Zeugnistag

Nach Ausgabe der Zeugnisse fragt sich Lehrerin Franziska: Was bringt uns Leistungsorientierung und Bewertungsdenken?

Ein Schuljahr geht so schnell vorbei. Ich bin im September letzten Jahres mit vielen Plänen gestartet und kaum war ich wieder im Trott angekommen, habe ich einige Aufgaben mit der Ausrede nach hinten verschoben, dass das Schuljahr ja noch lang sei. Das war es nicht. Mit dem heutigen Tag beginnen die Ferien und Lehrer- wie Schülerschaft ziehen Bilanz.

Zeugnis am Zahltag

Der Tag der Zeugnisausgabe an die Schülerinnen und Schüler ist ihre sehr konkrete Form der Bilanzierung. Das Zeugnis fasst ihre Leistungen des gesamten Schuljahres zusammen. Meine Kollegin nennt das gern den „Zahltag“. Sie erklärt den Jugendlichen dann, dass wir Lehrerinnen und Lehrer am Ende eines jeden Monats unseren Lohn in Form des Gehalts bekommen. Das Zeugnis sei eine Art dokumentarisches Äquivalent dazu. Alles, was sie das Schuljahr über gelernt und erarbeitet haben, spiegelt sich nun in den Noten auf dem Papier wider. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass die meisten Schülerinnen und Schüler lieber den monatlichen Gehaltsschein nehmen würden.

Auch ich selbst finde das Zeugnis als Vorstellung der einzigen Entlohnung irgendwie ernüchternd. Nicht, weil ich für großartige Geldsummen oder andere Entlohnungen gegen ein gutes Zeugnis bin, absolut nicht. Eine solche extrinsische Motivation verpufft schnell. Die guten Leistungen müssen die Jugendlichen aus ihrer eigenen Überzeugung heraus wollen, z. B. für eine gute berufliche Perspektive. Nein, mich deprimiert viel mehr, dass dieses Zeugnis, dieser Lohn, diese Abrechnung aller Leistungen eben, so wahnsinnig wenig über den Schüler oder die Schülerin aussagt.

Was sagt das Zeugnis tatsächlich?

Natürlich: Dem Zeugnis kann man entnehmen, wie gut der oder die Jugendliche in Englisch ist. Ob er oder sie für die musischen Fächer eine Begabung hat. Und / oder gut rechnen kann. Obwohl, nein. Nicht mal das kann man zweifelsfrei im Zeugnis ablesen. Denn die Notengebung hängt von so vielem ab. Von der Auswahl des Unterrichtsstoffes und dem Interesse, das vom Schüler bzw. der Schülerin dafür gehegt wird. Von der Vorbildung aus der Grundschule. Vom Klassenklima und dem Wohlfühlfaktor für die einzelnen Schülerinnen und Schüler. Auch von außerschulischen Umständen, die Einfluss auf die Vorbildung, die seelische und psychische Gesundheit und damit auch auf die Konzentration haben können. Und – das muss man leider zugeben – auch zu einem gewissen Teil vom Lehrer oder der Lehrerin. Vor einigen wenigen Bewertungsfehlern ist leider niemand gefeit, so professionell jede Lehrkraft auch arbeiten möchte.

Abgesehen davon, dass die Noten auf dem Zeugnis kein hundertprozentiges Bild der Leistungen des Schülers oder der Schülerin vermitteln können, birgt ein solch konzentrierter Fokus auf das Zeugnis auch die Gefahr, die Schülerinnen und Schüler allein auf ihre Leistungen zu reduzieren. Dabei macht doch noch so viel mehr unsere Schülerschaft aus. Dem Zeugnis kann ich nicht entnehmen, wie kollegial das Kind ist. Wie gut es sich in die Klassengemeinschaft integriert. Wie selbständig es arbeitet. Wie motiviert es ist oder wie freundlich. Für mich zählen diese Faktoren so viel mehr als die einzelnen Leistungen. Zumal Leistungen in der Hauptsache durch die Intelligenz des Schülers und der Schülerin geprägt werden. Und diese wird durch die meisten Faktoren bestimmt, auf die der oder die Jugendliche überhaupt keinen Einfluss hat.

Wunsch für die Zukunft

Einen kleinen Fortschritt macht hier das Gutachten des Arbeits- und Sozialverhaltens, das jedem Schüler und jeder Schülerin an meiner Schule mit dem Zeugnis ausgehändigt wird. Jede Lehrkraft schätzt hierfür verschiedene Qualitäten ein: Ordnung, Teamfähigkeit, Arbeitshaltung und weitere. Diese Einschätzung erfolgt unabhängig von den Leistungen des Kindes und gibt für mich so viel mehr über dieses preis. Meiner Beobachtung nach erfährt dieses Gutachten im Vergleich zum Zeugnis aber wenig Beachtung durch die Schülerschaft. Wir haben sie bereits so sehr auf Leistung trainiert, dass auch ihnen am wichtigsten ist, gute Noten mit nach Hause zu bringen. Diese sind schließlich auch greifbarer für die Eltern. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir sowohl Schülerinnen und Schülern als auch Eltern und Gesellschaft beibringen können, worauf es bei der persönlichen Entwicklung eines Menschen neben dem Wissen ankommt.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




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