Privates preisgeben: Ratespaß mit Frau F.

Lehrerin Franziska wird als Frau F. oft zu Privatem von ihren Schülerinnen und Schülern befragt. Sie selbst fragt sich indes: Wie viel darf und will ich preisgeben?

Ich besitze eine sehr liebgewonnene Kette, die älter ist, als ich mich erinnern kann. Das silberfarbene Schmuckstück ziert ein herzförmiger Anhänger mit meiner Initiale, einem F. Schon oft haben mich meine Schülerinnen und Schüler gefragt, wofür das „F“ stehe, ob mein Vorname mit einem „F“ beginne und wie dieser eigentlich laute. In Zeiten von Google, Facebook und diesem Magazin halte ich mich bedeckt.
Ich erinnere mich selbst sehr gut daran, dass für mich immer eine kleine Faszination vom Privatleben meiner Lehrerinnen und Lehrer ausging. An meiner Schule kursierten Gerüchte über Beziehungen zwischen den Lehrkräften. Auf dem Schulhof wurden diese schneller weitergetratscht als jede Beziehung in unserer Klasse oder in den Seifenopern des Vorabendprogramms von RTL. Vermutlich interessiert man sich einfach sehr für die Menschen, mit denen man einen so großen Teil seiner Zeit verbringt und über die man so außerordentlich wenig weiß. Wie heißen sie? Wie alt sind sie? Wo und wie wohnen sie? Sind sie verheiratet? Haben sie Kinder? Wir haben uns nicht getraut, diese Fragen zu stellen.

„F“ steht für „Frau“

Ganz anders meine Schülerinnen und Schüler, die sich für keine Frage zu schade sind. Seit meiner Arbeit in der Grundstufe eines Förderzentrums habe ich für die Ketten-Frage eine Antwort gefunden: Ich bestehe beharrlich darauf, dass das „F“ für das Frau vor meinem Nachnamen steht. Zu meinem Erstaunen über ihre Naivität glauben das meine Schülerinnen und Schüler. Ebenso sehr interessiert zeigen sich alle an meinem Alter. Ich habe einmal zu oft den Fehler begangen, sie zu fragen, was sie denken. Bisher schmeichelten mir die Antworten. Zuletzt hat mich allerdings ein Schüler zehn Jahre älter geschätzt. Ich habe ihn daraufhin gedanklich aus meinem Kurs verbannt und konnte es mir nicht verkneifen, anschließend einen Monolog zu halten, wie man definitiv kein Herz einer Frau erobert. Ich beendete meine Rede mit dem weisen Rat, ab einer gewissen Altersstufe lieber großzügig einen nahezu zweistelligen Betrag von der eigenen Schätzung abzuziehen.

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Bewegungsradius Dönerbude

Als nächstes befragt mich meine Klasse immer wieder zu meinem Wohnort. Großzügig gebe ich dann den Bezirk preis, der nicht dem Bezirk meiner Schule entspricht. Das ist eine sehr schützende Tatsache, denn leider/gottseidank sagt meinen Schülerinnen und Schülern dieser Bezirk, obgleich er der Nachbarbezirk ist, rein gar nichts. Ihr Kosmos ist auf ihren eigenen Berliner Innenbezirk beschränkt. Wenn sie nicht gerade in den Urlaub fahren, reicht ihr Bewegungsradius nur bis zur Schule oder zur nächsten Dönerbude, an der sie sich mit ihren Freundinnen und Freunden treffen. Meiner Privatsphäre kommt das sehr zugute.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Am meisten interessiert sich meine Klasse aber dafür, ob ich verheiratet bin oder nicht. Hier habe ich kein Problem, mit einem Nein zu antworten. Ein großer Anteil meiner Schützlinge wächst zwar in Deutschland, aber in einem Kulturkreis auf, der die Ehe als unabwendbar zu erreichende Lebensstufe betrachtet. Meine Antwort lässt ihre Augen deswegen jedes Mal ganz ungläubig großwerden. Denn nachdem einer ihrer Mitschüler mein Alter falsch schätzte und ich mit einem markerschütterndem Schrei mein wahres Alter preisgab, wissen nun alle, der wievielte Geburtstag hinter mir liegt. Nach ihrem Empfinden ist für mich der Zug für die Ehe mittlerweile abgefahren. Von einigen ernte ich darauf mitleidige Blicke. Frau F. bekommt keinen Mann mehr ab. Auf eine Debatte, ob es keine gleichwertigen Beziehungskonstrukte in unserer Gesellschaft gäbe, die einen Menschen genauso erfüllen können, lassen sich die meisten meiner Schülerinnen und Schüler nicht ein. Aus einer Ecke höre ich nur ein verstohlenes „Freundschaft plus, oder was?“, das ich überhöre.

Sicherheitslücken

Doch die Schülerschaft weiß, wie sie an Informationen kommt. Martin, einem longboardbegeistertem Schüler, habe ich neulich erzählt, dass der Besitzer eines großen Berliner Longboardshops mein Nachbar sei. Daraufhin hat Martin bei seinem letzten Shopbesuch ein Pläuschchen mit eben diesem Nachbarn gehalten und weiß seitdem, wie meine Straße heißt (nicht allerdings, wo diese liegt, siehe oben) und dass ich vor wenigen Wochen innerhalb meines Wohnhauses umgezogen bin. Seine neuesten Erkenntnisse teilte Martin gleich mit seinem Kurs, sodass mich Jordan im Anschluss an die Stunde fragte, wie meine Wohnung aussehe. Eine Frage, über die ich ihn gern rätseln ließ. Wenig später kam er zu mir und meinte: „Ich wette, Sie haben so eine Eso-Yoga-Altbauwohnung … Sie wirken immer so entspannt.“ Eine Antwort, die für mich mehr Kompliment war, als er vermutlich dachte.
Noch weniger rätseln musste einer meiner Kurse, mit dem ich jüngst das Gesundheitsamt besuchte. Da neben den Schülerausweisen auch mein Personalausweis von den Mitarbeitern eingesammelt, an eine meiner Schülerinnen aber wieder ausgegeben wurde, konnten sie sich schnell ein genaues Bild über den vollen Namen, das Geburtsdatum und die Anschrift ihrer Lehrerin machen.

So strauchele ich durch den Schulalltag, mich immer wieder fragend, was ich (freiwillig) verraten will und welchen Debatten ich mich möglicherweise stellen muss. Ich habe eine große Liste mit den gleichen Infos über die Schülerschaft, die sie von mir erfragt. Ich kann mich auch nicht davon befreien, dass meine Ohren auf dem Schulhof manchmal größer werden, wenn ich die Namen zweier verliebter Schülerinnen oder Schüler höre. Mein eigenes Leben möchte ich dennoch lieber etwas für mich behalten, was mir von Klasse zu Klasse mal besser, mal schlechter gelingt. Es muss einfach nicht sein, dass sie mich in den sozialen Medien oder auf dem Nachhauseweg begleiten. Trotzdem kennen mich viele meiner Schützlinge nach unseren Gesprächen erstaunlich gut. Unsere Atmosphäre in der Klasse ist sehr vertraut, was ich auch wünschenswert finde. Demnach muss wohl jede Lehrkraft, wie so oft, die eigene Wahrheit und die richtigen Antworten auf zu private Schülerfragen finden.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © Iakov Filimonov/shutterstock.com