“Da geht noch viel Wasser die Elbe runter” – ein Interview mit Referendar Daniel Seifert

Daniel Seifert ist Referendar an der Johanna-Schule in Bernau, einer Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung“. Von Oktober 2007 bis Dezember 2012 studierte er Lehramt für Förderschulen für die Fächer Musik, Mathe sowie Verhaltensgestörtenpädagogik und Lernbehindertenpädagogik. Bereits vor dem Beginn des Referendariats war er als Grundschullehrer in Jüterbog tätig und unterrichtete die Fächer Deutsch, Geografie, Politische Bildung und Geschichte.

1. Was für Erwartungen hattest du an das Referendariat? Welche Ängste haben sich damit verbunden und welche haben sich bestätigt?

Ängste in dem Sinne nicht. Schwierigkeiten, die ich gesehen habe und die mir auch schon von anderen, die vor mir ihr Referendariat begonnen haben, angetragen wurden, sind einfach gewisse institutionelle Rahmenbedingungen, die erstens von Bundesland zu Bundesland und zweitens aber auch von Studienstandort zu Studienstandort unterschiedlich sind und die das Lehrersein manchmal erschweren. So würde ich z. B. lieber eigenverantwortlich meinen Unterricht führen wollen. Ich habe nichts dagegen im Co-Unterricht mit einem anderen Lehrer zusammenzuarbeiten. Das ist aber einfach eine andere Basis, als diese „von oben herab Beurteilung“, ob man etwas kann oder nicht.

2. Wie sieht dein allgemeiner Schulalltag aus?

Ich bin zwölf Stunden in der Woche an der Förderschule. Ich habe einen tollen Mentor mit dem ich sehr zufrieden bin und komme im Kollegium sehr gut klar. Es ist ein sehr angenehmes Kollegium, sehr kooperativ, hilfsbereit, umgänglich und sozial. Wir sind in der Schule vier Referendare. Zwei sind im zweiten Ausbildungsjahr und zwei, mit mir, die gerade angefangen haben. Das ist gut, weil man nicht nur mit Lehrern Rücksprache halten kann, sondern auch mit Leuten, die auf einem ähnlichen Standpunkt sind und das ergibt natürlich gleich nochmal eine ganz andere Kommunikation.

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3. Du bist jetzt an einer Sonderschule, warst aber bereits für ein halbes Jahr als Lehrer an einer Grundschule tätig. Was sind die Unterschiede?

In erster Linie ist es ein struktureller Unterschied. An der Grundschule wo ich war, bestand meine Klasse aus 27 Schülern, jetzt habe ich neun – das ist schonmal ein ganz anderes Arbeiten. In meiner jetzigen Klasse habe ich aber auch neun Kinder mit Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung. Das wurde diagnostiziert, ist über ein Förderausschussverfahren gelaufen und es ist über kurz oder lang dazu gekommen, dass die Schüler zu uns an die Förderschule kamen. Für die Grundschule muss ich allerdings bemerken, dass die Quote bei Schülern mit Förderbedarf bei 27 Schülern auch bei fünf Schülern auf jeden Fall liegt, nur dass es eben nicht diagnostiziert ist. Als Grundschullehrer bräuchte man eigentlich auch eine sonderpädagogische Ausbildung, zumindest einen geschärften Blick dafür, Förderschwerpunkte erkennen zu können.

„Schwerer“ bzw. „leichter“ gibt es in dem Fall nicht. Es ist so, dass ich an einer Förderschule viel individueller arbeiten kann. Bei neun Schülern weiß ich bei jedem wo er steht, wo er seine Stärken und Schwächen hat, wo einzelne Schüler individuelle Ansätze brauchen, oder einen anderen Zugang zum Lerninhalt. Das ist bei 27 Schülern in einer Klasse schwer möglich. In der Grundschule musste ich stark darauf vertrauen, dass Schüler soweit eigenverantwortlich waren, sich das richtige Lernangebot rauszuholen. Bei 27 Schülern kannst du nicht jeden Schüler ständig im Blick haben, da fällt immer einer hinten runter. Du kannst nicht alle mitnehmen und wenn du es versuchst, dann schaffst du es nicht die Leistungsspitze entsprechend zu fördern. Deshalb sollte man zumindest bei so großen Klassen an das Co-Lehrersystem denken und mit zwei Pädagogen arbeiten. Dann kann man diesem Anspruch einigermaßen gerecht werden.

