Zu krank für die Schule? Hier eine Lösung

Eine plötzliche Krankheit, ein traumatisches Erlebnis, das Asperger-Syndrom oder das Glück, früh Karriere zu machen. Diese vier Phänomene haben eins gemeinsam: Kinder, denen es unmöglich ist, eine normale Schule zu besuchen. Sie sind entweder zu krank oder haben bereits viel Stoff verpasst, schlimme Erlebnisse durchgemacht oder heißen Bill und Tom Kaulitz und haben als Teenager eine Band gegründet und sind durch ganz Deutschland getourt. Für all diese Kinder gibt es eine Lösung: die Web-individualschule in Bochum.

Was steckt dahinter?

Die Idee für die Web-individualschule entstand 2002. Herr Lichtenberger, Vater der jetzigen Schulleiterin Sarah Lichtenberger, gründete die Schule. Er erkannte durch seine Arbeit in einer Jugendeinrichtung, dass Kinder, die besondere pädagogische Zuwendung brauchen und nicht gruppenfähig sind, auch nicht schulfähig sind.

Deshalb gründete er eine Schule, die Kinder zu Hause oder im Krankenhaus erreicht. Frei nach dem Motto: Wenn die Kinder nicht zur Schule gehen können, dann muss die Schule zu den Kindern kommen.

Heute führt seine Tochter die Schule. Sie sieht die Web-individualschule als letzte Chance für Kinder, die den Anschluss verpasst oder aus diversen Gründen panische Angst vor Schule haben. „An unserer Schulform kann man nur teilnehmen, wenn man von der Schulpflicht befreit ist”, erklärt sie uns.

„Web-individual” – was heißt das jetzt genau?

Die Schülerinnen und Schüler werden via Skype, also per Videokonferenz, unterrichtet. Am Anfang wird zum Kennenlernen auch erstmal per E-Mail Kontakt aufgenommen, aber der eigentliche Unterricht erfolgt dann in einem persönlichen Chat im Internet oder auch mal am Telefon.

Jeder Schüler hat genau einen Ansprechpartner, also eine Lehrkraft. Diese erfragt am Anfang den Wissensstand, die Bedürfnisse und Lücken des jeweiligen Schülers und erstellt dann einen individuellen Lehrplan.

Auf den eigentlichen Lehrplan aus der Schule greift die Web-individualschule meist nicht zurück. Wie auch? Die Schülerinnen und Schüler sind teilweise auf einem völlig anderen Lernniveau, als sie in ihrem Alter sein müssten. Außerdem wird sich, gerade bei Schulverweigerern, die ebenfalls hier unterrichtet werden können, stark an Interessen orientiert. Die eine motiviert man vielleicht mit berühmten Sängern, dessen Songtexte man übersetzt – den anderen muss man mit praktischen Rechenaufgaben über die Trefferwahrscheinlichkeit seines Lieblingsfußballers hinter dem Ofen hervorlocken. Alle fünf angestellten Lehrkräfte versuchen, allen Lernenden gerecht zu werden.

Die Beteiligten

10-jähriges jubiläum

10-jähriges Jubiläum © Web-individualschule

Zur Zeit werden 56 Schüler an der Web-individualschule unterrichtet. Die Nachfrage ist sehr groß – deshalb müssen neue Lehrerinnen und Lehrer her.

Die fünf derzeitigen Lehrkräfte unterrichten mehrere Kinder und sind, wie oben bereits erwähnt, der jeweilige Ansprechpartner für ein Kind. Beim Unterrichten achten sie stets auf die Belastbarkeit der Schüler. Wie viel unterrichtet wird, wird individuell abgestimmt.

Die Web-individualschule arbeitet deshalb auch sehr eng mit den Eltern und Ärzten bzw. Psychologen der Kinder zusammen.

Die Lehrkräfte sind noch sehr jung, da sie so die Interessen der Schülerinnen und Schüler besser verstehen können: „Jemanden, der nicht weiß, was GTA oder wer Bushido ist, können wir hier nicht gebrauchen. Die Lehrer sollen die Schüler verstehen und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufbauen. Auch die Aufgaben sollen ja individuell auf die Schüler abgestimmt werden”, sagt Frau Lichtenberger. Trotzdem bringen sie als Pädagogen Praxiserfahrung mit – einige sind Förderschullehrer.

Eingliederung in die „normale Schule”

Einige Kinder kehren nach ein paar Monaten oder Jahren an der Web-individualschule wieder an ihre normale Schule zurück. Sie haben ihr Trauma oder ihre Krankheit überwunden, sind nicht mehr am Filmset oder wollen Abitur machen.

Die Web-individualschule arbeitet ohnehin in enger Kooperation mit Regelschulen, da man an hier keine Prüfungen schreiben kann. Wenn ein Schüler also seinen Realschulabschluss machen will, muss er eine zentrale Abschlussprüfung an einer Regelschule schreiben.

Damit das möglich ist, werden alle Materialien des individuellen Unterrichts gesammelt und der Regelschule vorgelegt. Die behandelten Themen werden dann zu Vornoten zusammengefasst, da an der Webschule keine Noten vergeben werden. Wenn ein Kind nach wie vor Angst hat, eine Schule zu betreten, kann der Individual-Lehrer auch mitkommen.

In den vergangenen elf Jahren haben etwa 150 Schülerinnen und Schüler ihren Abschluss mit Hilfe der Web-individualschule machen können. Darauf ist die Schule sehr stolz. Doch eines ist Frau Lichtenberger noch wichtiger als jeder Erfolg – Verständnis: „Wissen Sie, ich habe selbst eine Tochter. Und natürlich wünsche ich mir, dass sie in der Schule viele Freunde hat, sich in einen Jungen verliebt und heimlich auf dem Schulhof raucht. Aber wenn so ein Leben einfach nicht möglich ist – dann wäre ich froh über so eine Möglichkeit, meinem Kind das Thema Schule doch noch irgendwie näher zu bringen.”

Die Schülerinnen und Schüler der Webschule sind sehr dankbar für das Angebot und wollen aus ihrer Situation das Beste machen. Die Web-individualschule bietet ihnen die Möglichkeit dazu.

Titelbild: © Web-individualschule