Im Referendariat: Über Lehrerfortbildungen

Referendarin Franziska besucht ihre erste Fortbildung und lernt dabei andere Lehrerpersönlichkeiten kennen. Diese sind teilweise unterhaltsamer als Schüler.

Traum der deutschen Bildungselite

Ich bin auf dem Weg ins Fortbildungszentrum. An den nächsten beiden Wochenenden werde ich einen Kurs besuchen, der mir den Unterricht in Werkstätten näherbringen soll. Ja, wirklich: Meine Ausbildung ist noch nicht beendet und ich besuche bereits die erste Weiterbildung. Ich bin ein bisschen stolz, dass ich das lebenslange Lernen nicht nur meinen Schülerinnen und Schülern postuliere, sondern den Traum der deutschen Bildungselite selbst lebe.

Kleines Kopfkino

Bei meiner Ankunft benehmen sich die anwesenden Lehrer und Lehrerinnen eher wie Schüler und Schülerinnen. Eingeschüchtert blickt jeder auf seine Schuhe. Auf dem runden Tisch, an dem wir uns zu zwölft versammelt haben, stehen fünf Brotdosen, gefüllt mit Leckereien, die man auf Plakaten für gesunde Schülerernährung findet. Ich komme nicht umhin, mich ein bisschen genauer in der Runde umzuschauen. Eine Frau ist mit zwei Tonnen Schmuck behangen und den weiten Weg mit 10-cm-Absätzen hierher gestöckelt. Ich weiß nicht viel über den sicheren Unterricht in Werkstätten, aber bei ihrem Anblick entspinnt sich sogleich ein Kopfkino: Die blonde Schönheit stolpert darin über ihre Füße, mit ihrer überdimensionalen Haarklammer drückt sie den Knopf der Tischbohrmaschine und von ihrer langen Kette wird sie schnell und unaufhaltsam in den sich drehenden Bohrer gezogen. Eine Vorstellung, die mich an diesem Nachmittag zugegebenermaßen mehr erheitert als sie wohl eigentlich sollte.

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Mangelnde Mitschreibefähigkeiten

Als der Seminarleiter kommt, muss er zunächst zwei schwatzende Kolleginnen zu Ruhe und Aufmerksamkeit ermahnen. Danach überprüft er unsere Anwesenheit mit Handzeichen und Liste. Bis hierher erinnert mich das Ganze an meinen Vormittag in der Schule. Nur die Perspektive hat sich geändert. Eine kurze Vorstellungsrunde soll uns miteinander bekannt machen und uns für die nächsten Tage zu einem Team mit gleichem Ziel formen. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen durchschauen die Methoden des Seminarleiters zum sozialen Lernen schnell – sie wenden sie selbst täglich an. Ich möchte in diesem Moment ungern mit ihm tauschen, sein Publikum ist zwar verständnisvoll, aber überaus kritisch. Die Kolleginnen und Kollegen kommen aus unterschiedlichen Stadtteilen und sind an verschiedenen Schulformen angestellt. Am deutlichsten wird dies klar, als wir uns über die Schüleransprüche und die Ausstattung in den Werkstätten unterhalten. Offenbar stehen in den Kellern einiger Schulen in den Randbezirken Berlins unglaublich teure Maschinen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Und deren Namen ich hier aufgrund mangelnder Mitschreibefähigkeiten, die ich in diesem Moment an mir selbst diagnostiziere, nicht wiederholen kann.

Der Überfall

Während unserer ersten Lektion zum Lärmschutz in Werkstätten stürmt ein streng blickender Mann mit Halbglatze, Springerstiefeln und Hosen in Tarnfarben schnellen und schweren Schrittes in den Raum. Ich zucke zusammen und befürchte zunächst einen Überfall, doch bei dem Mann handelt es sich um Herrn M., dessen Handzeichen vorhin bei der Anwesenheitskontrolle fehlte. Seine kurze Vorstellung beginnt mit folgenden Worten (und ich wünschte, ich hätte sie mir ausgedacht): „Mein Name ist M., ich bin Lehrer an einer Schule für Jugendliche ohne Zukunftsperspektive. Die Schüler kommen bei uns als stark abschlussgefährdet an, weil andere Schulen sie dazu gemacht haben. Ich habe selbst kein Lehramt studiert, auch die meisten meiner Kollegen nicht. Aber ich muss sagen: Das gibt uns die Möglichkeit die Schüler mit gesundem Menschenverstand zu erziehen.“ Schweigen im Raum. Der Mut des Herrn M., diese Worte in einem Raum voller Lehrerinnen und Lehrer zu sprechen, imponiert mir ein bisschen. Dass wir uns nun schon in den eigenen Reihen beleidigen, stimmt mich jedoch stinkig. Der Seminarleiter lächelt die Aussage weg. Was bleibt, sind verwirrte Blicke derer, deren Berufsbild gerade so unterschwellig wie wüst insultiert wurde.

Resümee

Hier aufzuschreiben, was ich bei der Fortbildung lernen konnte, würde den Rahmen dieses Magazins sprengen und sehr wahrscheinlich auch das Interesse der meisten Leserinnen und Leser. Um den inhaltlichen Teil abzukürzen: Ich bin klüger geworden.
Der viel interessantere Teil der Geschichte ist die kleine Soap-Opera, die sich an den vier Tagen während dieser Lehrerfortbildung entspann. Diese aufzuschreiben würde wiederum den Rahmen meiner verfügbaren Zeichen sprengen. Es sei festgehalten, dass ein Lehrer, der gar kein richtiger Lehrer war, das gesamte Kollegium wahnsinnig mit seiner besserwisserischen Art nervte, mit der er dem Seminarleiter ständig ins Wort fiel. Ein anderer Kollege nahm die Fortbildung so handlungsorientiert wahr, dass er bei der Lektion Sicherheit in der Holzwerkstatt einen kleinen Sicherheitsrundgang machte und den Seminarleiter auf „massive Sicherheitslücken“ in seiner eigenen Werkstatt aufmerksam machte. Eine weitere Teilnehmerin hielt den Betrieb der gesamten Gruppe auf, weil sie sich unentwegt in verschiedenen Posen an schweren Maschinen ablichten ließ. Und die schmuckbehangene Blondine und der gruselige Springerstiefelmann? Die beiden sind sich während der Fortbildung tatsächlich nähergekommen und nach dem letzten Termin gemeinsam in die gleiche Richtung verschwunden. Kein Witz.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




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