Lehrerin einer Psychiatrie: „Ich höre jeden Morgen eine schlimme Geschichte – mindestens“

Sie nennt sich Hilli Knixibix und ist Lehrerin auf der Intensivstation einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mit uns sprach sie über ihre Arbeit, die oft an die eigene Seele geht.

Als Lehrerin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie unterscheidet sich Ihr Berufsalltag enorm von dem an einer Regelschule. In welchen Momenten wird Ihnen das besonders bewusst?

Hilli Knixibix: „Für mich ist kein Tag wie der andere. In den täglichen Übergabegesprächen erwarten mich immer Neuigkeiten. Ich höre jeden Morgen eine schlimme Geschichte – mindestens. Mein Unterricht wird in der Regel unterbrochen. Die Tür geht auf und die Ärztin holt eine Schülerin zur Blutabnahme oder der Ergotherapeut braucht einen Schüler für die Therapie. Aber ich kann mit meiner Klasse druckfrei arbeiten. Es gibt keine Arbeiten oder Tests. Meine Schülerinnen und Schüler sind dankbar, dass es den Unterricht gibt. Er lenkt sie vom Klinikalltag ab. Er lässt ihre Sorgen und Ängste in den Hintergrund rücken. Sie können sich mit Themen beschäftigen, die nichts mit ihrer Erkrankung zu tun haben.

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Als Lehrerin nehme ich auch an der wöchentlichen Chefarztvisite teil. Ich gehe mit Ärzten und Therapeuten durch die Zimmer und berichte von der Schulwoche. An diesem Tag sind die Kinder oft traurig, weil sie nicht verlegt werden oder noch nicht nach Hause dürfen.

Aber der größte Unterschied zum Lehren an einer Regelschule ist, dass ich mit dem Tod in Berührung komme. Ich hatte fünf Schülerinnen und Schüler, die sich nach ihrer Entlassung das Leben genommen haben. Die Nachricht vom Tod einer Schülerin oder eines Schülers ist niederschmetternd und bedarf einer Aufarbeitung. Ich habe mit den Jahren ein Ritual entwickelt, wie ich mich von ihnen verabschiede.“

Steckbrief


Name: Hilli Knixibix
Schule: Schule für Kranke in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie
Fächer: Mathe, Deutsch, Englisch, gegebenenfalls Nebenfächer; Klasse 5-10 alle Schulformen
Die Schule von morgen wird viele mehr oder weniger sinnvolle Reformen und Umbrüche hinter sich haben.
Was ich nie vergessen werde: einen kleinen Schüler, der sehr begeistert von meiner Handpuppe Schnecke Charlotte war. Er sagte zu mir: „Wie schade, dass man Schnecken nicht heiraten kann.“

Was unterscheidet sich gar nicht von dem Unterricht an einer Regelschule?

Hilli Knixibix: „Meine Schülerinnen und Schüler und ich sehen uns täglich – montags bis freitags. Ich verlange von meiner Klasse genau das, was an der Regelschule verlangt wird: eine aktive Mitarbeit, ein faires Miteinander und ein konzentriertes Arbeiten. Ich versuche, den Unterricht so normal wie möglich zu gestalten. In der Schule kommt es vor, dass man Aufgaben erledigen muss, die man nur ungern macht. So ist das auch in meinem Unterricht. Auch meine Schülerinnen und Schüler müssen Hausaufgaben machen, die am nächsten Tag kontrolliert werden.“

Sie fragen sich auf Ihrem Blog einmal selbst: „Wie unterrichtet man denn Menschen, die an dem schlimmsten Punkt ihres Lebens sind?” Zu welcher Antwort sind Sie gekommen?

Hilli Knixibix: „Man muss sich im Klaren sein, dass man es mit Menschen zu tun hat, die sehr krank, sehr verletzbar und empfänglich für die kleinsten Schwingungen sind. Was den Kindern und Jugendlichen gut tut, ist Zuversicht, der Glauben an sie: ,Natürlich schaffst du das und ich unterstütze dich dabei!‘ Außerdem ist Wertschätzung sehr wichtig.

Wenn man mit Menschen arbeitet, die ihr Lebenskonzept verloren haben oder in einer großen Krise stecken, ist es wichtig, eine klare Struktur vorzugeben. Ich schreibe jeden Tag an die Tafel, welche Arbeitsblöcke uns erwarten. Erst erarbeiten wir gemeinsam in der Klasse, die aus sechs bis acht Kindern und Jugendlichen besteht, ein Thema. Dann gibt es eine individuelle Arbeitsphase. Hier kann jeder an dem Stoff aus der Heimatschule arbeiten. In der entspannenden Phase am Ende des Unterrichts spielen wir gemeinsam ein Spiel. Das öffnet den Blick für die Gemeinschaft, die wir als Klasse darstellen.“

Wie würden Sie Ihre Aufgaben als Lehrerin einer Kinder- und Jugendpsychiatrie beschreiben?

Hilli Knixibix: „Ich unterstütze die Kinder darin, sich wertschätzen zu können, ihre Arbeit aufzunehmen und den Anschluss an ihre Heimatschulen nicht zu verpassen. Ich mache ihnen Mut und bestärke sie. Da ich Schülerinnen und Schüler von Klasse 5 bis Klasse 10 von der Förderschule bis zum Gymnasium unterrichte, kenne ich nicht jeden Lerninhalt. Aber ich kann ihnen Lernwerkzeuge an die Hand geben und ihnen beibringen, wie man sich Wissen aneignet.“

Wie begegnen Ihnen die Kinder und Jugendlichen?

