„Kleider machen Lehrer … äh, Leute“

Als Lehrerin muss Franziska sich anders kleiden als in ihrer Freizeit – oder?

„Was zieh’ ich an? Was zieh’ ich an? Damit man mich gut sehen kann?“ – diese Zeilen sang einst ein Schüler meiner zweiten Klasse aus dem sonderpädagogischen Förderzentrum. Seitdem habe ich sie oft im Kopf, wenn ich vor meinem Schrank stehe und krampfhaft überlege, welches Kleidungsstück mich durch meinen Tag in der Schule begleiten soll. Dabei überlege ich lange und habe viele Kriterien im Kopf, denen mein Outfit gerecht werden muss:

Kann man mich in der Kleidung als Lehrerin identifizieren?

„Ey, Frau F.! Sie haben ja den gleichen Pullover wie Azize und Mina an!“, ruft mir Anna entgegen, als ich den Raum betrete. Und tatsächlich: Zwei meiner Schülerinnen tragen den gleichen Hoodie wie ich. Hm, bzw. H&M! Das schwedische Modelabel ist bei meinen Schülerinnen und Schülern ähnlich beliebt wie bei mir und so kam es schon ein ums andere Mal vor, dass ich beim Betreten des Raumes mein textiles Spiegelbild erblickte. Macht es mir etwas aus, dieselbe Kleidung wie meine Schützlinge im Schrank zu haben? Eigentlich nicht. Dass wir uns auf ähnliche Stücke einigen, spricht irgendwie dafür, dass sie sich nicht zu jung kleiden – und ich mich nicht zu alt. Obwohl mir wichtig ist, im Klassenraum auch als Lehrerin erkannt zu werden, finde ich es nicht schlimm, dass meine Kleidung nicht dazu beiträgt. Meine Körpergröße sorgt allerdings auch nicht für den nötigen Respekt. Dafür muss manchmal meine Brille herhalten. Oder die Lehrerinnen-Aura, die ich mir gern einbilde, sobald ich ein ernstes Gesicht aufsetze.

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Sind meine Sachen praktisch?

In meinem Job bin ich ständig in Bewegung, wechsle mehrfach am Tag zwischen drinnen und draußen und werde öfter mit nicht-transparenten Flüssigkeiten konfrontiert, als mir lieb ist. Wer diese Beschreibung liest, dem ist ganz klar, dass mein ideales Outfit ein schwarzes, schmutzabweisendes Outfit mit Zwiebelprinzip und Sneaker ist. Tatsächlich wäre das ein Outfit, mit dem ich am vernünftigsten durch den Schulalltag kommen würde. Leider ist Mode nicht vernünftig und zum Glück gibt mein Kleiderschrank wenig Schmutzabweisendes her. So wurde mir schon an einem sehr schwarzen Tag (dunkler als die Kleidung, die ich trug!) einer meiner liebsten Wollpullover durch eine widerliche Schleimmasse, die ich in meiner siebten Klasse einkassieren musste, ruiniert. An diesem Tag war mein Kollege nicht nur lieb genug, sich mein wirklich elendig langes Gejammer darüber anzuhören, sondern mir auch seine Fleecejacke für den Rest des Tages zu borgen. Seitdem bin ich zwar nicht weiser geworden, was die Wahl meiner Kleidung anbelangt, dafür habe ich mir im Fach einen kleinen Vorrat an stimmungsrettenden Utensilien für solche und ähnliche Fälle angelegt. In ihm befindet sich eine Tube Seife, eine Hose, ein Pullover, Blasenpflaster sowie Schokolade zum Trost.

Bin ich ein Vorbild?

Vor wenigen Wochen ist mir an unserem Lernort Schulküche ein überaus großer Fauxpas passiert, der mir für die Zukunft eine Lektion ist. Ich las meinem WAT-Kurs in der neunten Klasse die Küchenordnung vor, mit der sich Gesundheitsamt und Schule auf ein angemessenes Verhalten in der Küche geeinigt haben. Darin stand auch einiges zur Einhaltung diverser Kleidungspflichten. Die in der Küche Arbeitenden sind angehalten, geschlossenes Schuhwerk zu tragen, die Haare zu einem Zopf zusammenzubinden, jeglichen Schmuck abzulegen und die Fingernägel kurz und unlackiert zu halten. Meine Haare waren offen. Meine Kette nicht abgelegt. Meine Fingernägel lackiert. Den einen Leser oder die andere Leserin ereilt dabei vielleicht ein Déjà-vu.

Obwohl ich in dieser Stunde keinen Kontakt mit Lebensmitteln hatte, war ich in diesem Moment natürlich kein Vorbild für meine Schülerinnen und Schüler. Mich so für die Werkstätten an unserer Schule verändern zu müssen, hat mich in diesem Moment sehr frustriert. Als WAT-Lehrerin bin ich an jedem einzelnen Tag in mindestens einer Werkstatt. Ich soll also nie lackierte Fingernägel haben? Ich darf demnach nie in offenen Schuhen zur Schule kommen? Und ich soll ernsthaft immer schaffen, meinen Schmuck an einer sicheren Stelle zu verwahren, die ich nicht nach 45 Minuten vergessen habe? Das alles fällt mir ziemlich schwer. Zumindest das Schuhdrama konnte ich umgehen, indem ich meinem Vorratsfach ein Paar Turnschuhe zugefügt habe.

Auf was muss ich sonst noch achten?

Mich in meiner Kleidung wohlzufühlen, ist sehr wichtig für mich. Genauso, wie mich darin wiederzuerkennen. Mein Stil ist nicht streng und auch nicht hochgeschlossen. So kam es schon häufiger vor, dass mich besonders Lehrerinnen, auf die diese Kleiderbeschreibung zutrifft, etwas länger und kritisch beäugt haben. Am Anfang hat mich das noch sehr verunsichert. Mittlerweile stehe ich zu meinen Kleidungsentscheidungen. Klar, ich kann keine Röcke tragen, die eindeutig zu viel zeigen, wenn ich mich aufgrund von bereits benannter kleiner Körpergröße an der Tafel strecken muss. Natürlich achte ich darauf, dass man mir nicht bis zum Bauchnabel schauen kann, wenn ich mich für Fragen auf einen Tisch hinunterbeuge. Und selbstverständlich passen mir alle meine Hosen insofern, als dass sie mir nicht unentwegt herunterrutschen und die Farbe meiner Unterwäsche preisgeben. Aber damit setze ich den Kompromissen ein Ende. Ich möchte mich in meinen Sachen wiedererkennen und so lange ich die Schülerinnen und Schüler nicht in irgendeiner Weise durch sie provoziere, möchte ich tragen können, was ich will. Dass es keine strengen Kleidervorschriften gibt, ist schließlich ein großer Vorteil des Lehrberufs! Oder?

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © bokan/shutterstock.com