Sexting: Nackte Tatsachen auf dem Schulhof

Das Thema „Sexting” ist aus den Medien nicht mehr wegzudenken, denn der aus den USA stammende Trend findet auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Anhänger. Was Sexting genau ist, was es für Jugendliche so aufregend und cool macht, was für Gefahren der Trend mit sich bringt und wie Sie Ihre Schülerinnen und Schüler über die sozialen und rechtlichen Folgen aufklären, erfahren Sie hier.

Jeder Schüler und jede Schülerin auf dem Schulhof weiß, wie eine 16-Jährige aus der 10b nackt aussieht. Alle besitzen ein Foto, auf dem sie ihren entblößten Körper der eigenen Handykamera und nun auch dem gesamten Schulhof präsentiert. Alle reden über dieses Bild und über das Mädchen auf dem Foto. Sie ist Opfer eines immer schlimmer werdenen Cybermobs. Aber warum gibt es eigentlich ein solches Foto von ihr? Und wie kam es dazu, dass nun jeder dieses Foto besitzt?

Was ist eigentlich Sexting?

Das Wort „Sexting” setzt sich aus den englischen Wörten „sex” und „texting” (übersetzt soviel wie „eine SMS schreiben”) und bezeichnet das digitale Versenden sexueller Inhalte, wie Bilder oder Filme, meist via Smartphone. Dabei geht es nicht um die Verbreitung von im Netz gefundener pornographischer Inhalte, sondern um intime Selbstaufnahmen, die mit der eigenen Handykamera aufgezeichnet wurden. Der aus den USA stammende Trend verbreitet sich auch im deutschsprachigen Raum immer mehr und wird besonders bei Jugendlichen immer beliebter.

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Warum ist Sexting so verbreitet?

„Gerade in der Pubertät, in der sich Jugendliche mit den Fragen beschäftigen ,Wie attraktiv bin ich?’, ,Wie komme ich an?’, ,Was sagen andere zu mir?’, ,Und wie fühle ich mich dabei?’, sehen sie im Sexting eine mögliche Art, sich auszuprobieren und viel über sich selbst und andere zu lernen”, erklärt die Diplom-Psychologin und Buchautorin Julia von Weiler in ihrem Gastbeitrag Sexting: Die nackte Wahrheit. „Für Jugendliche ist Sexting aufregend und cool”, so die Psychologin. Die Selbstaufnahme passiert in einem vermeintlich geschützten Raum – in den eigenen vier Wänden und in intimer, unbeobachteter Atmosphäre. In den meisten Fällen soll das Resultat nur den Schwarm oder eine Freundin erreichen. Doch was vielen Kindern und Jugendlichen nicht bewusst ist: Hat das Foto einmal die sicheren vier Wände verlassen, ist es nicht mehr aufzuhalten.

Gefährlicher Trend

Vielleicht hat die Freundin einen schlechten Tag oder der Freund will sich nach einer Trennung rächen – es bedarf nur weniger Klicks bis ein vor kurzer Zeit noch privates Bild die Weltöffentlichkeit erreicht. „Wenn ein Foto oder ein Film erst einmal per WhatsApp, Skype, Facebook o. ä. versandt wurde, verliert der Sender jegliche Kontrolle. Denn jeder, der diesen Inhalt in die Hände bekommt, kann ihn kopieren, verändern und verbreiten. Wirklich jeder!”, so die Psychologin. So ist es auch nicht ausgeschlossen, dass ein solches Bild im schlimmsten Fall plötzlich auf einschlägigen Pornoseiten eingebettet in einem anderen Kontext auftaucht.

Nach dem Kontrollverlust hat ein Opfer nicht nur mit der Scham zu kämpfen. Betroffene „bekommen dazu noch schreckliche Nachrichten auf allen Kanälen und zu jeder Tages- und Nachtzeit: SMS, WhatsApp- und Facebook-Nachrichten oder ganz altmodisch am Telefon”, so von Weiler. „In einigen Fällen gründen Kinder und Jugendliche sogar WhatsApp-Gruppen oder Facebook-Seiten, um das Mädchen oder den Jungen noch mehr in der Öffentlichkeit bloßzustellen.” Das Cybermobbing lässt die Opfer häufig an ihre psychischen Grenzen stoßen: „Wenn Kinder und Jugendliche in eine solche Situation geraten, haben sie das Gefühl zu ertrinken. Sie fühlen sich einsam und allein”, erklärt die Expertin. Hier muss schnellstmöglich geholfen werden.