Hilli Knixibix: „Anfangs begegnen sie mir sehr skeptisch. Viele wundern sich: ,Warum muss ich auf der Intensivstation einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Schule gehen? Ich bin doch krank.’ Deshalb bitte ich am Anfang jeden bzw. jede zu einem Einzelgespräch. Ich erkläre ihnen, wer ich bin und was ich vorhabe. Dann höre ich mir ihre Schulgeschichte an. Nur wenn es den Unterricht betrifft, rede ich über ihre Erkrankung – sonst nicht. Das Gespräch baut die Skepsis ab. Sie merken, dass ich sie nicht unter Druck setze. Davor haben viele Angst.
Allgemein habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Schülerinnen und Schülern. Wir haben ein kurze Zeit miteinander – aber eine intensive Zeit, die uns zusammenschweißt.“

Welchen Schüler oder welche Schülerin werden Sie niemals vergessen, weil er oder sie Sie positiv überraschte?

Hilli Knixibix: „Mir fällt spontan ein Schüler ein: Er war damals 14 Jahre alt, sehr auffällig, sehr rabiat, sehr laut, sehr mürrisch – eine zarte Seele mit einer harten Schale. Er hatte große Lernschwierigkeiten. Dieser Junge weigerte sich zuerst vehement unser Spiel ,Think’ mitzuspielen. Bei dem Spiel werden Karten mit Begriffen, z. B. Sonne, Haus, hintereinander aufgedeckt, aus denen eine Geschichte entsteht. Bei einer Sonderkarte muss jemand alle Begriffe wiedergeben. Ich habe den Jungen dazu gebracht mitzuspielen und sah wie er immer aufmerksamer wurde. Er hält bis heute den Rekord. Von insgesamt 80 Begriffen konnte er 74 in der richtigen Reihenfolge wiedergeben. Er selbst konnte es nicht fassen. Wie viele andere ist er mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Ich könnte ein Buch über die positiven Erlebnisse schreiben, die mich nachhaltig beeindruckt haben.“

Sie haben zwar noch kein Buch geschrieben, aber berichten in ihrem Ihrem Blog anrührend auch von schlimmen Situationen in Ihrem Berufsalltag. Wurden Sie auf solche Situationen vorbereitet?

Hilli Knixibix: „Ich habe Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt ,Geistesbehinderten- und Sprachbehindertenpädagogik’ studiert. Aber ich bin nicht zusätzlich für Krankenhausschulen ausgebildet worden. Ich bin freiwillig in das Becken der ,Schulen für Kranke‘ gesprungen. So heißt die Schulform leider. Ich würde sie gerne ,Schule der Gesundung‘ nennen. Ich bin gesprungen, ohne dass mir bewusst war, wie sehr die Arbeit an die eigene Seele geht. Es passieren Dinge, die man nicht vorausahnen und auf die man sich nicht vorbereiten kann. Es gibt zwar Vorträge von Klinikärzten zu den einzelnen Krankheitsbildern. Trotzdem bin ich anfangs nach Hause gegangen und dachte: ,Der Tag war so voll mit Erlebtem, das erleben Kolleginnen und Kollegen an Regelschulen nicht in zwei Jahren’.“

Wie gehen Sie mit den schweren Situationen um?

Hilli Knixibix: „So etwas lässt sich nicht leicht wegstecken. Ich dachte mir damals: ,Ich kann meine Verwandten, Bekannten, Nachbarn, Freunde nicht dauernd mit diesen furchtbaren Geschichten behelligen.’ Dann habe ich mit dem Schreiben begonnen. Das klappt immer noch sehr gut. Es sprudelt so aus mir heraus. Danach geht es mir gut. Ich kann damit abschließen.

Außerdem habe eine Schulleitung, die mir den Rücken stärkt. Die mich in besonderen Situationen unterstützt. Ich kann zu ihr gehen und sagen, dass ich an die frische Luft muss. Das ist mir in den letzten Jahren zweimal passiert. Ich musste eine Runde drehen und überlegen, wie ich den Unterricht weitermache. Dann gibt es noch das tolle Team auf der Station, mit dem ich eng zusammenarbeite. Wir tauschen uns ständig aus.“

Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dem Berufsalltag für sich privat mit?

Hilli Knixibix: „Dass Menschen, die sich an einem Tiefpunkt in ihrem Leben befinden, dennoch die Kraft haben, den Anschluss an den Alltag nicht zu verlieren. Dass sie mutig sind, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, und an ihren Erfolgen wachsen.
Daran denke ich, wenn ich der Meinung bin, etwas nicht zu schaffen oder nicht die Kraft für etwas zu haben.

Aber ich musste auch lernen, meine Arbeit und mein Privatleben zu trennen. Ich habe gelernt, nicht bei irgendwelchen Kindern auf der Straße zu denken: ,Na, ist da ein depressiver Anteil vorhanden?’ oder ,Entwickelt sich da vielleicht eine Neurose oder ein Tick?’ Die Welt in der Schule ist eine andere als meine private.“

Sie sind zurzeit in Elternzeit. Auf was freuen Sie sich, wenn Sie die Arbeit als Lehrerin wieder aufnehmen?

Hilli Knixibix: „Ich freue mich auf einen rhythmisierten Alltag. Ich freue mich, dass ich dabei sein kann, wenn junge Menschen den Mut fassen, weiterzumachen. Es ist ein Geschenk, sie dabei begleiten und unterstützen zu dürfen.“



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