4. Was sagst du zum Thema Inklusionsschule/Klassen. Findest du die Sonderschulform überflüssig?

Es könnte vielleicht irgendwann dazu kommen, dass sie überflüssig ist. Aktuell ist sie notwendig. Man sollte auch Unterschiede machen zwischen den verschiedenen Förderschwerpunkten. Zum Beispiel halte ich eine Förderschule für Kinder mit körperlicher Behinderung für völlig überflüssig. Die braucht kein Mensch. Jede Schule sollte behindertengerecht gebaut sein. Für Rollstuhlfahrer dürfte es überhaupt keine Barrieren geben.

Beim Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung ist das anders. Diese Ausrichtung der Förderschule wird wohl noch in zwanzig Jahren bestehen, egal wie weit die Inkulsion dann ist. Das System dieser Förderart ist ja, Schüler aufzufangen, die aktuell nicht in der Lage sind, sich in Klassen zu integrieren, um sie wieder an Werte und Normen heranzuführen, damit sie wieder zurückgeschult werden können. Förderschulen sind eigentlich Durchgangsschulen, auch wenn es in den meisten Fällen nicht immer funktioniert.

Inklusion ist ein interessantes und wichtiges Thema, allerdings braucht es dafür gewisse Voraussetzungen, die momentan nicht gegeben sind. Momentan bekommt es in vielen Phasen der Umsetzung eine negative Bewertung, weil es falsch umgesetzt wird. Es gibt andere Länder da funktioniert es gut, bei uns allerdings noch nicht – da geht noch viel Wasser die Elbe runter.

5. Was war bisher dein schönstes Erlebnis?

Das kann ich so spezifisch gar nicht sagen. Man erwartet, dass wir den Schülern Wertschätzung entgegenbringen und empathisch sind. Wenn man aber erfährt, dass die Schüler einen auch wertschätzen und anlächeln – dann ist das ein schöner Lohn für diese Arbeit.

6. Was stört dich?

Man ist nicht unbedingt da an der Schule wo man wohnt, was aber eher ein allgemeines Problem ist. Das Problem unsere Förderschule ist z. B., dass es eine der wenigen dieser Form in Brandenburg ist. Manche Schüler brauchen da zwei Stunden bis zur Schule. Wenn man sich das mal überlegt: Halb acht sollten die Schüler in der Schule sein, d. h. halb sechs losfahren – dann kann man sich ungefähr vorstellen, wann sie aufstehen müssen und was das für den Schulalltag bedeutet. D. h., die Schüler kommen an und sind in der ersten Stunde eigentlich schon ziemlich fertig. Da ist es auch nicht immer leicht, Unterricht zu machen.

Zumal es den Schülern bei uns meist eh schon etwas schwieriger fällt, sich zu konzentrieren, weil einfach viele eine Aufmerksamkeitsstörung haben, bzw. eine diagnostizierte Konzentrationsschwäche. Aber es gibt leider nicht genug Förderschulen mit benanntem Förderschwerpunkt und deshalb sind die Anfahrtswege weit.

Persönlich möchte ich noch anmerken, dass ich dafür bin, die zweite Examensarbeit abzuschaffen – die halte ich für den größten Schwachsinn.

7. Thema Lehrprobe: allgemein ein Schreckensmoment. Wie stehst du dazu?

Das offensichtliche Konzept der Seminarlehrer des wenigen Lobens und der vielen Kritik macht sich schon bemerkbar. Ich hab sonst kein Problem mit Lehrproben. Außer, dass die Erwartungen natürlich immer hoch gesetzt sind – große Stunde, Zauberstunde und am besten noch verkleidet, mit vorgelebter Pädagogik. Muss das denn sein? In Deutsch geht das sicher leichter, für mich in Mathe ist das dann schon so eine Sache. Zahlen sind Zahlen. Da wird’s dann schwieriger ganz tollen anschauungsgebundenen Unterricht zu machen.

8. Ist der Lehrerjob für dich dein Traumberuf, ein Beruf fürs Leben?

Momentan mache ich’s sehr gerne und ich habe aktuell nicht vor, nochmal einen kompletten Berufswandel zu durchlaufen. Aber keine Ahnung was ich in zehn Jahren denke.

9. Hat die Arbeit dich bisher verändert?

Man muss halt aufpassen, dass man im Privatleben nicht auch der Lehrer ist, der hinter allem was passiert, psychologisch denkt oder gleich noch versucht vorauszudenken und den anderen die Entscheidung am besten noch abnimmt. Ich glaube auch, wenn man irgendwann mal eigene Kinder hat, wird es noch schwieriger oder eine größere Herausforderung, sich zurückzuhalten. Als Lehrer bist du geneigt, vorauszusehen und Konfliktpotentiale einzudämmen. Es hat halt alles seine Vor-und Nachteile.

Titelbild: ©Karoline Metzker