Lehrerausbildung: Eine Abrechnung

Zum Ende ihres Referendariats blickt Franziska zurück – was haben ihr die eineinhalb Jahre Ausbildung gebracht?

Ich laufe den längsten Flur meines Lebens entlang. Nicht im metaphorischen Sinn. Tatsächlich habe ich noch nie eine so lange Reihe an Türen gesehen. Ich bin zu früh. Neben mir ist das Zimmer 24. Ich soll an Bürotür 198 klopfen. Nun zweifle ich daran, ob ich es pünktlich schaffe. Während ich schnellen Schrittes mein Ziel suche, lasse ich die letzten Monate, deren Ende ich mit dem heutigen Tag einläute, Revue passieren.

Nach fünf Jahren Universität …

Wenn man mich vor dem Referendariat gefragt hätte, für wie sinnvoll ich diesen Ausbildungsschritt erachte – ich hätte kein so glückliches Gesicht gemacht. Tatsächlich bin ich ziemlich skeptisch an dieses Konzept herangegangen. Und wer möchte es mir verübeln? Hinter mir liegen fünf Jahre Universität. Mein Studium habe ich mir mit der Arbeit an einem Förderzentrum finanziert, an dem ich Kinder betreut und unterrichtet habe. Irgendwann wird die Ausbildung müßig und der „Anfängerstatus“ lästig. Dann möchte man einfach loslegen, ohne Kontrolle, ohne Prüfung.

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Lehrer-Schüler-Verhältnis: Wer bin ich?

Und von Kontrolle und Prüfung kann jeder Referendar und jede Referendarin ein Lied singen. Pro Fachseminar warten zwei Unterrichtsbesuche im Halbjahr. Zwei Modulprüfungen müssen vor der Hauptseminarleitung abgelegt werden. Die gehaltenen Stunden müssen protokolliert und bei der Schulleitung vorgelegt werden. Die meiste Zeit wechselt man im Schüler-Lehrer-Verhältnis kontinuierlich die Seiten – und auch den Ort: Die ständige Reise ins Seminar kostet unglaublich viel Zeit und Nerven! Die Leistungen müssen erbracht und selbst bewertet werden. Die Anwesenheit meiner Schülerschaft muss ich kontrollieren, meine eigene muss ich gleichzeitig auch bezeugen. Ich fordere mündliche Beteiligung von meinen Schützlingen und weiß selbst genau, dass am Ende des Halbjahres mein eigenes Engagement zu einer Note führen wird. Sich in der Schule zurechtzufinden, ist schwierig genug. Die ganzen Pflichten und Aufgaben als Auszubildende haben mir einiges noch schwerer gemacht.

Abrechnung

Nicht weniger genervt haben mich die finanziellen Zustände im Referendariat. Vor Kurzem hat eine große deutsche Tageszeitung den Stundenlohn eines Referendars berechnet, der bei 4 Euro lag. Aus Selbstschutz habe ich meinen eigenen Stundenlohn nicht errechnet – am Ende des Monats wurde es auf jeden Fall immer unglaublich knapp. Zumal ich viele Anschaffungen für den Unterricht aus eigener Tasche bezahlt habe. Auch die private Versicherung muss irgendwie finanziert werden. Um sich mit Schulleitung und Fachschaftsvorsitz gutzustellen, übernimmt der gemeine Referendar bzw. die gemeine Referendarin außerdem nur zu oft Aufgaben, die nicht in sein oder ihr Ausbildungsformat passen. Und noch weniger bezahlt werden.

Und dann habe ich wiederum unglaublich viel gelernt. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass mein Unterricht dank des Referendariats viel besser geworden ist. Gleichzeitig konnte ich einiges an Input in meine Schule tragen, wo sich viele Kolleginnen und Kollegen über neue Ideen gefreut haben. Die ganze Zeit auf das große Staatsexamen hinzuarbeiten war nervenaufreibend, hat mich aber fleißig und ehrgeizig werden lassen. Immer, wenn ich meine Schüler und Schülerinnen zu besseren Noten motivieren wollte, habe ich mir an meine eigene Nase gefasst. Methodentricks, die ich ihnen nahegelegt habe, habe ich zuvor selbst für Prüfungen erprobt. Das Ganze hat mich meine Didaktik hinterfragen und zu einer selbstbewussten – ja, nun darf ich mich so schimpfen – Lehrerin werden lassen. Und dafür bin ich wirklich dankbar.

Was bleibt?

Die nächste Zeit wird sicherlich nicht weniger stressig, denn ich werde nun die doppelte Zeit vorbereiten und unterrichten. Dank wirklich fähiger Ausbilder und Ausbilderinnen fühle ich mich allerdings gewappnet.

Niemand kann den Stein bemessen, der mir vom Herzen fällt, als ich an diesem kalten Tag im Dezember vor der Bürotür mit der Nummer 198 stehe. Hinter ihr unterschreibe ich meinen Vertrag für eine unbefristete Festanstellung als Lehrerin.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © Kostsov/shutterstock.com