Meine erste Klassenfahrt „auf der anderen Seite“ – Teil 1

Referendarin Franzi ist zwei Tage als Ersatz auf ihrer ersten Klassenfahrt. Der erste Teil einer Chronik der Ereignisse.

Ich trage meine Gitarre auf dem Rücken. Außerdem eine schwere Tasche mit Kulturbeutel, Wechselwäsche, Schlafzeug und allem weiteren Unentbehrlichen auf der rechten Schulter. Der Gurt meines Schlafsacks schneidet in die linke Schulter. Mit meinen wasserfesten Schuhen, der Regenjacke, den zwei Fleecepullovern und der Strumpfhose unter meiner Jeans fühle ich mich dem Wetter entsprechend gekleidet.

Ich muss kurz innehalten: Ich hatte mir meine „Business Outfits“ mit Mitte Zwanzig anders vorgestellt. Wie ein moderner Vagabund sehe ich aus. Oder wie Hans im Glück. Aber selbst der hatte mit Gans, Stein und Schwein nicht so viel zu schleppen wie ich in diesem Moment. Es fängt an zu regnen und meine Stimmung neigt sich dem Tiefpunkt.

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Unglamouröses Berufsleben

Die Menschen in der U-Bahn halten mich für eine Weltenbummlerin. Sie irren sich. Ich bin auf dem Weg zu meiner ersten Klassenfahrt als Lehrerin. Meine Freunde fliegen auf Geschäftsreisen zu Meetings nach Köln, München und Krakau. Dabei haben sie einen standardisierten Handgepäckskoffer auf Rollen bei sich, über dem ein Sakko im Kleidersack hängt. Mein Regionalzug hingegen fährt um 12 Uhr ab Berlin-Karow ins weite Brandenburger Land. Das Berufsleben hat sich noch nie so unglamourös angefühlt.

Dass ich ohne Schulklasse unterwegs bin, liegt daran, dass ich eine Kollegin auf ihrer Kursfahrt ablöse. Sie muss früher nach Hause und ich reise spontan für die letzten zwei Tage in die Einöde. Diese erste Schulfahrt wird eine Light-Variante des anstrengenden Fünf-Tage-Programms der Kollegen. Weniger Tage, weniger Stress. Dachte ich.

Weites Brandenburger Land

Der Weg zur Jugendherberge erweist sich schon mal als weiter als gedacht. Nicht genug, dass ich mit dem Regionalzug bis zu einer Brandenburger Station fahre, deren Namen ich noch nie gehört habe. Sie ist auf dem Berliner S- und U-Bahnnetz so winzig klein eingezeichnet, dass ich, um sie zu erkennen, meine Lehrerbrille aufsetzen muss. Mein eigentliches Ziel, die Jugendherberge, liegt von diesem Bimmelbahnhof aus noch in weiter Ferne. Glücklicherweise bleibt mir eine Wanderung erspart. Ein Kollege holt mich mit dem Auto vom Bahnhof ab.

Die Achillesferse des Lehrers

In der Unterkunft angekommen zeigt mir mein Kollege die Räume und das Gelände. Die Schüler sind mit sich selbst beschäftigt und interessieren sich wenig für die neue Lehrerin. Ich kenne keinen einzigen Jugendlichen, denn keiner von ihnen besucht meinen Kurs. Die Namen der Schüler nicht zu kennen, legt die Achillesferse eines jeden Lehrers bloß: Ohne Benennungsmöglichkeit kann ich keinen von ihnen gezielt ansprechen, etwas fragen oder mich interessiert zeigen. Die Schüler sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. In diesem Alter kommen die Jugendlichen nicht mehr von allein auf einen zu. Ihr Interesse und ihre Sympathie muss man sich hart erarbeiten. Ich bemühe mich deswegen darum, die Namen schnell abzuspeichern. So kann ich mich auch besser von dem desinteressierten anderen neuen Lehrer abzugrenzen, der die Schüler einfach nur mit Nummern versehen hat und mit „Hey, Nummer Fünf!“ anspricht.

