GEW: „Immer neue Fächer? – Das ist nicht der richtige Weg!“

Ilka Hoffmann leitet in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Bereich Schule. Sie findet es nicht sinnvoll, eine verpflichtende Informatik an die Schulen zu bringen. Eine Antwort.

Gastbeitrag von Ilka Hoffmann, Leiterin OB Schule der GEW.

Über die Autorin

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Ilka Hoffmann leitet in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) seit 2013 den Oberbereich Schule. Sie ist selbst Lehrerin und Erziehungswissenschaftlerin und unterrichtete inklusive Klassen im Saarland. Anschließend gab sie ihre Erfahrungen in der Lehrerfortbildung weiter.

Digitale Technologien haben ohne Zweifel unser Leben, unsere Kommunikation und die Arbeitswelt grundlegend verändert. Dieser Prozess ist lange nicht abgeschlossen. Die Digitalisierung birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Die GEW plädiert daher für eine umfassende Medienbildung, die alle Medien, die analogen wie die digitalen, einbezieht. Kindern und Jugendlichen soll durch sie zu einem verantwortungsvollen und angemessenen Gebrauch digitaler Medien verholfen werden. Sie soll dazu anleiten, über die gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen und Folgen der digitalen Entwicklung nachzudenken. Selbstverständlich gehört hierzu auch, hinter die Kulissen der digitalen Technologie zu schauen und Einblicke in ihre Funktionsweise zu bekommen. Dennoch ist ein Pflichtfach Informatik ab der Grundschule nicht der richtige Weg, Kinder und Jugendliche auf die digitalen Entwicklungen vorzubereiten.

Schule als Service-Stelle

Ständig begegnen wir vermeintlich neuen gesellschaftlichen Herausforderungen, z. B. der komplexer werdenden globalisierten Wirtschaft, dem Klimawandel und der Erosion von Werten. Eine typische Reaktion ist es, für diese Probleme neue Pflichtfächer zu fordern. Offensichtlich werden Schulen von den Befürworterinnen und Befürwortern als Service-Stellen gesehen, die im 45-Minuten-Takt gesellschaftliche Probleme bearbeiten und den Schülerinnen und Schülern das notwendige Wissen liefern sollen. Eine wesentliche lernpsychologische Erkenntnis ist allerdings, dass Menschen in Zusammenhängen lernen. Das hat innerhalb der Reformpädagogik schon früh zu didaktischen Konzepten, wie dem Projektlernen und dem fächerverbindenden Lernen, geführt. Auch in den integrierten Gesamtschulen wurden Fächerverbünde wie Natur- und Gesellschaftswissenschaften etabliert. Das Denken in einem festgefügten Fächerkanon in der Schule dürfte angesichts des steten Wandels der Wissensbestände und der Komplexität der Realität so langsam überholt sein und mutet seltsam antiquiert an. Moderne Bildungspläne und Schulen sollten auf Interdisziplinarität und enge multiprofessionelle Kooperationen setzen.

Junge Kinder lernen durch Anfassen und Wahrnehmen der Umwelt

Hinzu kommt, dass Kinder je nach Altersstufe auf verschiedene Art und Weise lernen. Junge Kinder lernen vor allem durch Bewegung und Anfassen sowie durch den Umgang mit konkreten Gegenständen. An dieser Tatsache kann auch eine technische Revolution nichts ändern. So haben die neueren Studien der OECD zum digitalen Lernen erbracht: Die Nutzung digitaler Medien ist nur dann sinnvoll und verbessert die Lernergebnisse, wenn die Lernenden über gute analoge Kenntnisse (Lesen, Schreiben, Rechnen) verfügen. Wir haben in unseren Schulen eine relativ stabile Risikogruppe von etwa 15 bis 20 Prozent, die im Rechnen, Lesen und Schreiben Probleme und damit Defizite in der Grundbildung hat. Wer die Grundrechenarten nicht beherrscht und nicht sinnerfassend lesen kann, der begreift weder Algorithmen noch kann er einen Computer als Tool sinnvoll nutzen. Deshalb sollte die Grundbildung oberste Priorität vor allem in der Grundschule haben.

Eine moderne Medienbildung geht alle an!

Bevor wir ein Pflichtfach Informatik fordern, sollten wir darüber nachdenken, wie wir funktionellen Analphabetismus und die großen Defizite in der Grundbildung bei einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Lernenden durch gute pädagogische Konzepte und die entsprechende personelle Ausstattung der Schulen überwinden. Der Informatikunterricht deckt darüber hinaus keinesfalls die gesellschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Zusammenhänge ab, in denen die Digitalisierung sich vollzieht. Auch könnte ein Fach Informatik dazu führen, dass sich die übrigen Fachverbünde und Einzelfächer für nicht zuständig erklären, eine umfassende und moderne Medienbildung zu vermitteln. Deshalb ist ein digitales, pädagogisch begründetes Gesamtkonzept, das alle Fächer umfasst, sinnvoller.

Informatische Systeme kennenlernen: spielerisch und „unplugged“

Wie können also Kinder und Jugendliche unter Beachtung der lern- und entwicklungspsychologischen sowie sozialen Aspekte für das digitale Zeitalter fit gemacht werden? – Es gibt zahlreiche didaktische Ansätze, wie Binärzahlen und Kodierungen spielerisch vermittelt werden können. Zum Teil geht das auch „unplugged“, also ohne digitale Endgeräte. Diese Ansätze lassen sich in Projekte und Arbeitsgemeinschaften, fächerübergreifend oder auch in den Mathematikunterricht einbinden. Wichtig ist es, den Entwicklungsstand und die natürliche Neugier der Kinder einzubeziehen. Aus meiner Sicht werden Kinder und Jugendliche am besten auf das Leben in einer Medienwelt durch eine fächerübergreifende und fächerverbindende Medienbildung vorbereitet. Hierzu gehören durchaus Dimensionen einer informatischen Grundbildung. Auch ist Informatik als Wahlpflichtfach im Sekundarschulbereich durchaus sinnvoll. Ein weiteres benotetes Zwangsfach für alle schon ab der Grundschule tötet aber eher die Motivation und die Neugier und würde damit die intendierten Ziele konterkarieren.

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