Im Netz gefangen

Die sozialen Netzwerke und die Anonymität des Internets vereinfacht darüber hinaus auch Erwachsenen oder älteren Jugendlichen, die sich den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zum Ziel gesetzt haben, ihre Opfer kennenzulernen. Diese Kontaktaufnahme wird „Cyber-Grooming” genannt. „Die Profile in den Sozialen Medien enthalten oft schon viele für sie interessante Informationen zu dem jeweiligen Jungen oder Mädchen, an die sie anknüpfen können. Sie freunden sich mit den Kindern oder Jugendlichen an und manipulieren sie mit dem Ziel, ihnen ein Sexting-Foto oder -Film zu entlocken”, erklärt die Psychologin. Mit einem solchen Foto haben die Täter ihr Opfer in der Hand. Sie erpressen es damit, besser alles zu tun, was sie sagen, in jedem anderen Fall würde dieses Foto an die Öffentlichkeit gelangen. Auch organisierte Banden nutzen ihnen ausgehändigte Sexting-Fotos als Drohmittel, um von dem Opfer Geld zu erpressen.

Rechtliche Folgen

Neben den Risiken, denen sich Kinder und Jugendliche durch das Sexting aussetzen, ist vielen nicht bewusst, dass die Verbreitung von erotischen Bildern oder Filmen Minderjähriger in Deutschland strafbar ist. Auch wenn die Fotos oft auf freiwilliger Basis und in Eigenregie aufgenommen werden, handelt es sich um den Strafbestand der Kinderpornographie (geregelt u.a. im Strafgesetzbuch § 184b und c). Darüber hinaus gilt auch in diesen Fällen das Recht am eigenen Bild: Gelangt ein Foto ohne die Genehmigung der auf dem Foto oder im Video abgebildeten Person an die Öffentlichkeit, so können Unterlassungs-, Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche geltend gemacht werden.

Wie Sie als Lehrer eingreifen können

Da der Trend eine immer größere Verbreitung findet, sollten Schülerinnen und Schüler frühzeitig für die Thematik und besonders auch für die sozialen wie rechtlichen Folgen sensibilisiert werden. Ist ein Fall an der Schule bekannt, sollte dem Opfer schnellstmöglich psychologische Hilfe vermittelt werden. Schülerinnen und Schüler, die mit dem Bild in Berührung gekommen sind, sollten aufgefordert werden, dieses umgehend zu löschen, und auf eine mögliche Strafbarkeit des Handelns hingewiesen werden.

Unterrichtsmaterialien zum Thema „Sexting”

Im Internet sind verschiedene Unterrichtsmaterialien zum Thema zu finden. Auf der Homepage von Innocence in danger e.V. können Sie kostenlose Arbeitsmaterialien (wie z. B. Arbeitsblätter) herunterladen. Bei ABOUT YOU kann ein Materialpaket zur Förderung digitaler Kompetenzen anfordert werden. Hier liegt der Fokus besonders auf dem Themen „Sexting” und „Cyber-Grooming”. Darüber hinaus hat Pro Juventute eine Aufklärungskampagne gestartet. Auf der Internetseite finden Sie kostenlose Bild- und Videomaterialien zum Thema. Der Aufklärungsfilm von ZDF Tivi eignet sich ebenfalls für das gemeinsame Anschauen im Unterricht.

Hier wird Betroffenen geholfen

Save me online
Bündnis gegen Cybermobbing
Hilfeportal Missbrauch

Mehr zum Thema

BILDTITEL

©Verlag Herder

Im Netz – Kinder vor sexueller Gewalt schützen

„Social Media sind fester Bestandteil im Leben von Kindern und Jugendlichen. Das Bedürfnis, sich zur Schau zu stellen, ist enorm und in ihrer kindlichen Unbefangenheit sind sich viele über die möglichen Konsequenzen gar nicht im Klaren. Jeder siebte Jugendliche hat schon einmal sexuelle Anmache im Internet erlebt. Die meisten Opfer sind zwischen 13 und 15 Jahren alt. Julia von Weiler beschreibt, welche Tricks die Täter anwenden und gibt den Eltern praktische Tipps zum Schutz der Kinder.“

Verlag Herder
Format: 12,0 x 19,0 cm, ca. 184 Seiten, Kartoniert
HERDER spektrum
ISBN 978-3-451-06747-1
€[D] ca. 8,99

Das Buch ist ab November 2014 erhältlich.

Julia von Weiler, Psychologin und Buchautorin
Julia von Weiler arbeitet seit 1991 zum Thema „sexueller Missbrauch“ und seit 2003 bei Innocence in danger e.V. zum Thema „sexueller Missbrauch und digitale Medien“. Sie ist Autorin des Elternratgebers „Im Netz. Kinder vor sexueller Gewalt schützen“.


Titelbild: © ponsulak/shutterstock.com