Hosenlose Schüler

Für mich ist es der erste Abend der Klassenfahrt, für den Rest der Gruppe der letzte. Zum Abendbrot soll gegrillt werden. Meine erste Aufgabe ist die Zubereitung eines Kartoffelsalats, gemeinsam mit einem Schüler, der an diesem Abend Küchendienst hat. Wieder denke ich an meine Freunde: Erst letztens unterhielten wir uns darüber, dass sie auf ihren Geschäftsreisen „Verpflegungsmehraufwendungen“ erstattet bekommen. Ich muss sogar das Geld für die Unterkunft vorstrecken. Und da ich noch nie einen Kartoffelsalat hergestellt habe, sehe ich diese pädagogische Maßnahme eher als Lehre für mich. Zunächst muss ich allerdings den Schüler finden. Er heißt Daniel. Ich lasse mir das Zimmer zeigen, in dem er nächtigt, klopfe vorsichtig an und öffne die Tür. Daniel liegt mit einem Mädchen unter seiner Decke im Bett. Im selben Zimmer sitzen drei weitere Schüler. Das beruhigt mich. Ich möchte nicht gleich als die Spießerlehrerin abgestempelt werden, die direkt nach der Türöffnung eine Aufklärungsansprache hält. „Daniel? Du hast heute Küchendienst und wir beide sollen einen Kartoffelsalat zubereiten. Kommst du?“, sage ich. Wider meiner Erwartung zeigt sich Daniel direkt kooperativ, bestimmt allerdings: „Äh ja, ich komme gleich. Gehen Sie nochmal raus?“. Ich schließe die Tür und frage mich, ob ich hätte reagieren sollen. Ganz offensichtlich liegt Daniel nur in Unterwäsche im Bett und will sich verständlicherweise nicht vor den Augen der Lehrerin anziehen. Als er eine Minute später allerdings aus seinem Zimmer tritt, trägt er nichts weiter als ein T-Shirt und eine Unterhose. Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, wie wenig er im Bett getragen hat, während seine Freundin neben ihm lag und weitere Schüler im Raum Karten spielten.

Sympathie-Catching-Strategie

„Hast du schonmal Kartoffelsalat gemacht?“, frage ich Daniel. Zu meiner Enttäuschung verneint er. Ich blicke einem finsteren Abend entgegen. Wenn ich nun einen Fehler mache, bin ich nicht nur die neue Lehrerin, die keinen Namen so richtig kennt, sondern auch noch die Verantwortliche für knurrende Mägen. Ich bemühe mich, trotzdem zuversichtlich zu sein. In einen Salat kommt an sich ja auch nur das, was man herausschmeckt. Immerhin habe ich Kartoffelsalat schon mal gegessen. Zu Daniel bin ich ehrlich und gestehe ihm, dass dies mein erster Kartoffelsalat sein wird. Er schaut skeptisch und kommentiert fortan jeden meiner schöpferischen Schritte mit einem „Ich weiß ja nicht, ob das so richtig ist“ aus seinem halbvollen Mund: Alles, was Daniel geschnitten hat, wandert direkt hinein und nicht in die bereitgestellte Schüssel. Ich lasse ihn gewähren. Das gehört ganz unpädagogisch zu meiner Sympathie-Catching-Strategie. Mittlerweile haben sich noch andere Schüler um den Tisch versammelt. Allerdings nicht, um uns zu helfen, sondern um Daniel bei seinen Zweifeln meinen Kochkünsten gegenüber zuzustimmen und gegebenenfalls Extrawünsche zu äußern. Denn wie sich herausstellt, steht beinahe jede Zutat im Kartoffelsalat auf der Liste mit Nahrungsabneigungen von mindestens einem Schüler.

Fortsetzung folgt …

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




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