„Eine positive Einstellung zur Schule ist eine Entscheidung!“

Lydia Clahes versucht, nicht über den Schulalltag als Lehrerin zu jammern und sich auf das Positive zu konzentrieren. Wie sie das macht, verrät sie in ihrem Podcast und hier.

Lydia, du bist seit 13 Jahren Lehrerin und gibst im Podcast Locker Lehrer! anderen Lehrenden Tipps rund um den Unterricht, das Lernklima und den Umgang mit Eltern sowie Schülerinnen und Schülern. Wie kam es dazu?

Lydia Clahes: „Ich habe an unterschiedlichen Schulen unterrichtet und dabei so manches erlebt, woraus sich ein individuelles Methodenrepertoire und ein ‚LockerLehrerProfil‘ für mich herauskristallisierte. Als Klassenlehrerin hatte ich viel Spaß mit meinen Schülerinnen und Schülern, lernte durch die Schulwechsel aber, dass dies nicht selbstverständlich ist. Viele Kolleginnen und Kollegen wissen gar nicht, wie positiv gestaltend sie in ihrem Klassenzimmer sein können. Und dass sie nicht nur Opfer vorherrschender Umstände sind. Das Bedürfnis, meine Erfahrung an sie weiterzugeben, wuchs.

Eine Erkrankung zwang mich zu einer längeren Auszeit. Da ich gerne Podcasts hörte, sah ich in diesem Format die beste Möglichkeit, meine Erfahrungen zu bündeln und einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen. Lehrerblogs gibt es viele und mir macht vor allem der Einsatz meiner Stimme großen Spaß und das Ganze umso persönlicher. Schnell gab es positives Feedback. Dadurch, dass junge Lehrerinnen und Lehrer meine Tipps sofort umsetzten, wurde mir bald klar, dass dieser Podcast für viele nützlich ist und ich ihn weiterverfolgen muss.“

Da dein Podcast positiv ist, jammerst du weder über Vorfälle in der Schule noch über Reformen oder Lehrpläne. Aber in jedem Berufsalltag gibt es Höhen und Tiefen. Wie wirst du deinen Ärger los?

Lydia Clahes: „Jammern muss sicherlich auch sein. Und auch ich fände viele gute Gründe dafür. Doch war meine Devise immer eher, schnell nach kreativen Lösungen zu suchen, statt mich zu lange mit Ärgern aufzuhalten. Das bedeutet auch, nicht nachtragend zu sein, wenn Schülerinnen und Schüler, Eltern, Kolleginnen und Kollegen oder das Schulsystem anders funktionieren, als erwartet, sondern mich vorbehaltlos jeden Tag neu auf diese bunte Welt einzulassen. Will ich meckern, dann finden sich in der Schule genügend Gründe dafür. Will ich schwärmen, gilt jedoch dasselbe! Deswegen soll Locker Lehrer! den Blick für alles Schöne schärfen, ohne die Umstände zu beschönigen. Eine positive Einstellung zur Schule ist immer auch eine Entscheidung: Strahle ich die aus, dann widerfährt mir mehr Gutes bzw. gibt es mir die Kraft, aus dem Mist, der auch mir widerfährt, doch noch Dünger für Gutes zu machen.“

Was machst du denn in deinem Unterricht anders als vielleicht andere Lehrerinnen und Lehrer?

Lydia Clahes: „Ich finde es extrem wichtig, die bereits vorhandenen Stärken meiner Schülerinnen und Schüler frühzeitig in Erfahrung zu bringen und zu nutzen sowie ihre Interessen ernst zu nehmen, um darauf ihren Lernerfolg aufzubauen. Schule bietet meiner Meinung nach zu viel Frustpotenzial. Ich möchte, dass meine Schülerinnen und Schüler positive Aufmerksamkeit erlangen und Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. Denn die motivieren sie zum Lernen und machen sie stark für die schwierigeren Seiten des Lebens. Ich signalisiere ihnen also, dass mir ihre Vorschläge wichtig sind und ich greife diese, so gut es geht, auf. Dann kann es schon mal vorkommen, dass der Rowdy der Klasse einen Spontanvortrag über seinen Fußballverein hält und so wieder Spaß an meinem Deutschunterricht entwickelt.

Man sollte also wagen, ‚kreativer‘ mit dem Lehrplan umzugehen: Wenn ich merke, dass ein Thema für die Klasse keinen signifikanten Unterschied macht, dann vernachlässige ich es sträflich zugunsten klasseninterner Projekte. Dort glänzen Schülerinnen und Schüler dann mit Kompetenzen und können Spaß am Weiterlernen entwickeln. Das gnadenlose Überstülpen des Lehrplans ist nur Quälerei und bringt am Ende keinen Lernfortschritt. Ich habe daher noch nie ein Thema zweimal auf dieselbe Art und Weise unterrichtet.“

Du bist der Meinung, dass jeder Schüler und jede Schülerin etwas mitbringt, von dem andere lernen können und Lehrkräfte dafür da sind, diese Talente herauszukitzeln und zu fördern. Wie gehst du dabei vor?

