Wer hat Angst vor Wirtschaft im Unterricht?

Auch Schüler sind Teil des wirtschaftlichen Systems. Das ist vielen von ihnen gar nicht bewusst. Wie können Lehrende selbst in „wirtschaftsfremden“ Fächern Schüler für das Thema sensibilisieren?

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen, aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, twitterte eine Kölner Schülerin Anfang des Jahres. Damit stieß sie eine deutschlandweite Bildungsdebatte an – die Frage nach einem eigenständigen Schulfach Wirtschaft.

Aber muss es gleich ein neues Schulfach sein? Kann das Thema Wirtschaft nicht auch in kleinen Schritten in den Schulalltag integriert werden? Das Modellprojekt „Universum Wirtschaft – Impulse für Lehrer von morgen“ sagt „Ja“. Das Projekt wurde im Jahr 2012 von der Stiftung Deutsche Wirtschaft gemeinsam mit der Commerzbank-Stiftung initiiert. Ziel ist es, Anregungen zu erarbeiten und weiterzugeben, wie Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrkräften für Wirtschaftsthemen praxisorientiert sensibilisiert werden können – auch in vermeintlich wirtschaftsfremden Unterrichtsfächern.

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Warum Wirtschaftsthemen im Unterricht?

Jeder ist Teil des Wirtschaftssystems – als Verbraucher, als Arbeitnehmer als Unternehmer. Vielen Schülerinnen und Schülern ist das jedoch nicht bewusst. „Sie wissen nicht, dass sie durch den Kauf eines Brötchens beim Bäcker oder durch die Registrierung bei Facebook mit ihren Daten ,bezahlen‘ und damit Teil des wirtschaftlichen Systems sind“, erklärt Francesca Lüdecke, Lehrerin für die Fächer Politikwissenschaft und Italienisch sowie Projektteilnehmerin bei „Universum Wirtschaft“. Dabei sei es gerade heute wichtig, dass sie solche Zusammenhänge reflektieren können. Und hier kommt die Schule ins Spiel. „Es geht darum, grundlegendes Wirtschaftswissen praxisorientiert an die Schülerinnen und Schüler weiterzugeben“, so Lüdecke.

Praxistipps für den „fachfremden“ Unterricht

Aber wie kann die Physiklehrerin oder der Musiklehrer eine natürliche Verbindungen zwischen ihren bzw. seinem Fach und Wirtschaftsthemen herstellen? Das „Universum Wirtschaft“ ist der Meinung, dass auch in vermeintlich „nicht-wirtschaftlichen“ Fächern das Potenzial für die Behandlung von Wirtschaftsthemen steckt. In ihrer Dokumentation Wirtschaft im Unterricht? geben sie einige Praxisbeispiele:

Im Sprachunterricht:

  • Die Wirtschaft des jeweiligen Landes (große Unternehmen, Industrie, Regionen) besprechen.
  • Vor- und Nachteilen verschiedener Arten und Kosten des Reisens in das allgemeine Thema „Reisen“ integrieren.
  • Thema „Lebenswelten der Jugendlichen“ wie Freunde und Hobbys als Grundlage nutzen, um sich über Konsum und Ausgaben auszutauschen.
  • In der Publikation Wirtschaft im Unterricht? finden Sie einen Unterrichtsentwurf zum Thema „Italien und seine Wirtschaft, Wirtschaftssektoren, Migrationsprozesse. Nord-Süd-Konflikt, Industalisierung, Handelsmarke „Made in Italy“.

Im Matheunterricht:

  • Matheaufgaben mit Lebensbezug: Die Kosten verschiedener Handyverträge vergleichen oder die beliebten Finanzierungsangebote großer Elektronikmärkte hinterfragen und berechnen.
  • In der Publikation „Wirtschaft im Unterricht?“ finden Sie einen Unterrichtsentwurf zum Thema „Zins und Zinseszins“.

Im Geschichtsunterricht:

  • Die ersten Wirtschaftsformen wie den Frühkapitalismus, den Merkantilismus als Wirtschaftspolitik mit der heutigen Wirtschaftspolitik vergleichen.
  • Die Folgen der Industrialisierung für unsere heutige Gesellschaft thematisieren.

Im Musikunterricht:

  • Musikkonsum und Medienkonsumverhalten thematisieren.
  • Musikkunst und Musikgeschäft behandeln.

Im Kunstunterricht:

  • Kunst als Spekulationsobjekt thematisieren.

Im Physikunterricht:

  • Technische und ökonomische Effizienz sowie die individuelle und gesellschaftliche Kosten- und Nutzenrelationen der Atomkraft hinterfragen.

Berührungsängste beim Thema „Wirtschaft“?

Ängste, das Thema als „fachfremde“ Lehrkraft in den Unterricht einzubinden, seien anfangs natürlich. „Hier bietet sich an, mit den Fachkollegen gemeinsam Bezugspunkte zur Wirtschaft herzustellen und Schwerpunkt zu setzen“, so Francesca Lüdecke. Auch solle man sich bescheidene Kompetenzziele setzen. Es gehe nicht darum, Wirtschaftswissenschaftler auszubilden, sondern lediglich darum, Schülerinnen und Schüler für Wirtschaftsthemen zu sensibilisieren.


Zum Projekt Universum Wirtschaft


Universum Wirtschaft ist ein Modellprojekt der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) und wird von der Commerzbank-Stiftung gefördert. Das Projekt macht zukünftige Lehrer mit Wirtschaftsthemen vertraut, vermittelt Wirtschaftswissen und ermöglicht Referendaren frühzeitig Einblicke in die Welt der Wirtschaft. Der Stiftung der Deutschen Wirtschaft ist es dabei ein wichtiges Anliegen, wirtschaftsethische Aspekte mit einzubeziehen. Ziel ist es, die Lehrer von morgen anzuregen, ihre späteren Schüler für Wirtschaftsthemen zu sensibilisieren und grundlegendes Wirtschaftswissen praxisorientiert und abwechslungsreich weiterzugeben. Die angehenden Lehrer erhalten dafür konkrete Impulse für die Unterrichtsgestaltung und entwickeln im Rahmen des Projekts Ideen, an welchen Stellen die eigenen Unterrichtsfächer Anknüpfungspunkte zum Themenkomplex Wirtschaft bieten. Das Projekt Universum Wirtschaft richtet sich an Lehramtsstudierende und junge Lehrer in Berlin und ist auf eineinhalb Jahre angelegt.




Sie haben weitere Ideen, wie Lehrerinnen und Lehrer Wirtschaftsthemen in Ihren Unterricht einbinden können? Dann hinterlassen Sie uns gerne einen Kommentar.


Titelbild: © Ollyy/shutterstock.com