„Lehrer haben dauernd frei“ – Über Vorurteile gegen Lehrkräfte

Referendarin Franziska hat genug von der Engstirnigkeit, die Lehrern und Lehrerinnen entgegengebracht wird. Sie möchte eine Lanze für ihren Berufsstand brechen.

Die Zeit vor den Sommerferien ist eine lange Strecke auf der Zielgeraden. Die Schüler und Schülerinnen sind unausgeglichen: Feiertage und Prüfungszeiträume bringen ihren Rhythmus durcheinander und machen Lehrenden das Unterrichten schwer. In dieser Phase des Schuljahres werden mir die Schattenseiten meines Berufs klarer denn je. Gleichzeitig höre ich, je näher die Ferien rücken, immer häufiger die gleichen „Dir kann es ja so gut gehen in deinem Job“-Argumente. Hier möchte ich Vorurteile und Realität gegenüberstellen.

„Dein Job geht von 8 bis 13 Uhr!“

Das ist eine Annahme, die mich mitunter am meisten ärgert. Sie inspirierte mich jüngst zu einer kleinen Rede an die Nation, mit der ich meinen Familien- und Bekanntenkreis quälte. Zunächst einmal: Wer glaubt, die Schule wäre um 13 Uhr vorbei, hat sich wirklich lange nicht mehr in der deutschen Bildungslandschaft umgesehen. Nach mehreren Reformversuchen hat sich beinahe jede Schule zu einer Ganztagseinrichtung gemausert. Der Unterricht geht nicht selten bis 17 Uhr. Wer dann schon seit halb acht in der Schule ist, hat einen sehr langen Job gemacht. Möglich, dass sich dabei die eine oder andere Freistunde in den Plan geschummelt hat. Das Lehrerzimmer ist allerdings in den wenigsten Schulen ein Hort der Pause und Erholung.

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„Aber oft unterrichtest du doch nur 3 bis 4 Stunden, oder?“

Blödsinn. Die vollzeitbeschäftigte Lehrkraft bespaßt ihre Schüler und Schülerinnen an 28 Schulstunden in der Woche. Und dieser Spaß muss vorbereitet werden. In meiner bisherigen – zugegebenermaßen recht kurzen – Lehrerzeit gab es schon Stunden, in deren Vorbereitung ich das Achtfache der Unterrichtszeit investiert habe. 45 Minuten können lang sein. Und die Schülerschaft dürstet stets nach neuen Ideen und innovativen Methoden. Diese fallen nicht vom Himmel, sondern sind das Ergebnis einer langen Recherche und ausführlicher Überlegungen.

„Naja, aber wenn du das ein Mal vorbereitet hast, kannst du es doch ewig verwenden!“

Auch so ein Spruch, den ich schon zu oft gehört habe. In Wahrheit entwickeln die meisten Lehrer und Lehrerinnen ihre Materialien stetig weiter. Zumindest hoffe ich das. Der Lebensweltbezug ist für die Schüler und Schülerinnen wichtig. Ein Arbeitsblatt aus den 1990er Jahren motiviert die wenigsten. Das Entwickeln neuer Ideen ist ein Teil des Jobs, der wirklich Spaß macht – aber eben auch aufwendig ist.

„Wie viele Wochen Ferien hast du eigentlich? Ich habe das Gefühl, Lehrer haben dauernd frei.“

Natürlich sind die Ferien ein Vorteil, der nicht zu verachten ist. Sich nicht mit Kolleginnen und Kollegen um Urlaubspläne streiten zu müssen ist ein Glück, das ich wirklich zu schätzen weiß. Dennoch: Auch Ferien sind Arbeitszeit. Meistens beende ich den letzten Schultag nicht mit dem Gedanken „Geschafft!“, sondern viel mehr mit einem Freudengefühl darüber, endlich das für die Schule aufholen zu können, was ich in den letzten Wochen liegen lassen musste. Abgesehen davon: Die Zeit, die ich sonntags mit der Korrektur meiner Deutscharbeit und anderer Pflichtaufgaben verbringe, rechnet mir niemand in seinem „Lehrer haben immer Ferien“-Vortrag an.

„Diese Machtposition – das macht dir schon ein bisschen Spaß, oder?“

Viele meiner Freundinnen und Freunde nehmen tatsächlich an, ich stünde vor einer ruhigen Gruppe lernbegieriger Schülerinnen und Schüler, die zu allem Ja und Amen sagen und mir getreu wie Lämmchen folgen. Sie 45 Minuten und länger zu unterhalten, sei doch ein Kinderspiel. Aber alle kennen die Jugendlichen, die im Bus rumpöbeln. Alle regen sich über junge Kriminelle, Diebe, U-Bahnschläger und respektlose, laute Kinder auf. Diese spannenden Zeitgenossen besuchen tatsächlich auch die Schule. Auch meine. Zumindest manchmal, wenn sie Lust haben. Und es zeitlich einrichten wollen. Sie müssen von mir unterrichtet werden. In den Schulen ist es laut. Lauter als im Bus. Den Respekt der Jugendlichen zu verdienen, ist eine harte Aufgabe. Lehrerinnen und Lehrer, die sie nicht richtig erledigen, haben es in der Schule um einiges schwerer.

„Das ist doch alles nicht so wild!“

Ich könnte noch über vieles lamentieren, was den Job mitunter schwierig macht. Darüber, dass ich heute meinen schönen Pullover mit Holzleim eingeschmiert habe, als ich einer Schülerin half. Darüber, dass ich meinen heißgeliebten Moleskine-Kalender gegen einen hässlichen Lehrerkalender eintauschen musste. Darüber, dass ich Pausengespräche oft über Minecraft, YouTube und Justin Bieber führe, statt über das Weltgeschehen.
Aber es wäre eben doch nur die halbe Wahrheit: Ich habe mich bewusst für den Lehrerberuf entschieden – aus vielerlei Gründen. Vielleicht schreibe ich diese ein anderes Mal nieder. Viel Freizeit und eine Freude am Herumkommandieren gehören jedenfalls nicht dazu. Was mich aber stört, sind die Leute, die meinen, den Beruf zu kennen. Und die ihn für so wahnsinnig einfach und angenehm halten. Ein Kollege gab mir jüngst den Rat, auf diese Menschen mit einem einzigen Satz zu reagieren: „Werd’s halt selbst!“

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © Alena Ozerova/shutterstock.com