris” Dietrich von Choltitz, verkörpert von Niels Arestrup. Nachdem der Vormarsch der Alliierten auf das von Deutschland besetzte Paris nicht mehr aufzuhalten scheint, erhält Choltitz von Adolf Hitler den Befehl, Paris dürfe „[…] nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen”. Denn für Hitler, der selbst überwältigt ist von der Schönheit der Stadt, seinen Architekten Speer sogar anweist, Paris als Vorbild des geplanten „Groß-Berlin” anzusehen, ist der Gedanke, Paris könne von allem Kriegsunheil verschont bleiben, unerträglich. Die halbe Stadt ist bereits vermint, am Eiffelturm U-Boot-Torpedos installiert, Louvre, Notre Dame, Place de la Concorde, Sacré-Cœur ‒ nach Hitlers Vorstellung soll keiner mehr nach dem Krieg an der Schönheit Paris’ partizipieren können. Jene für die deutsch-französische Freundschaft oder in dem Fall Feindschaft gravierende Entscheidung gibt er in die Hände des General Choltitz, der jedoch den Befehl in letzter Minute verweigert und das Überleben der Stadt, ihrer Bauwerke ebenso wie ihrer Menschen verhindert. Paris wird nicht zerstört.

„Wenn Paris auf dem Spiel steht, sind alle Mittel erlaubt.”

Was bewegt einen linientreuen General, der an den Judenmorden in Sebastopol, an der Schlacht von Charkov und der Zerstörung Rotterdams beteiligt war, seiner Untergebenheit zuwider zu handeln, den Führerbefehl zu verweigern, die Kapitulation einzugestehen und letztlich zu vollziehen? Der Druck der alliierten Mächte? Moralische Einwände?
Dies ist die Kernfrage des atmosphärisch aufgeladenen und dicht inszenierten Films: Wie könnte diese Rettung der Seine-Metropole abgelaufen sein?

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Vor dem Hintergrund der Theatervorlage DIPLOMATIE von Cyril Gély schuf Schlöndorff ein Drama über folgenschwere Wortgewalt und die Macht der Diplomatie. Die darin erzeugte Spannung gewährleistet neben gutem schauspielerischen Talent bereits die eigentliche Thematik: Diplomatie erfordert Distanz, hier die Distanz zwischen zwei Systemen, zwei Männern, die diesen Systemen entstammen. Sind Diplomaten sonst reine Funktionsträger, dessen Macht sich meist auf die Ausführung erteilter Befehle beschränkt, spielt der Film hier mit der Befreiung aus jenen Beschränkungen und zeigt über spannungsgeladene Dialogstrukturen und klare Momente des Schweigens, welche Folgen Handlungen mit sich ziehen, welche Zerrissenheit sie implizieren können, insbesondere in historischer Rückschau.


Diplomatie

Filmset Diplomatie

Eine Nacht mit historischer Tragweite

Es ist die Nacht vom 24. auf den 25. August 1944. Vor den Toren von Paris sammeln sich die Alliierten vier Jahre nach der deutschen Besetzung der französischen Hauptstadt. Im Hauptquartier des Hotel Meurice befindet sich General Cholitzt, abgeschirmt und sicher, dabei, Hitlers Befehl vorzubereiten und Folge zu leisten. Unterbrochen wird er dabei plötzlich von Raoul Nordling, dem schwedischen Generalkonsul. Die Gründe, Paris vor dem Untergang zu bewahren, serviert ihm Nordling in einem langen, philosophisch weitreichenden und die Moral des Generals bis zum Keim aufrührenden Dialog. Hier wird auf kleinem Raum die Macht über Worte abgewogen und über die Zukunft einer ganzen Stadt und derer von Millionen von Menschen entschieden. Die Bomben unter Paris ticken bereits und nur Choltitz hat die Macht, den Stecker zu ziehen. Ein Ping-Pong-Spiel der Argumente bricht los. Welches von Nordling letztlich dazu führt, Choltizt umstimmen zu können, scheint vor der Entscheidung solch historischer Tragweite fast unwichtig. Eines ist jedoch Fakt: „Generäle haben oft die Macht etwas zu zerstören, aber selten die, etwas zu erschaffen.” (Nordling)

Fiktion und Realität

Die wahren Gründe für den offenbaren Sinneswandel Genral Cholitzts werden wir jedoch auch aus dem Film nicht ziehen können, da dieses Gespräch, so, wie es in Diplomatie inszeniert ist, nie stattgefunden hat. „Historisch richtig […] ist, dass die beiden Männer sich kannten und über das Schicksal von Paris sprachen. […]. Ausgehend von den wenigen historischen Fakten konstruierten wir eine Geschichte und versuchten, uns ein Bild von der Psyche des deutschen Generals zu machen” (Volker Schlöndorff).
Somit gab es auch kein Treffen in jenem Hotelzimmer, in dem Napoleon III. bereits nächtigte und über eine geheime Tür, über die sich auch Nordling Zugang zu Choltitz verschafft, unbemerkt seine Geliebte aufsuchen konnte. Ein „Boulevard-Theater Element” (ebd.), dass die sehr starre Szenerie des Filmes etwas lockert. Dazu trägt auch die indirekte dritte „Hauptrolle” bei, die letztlich auch den Film von der Theatervorlage abhebt: Paris, das in vielen seiner Facetten eben nicht nur Handlungsträger und Kulisse ist.

Diplomatie im Unterricht

Schlöndorffs Filme haben schon so manche Unterrichtsstunde bereichert: Die Blechtrommel (1979), Michael Kolhaas (1969), Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975) und Homo Faber (1991). Auch Diplomatie hat durchaus Potential, in eine thematisch passende Unterrichtseinheit integriert zu werden. Als Themenfelder werden Befehl und Gehorsam, Gewalt, Konfliktbewältigung, Krieg- /Kriegsfolgen, Macht und Widerstand, Nationalsozialismus, Recht und Gerechtigkeit sowie Wertevermittlung vorgeschlagen, die in Fächern wie Geschichte, Politik, Ethik, Philosophie und Sozialkunde besprochen werden können.

Vor allem ist es aber die Auseinandersetzung mit der Frage, was passiert worden wäre, hätte man Paris wirklich dem Erdboden gleichgemacht. „Wäre Paris ausradiert worden, kann ich mir nur schwer vorstellen, wie die deutsch-französische Freundschaft hätte entstehen und Europa zu Stabilität zurückfinden sollen” (Schlöndorff). Denn dieser wenig in den Fokus deutscher Geschichte genommene Moment war ein tragender Meilenstein für die Zukunft der beiden Länder und ermöglichte vielleicht erst, dass aus der Jahrhunderte langen Feindschaft eine Freundschaft entstand.

Link zu den begleitenden Unterrichtsmaterialien.

Daten:

„Diplomatie“; F/D 2014
Regie: Volker Schlöndorff
Darsteller: André Dussollier, Niels Arestrup, Robert Stadlober, Burghart Klaussner, Charlie Nelson, Jean-Marc Roulot, Stefan Wilkening
84 Minuten
FBW: besonders wertvoll
FSK: freigegeben ab 12 Jahren (für den Unterricht ab Klasse 9 empfohlen)
Sprachfassung: deutsch, OF, OmU
Kinostart: 28. August 2014

Bilder: ©DiplomatieFilm