Lydia Clahes: „Sobald ich neue Schülerinnen und Schüler kennenlerne, mache ich mich auf detektivische Art und Weise auf die Suche nach ihren Ressourcen, um ihnen diese aktiv zu spiegeln und zu stärken. Ich suche nach Positivem, Bemerkenswertem an jedem einzelnen Schüler und jeder einzelnen Schülerin und signalisiere ihm bzw. ihr ständig zwischen den Zeilen, dass ich dies schätze. Das klingt aufwändig, ist es aber gar nicht, wenn es erst zur Haltung geworden ist. Neben einer Klassenliste, in die man täglich die mündliche Beteiligung Einzelner einträgt, kann man eine Liste führen, in der alles Interessante am Kind festgehalten wird, z. B. ‚ist bei der Jugendfeuerwehr‘ oder ‚züchtet Kaulquappen‘. So bestätigt haben Schülerinnen und Schüler von ganz allein Lust, noch mehr davon zu zeigen.“

Du hast dich zur psychologischen Beraterin, Personal Coach und Lerncoach weiterbilden lassen und sagst, dass du das dort gewonnene Wissen schon während des Referendariats gebraucht hättest.

Lydia Clahes: „Ja, meine Zusatzausbildungen haben mich u. a. darin geschult, hinter mancher Situation die psychologischen Hintergründe zu beachten und sie dadurch auch besser entschärfen zu können. Im Gegensatz zur Lehrkraft gibt ein Coach einem Menschen nicht vor, was er zu tun hat, sondern hilft ihm, seine eigenen Problemlösungsstrategien aufzufinden. Ich finde, dass man genau dies in der Schule frühzeitig lernen sollte. Nur wenn sie eigene Ideen entwickeln dürfen, fühlen sich Lernende auch nach einem Frustrationserlebnis weiterhin als ‚Handelnde‘ und sind bereit, sich anzustrengen.
Als Lerncoach z. B. sucht man den Alltag der Lernenden nach lernförderlichen Faktoren ab und zeigt ihnen, dass sie ganz eigene Ressourcen und Lernwege haben, dank derer sie erfolgreich sein können – selbst wenn sie viel Schulfrust hinnehmen mussten.
Es ist doch absurd, wenn es in einer Klasse mit 30 verschiedenen Hirnen nur eine einzige Methode fürs Vokabelnlernen gibt und somit ein Großteil der Klasse daraus nur eins lernt: ‚Ich kann mir nix merken! Ich kann kein Englisch!‘“

Viele Lehrkräfte fühlen sich im Berufsalltag oft alleingelassen. Dein Podcast ist sicher eine willkommene Hilfe. Welche Rückmeldungen bekommst du?

Lydia Clahes: „Studierende schätzen mein Nähkästchengeplauder, weil ihnen der Einblick in die Alltagspraxis oft fehlt. Junge Lehrerinnen und Lehrer können meine kleinen Kniffe im Unterricht erfolgreich umsetzen, da diese nicht nur praktisch sind, sondern eben auch an ihre Haltung rangehen. Vor allem nach dem Referendariat haben offensichtlich nach wie vor viele junge Lehrkräfte so viel an persönlichem Profil einbüßen müssen. Manche Kolleginnen und Kollegen äußern einfach nur ihre Dankbarkeit darüber, sich ‚endlich verstanden‘ zu fühlen, wenn sie z. B. unter einem negativen Schulklima zu leiden haben und weiterhin eine fröhliche Lehrerin bzw. fröhlicher Lehrer bleiben wollen. Am meisten berührt hat mich jedoch das Feedback einer bereits pensionierten Lehrerin, die den Podcast eifrig weitergeleitet und empfohlen hat, ihn vor Lehrerkonferenzen im Lehrerzimmer abzuspielen.“

Und zum Abschluss: Was wünschst du dir für deine Schülerinnen und Schüler und was für deine Hörerinnen und Hörer?

Lydia Clahes: „Beiden zugleich wünsche ich, dass ihnen ihre Schule viel Raum für ihr persönliches Wachstum liefert. Lehrende brauchen dafür entsprechende Freiheiten im Gestalten ihres Unterrichts und Lernende benötigen Menschen, die ihre Einzigartigkeit zu schätzen und zu fördern wissen.“

Steckbrief

Name: Lydia Clahes
Schule: Gymnasium und IGS
Fächer: Deutsch / Religion
Die Schülerinnen und Schüler von heute … bringen großes Potenzial mit, das nur leider nicht in jeder Schule abrufbar ist.
Die Schule von morgen … wird Schülerinnen und Schülern hoffentlich viele Möglichkeiten verschaffen, auch unabhängig von ihren fachlichen Leistungen zu einem zufriedenen Menschen heranzuwachsen.
Ich werde nie vergessen, welchen Unterschied ein bisschen positive Wertschätzung für ein schulgeplagtes Kind bereits machen kann.