Studie: Stereotype im Klassenzimmer bleiben bestehen

Mädchen sind schlecht in Physik – glauben ihre Lehrerinnen. Ernüchternde Ergebnisse einer neuen Studie.

Schlechterer Note bei gleicher Leistung

Zwei Schüler beantworten eine Frage exakt gleich. Sie erhalten eine Note – der Schüler die bessere, die Schülerin die schlechtere. Glauben Sie nicht? Genau so geschah es in einer Ende November 2015 veröffentlichten Studie von Sarah Hofer, Wissenschaftlerin an der ETH Zürich unter Professorin Elsbeth Stern. Die Lernforscherin Hofer bat Physiklehrerinnen und -lehrer der Sekundarschule, in einem Online-Test eine Prüfungsantwort zu benoten. Am Versuch nahmen 780 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Schweiz, Deutschland und Österreich teil. Sie sollten dieselbe Frage aus dem Bereich der klassischen Mechanik und die genau gleich formulierte – nur zum Teil korrekte – fiktive Schülerantwort bewerten. In der einleitenden Erklärung formulierte Hofer den Text so, dass eine Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer dachte, es handele sich um die Antwort einer Schülerin und die andere Hälfte um die Antwort eines Schülers. Über den Hintergrund des Tests wurde den Lehrerinnen und Lehrer im Vorfeld nichts gesagt.

Lehrerfahrung spielt eine entscheidende Rolle

Die Schweizer Physiklehrerinnen und -lehrer mit weniger als zehn Jahren Erfahrung im Beruf bewerteten die Antwort der Schülerin um 0,7 Noten schlechter, die Österreicher sogar 0,9 Noten. Die Forscherin sagte, dass bereits frühere Untersuchungen Hinweise darauf lieferten, dass Mädchen in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern für die gleiche Benotung mehr leisten müssten. Meist wurde dabei das Fach Mathematik untersucht. Für das Fach Physik und den deutschsprachigen Raum ist die akutelle Studie die umfassendste. Demnach ließen sich Lehrerinnen und Lehrer besonders stark von Stereotypen beeinflussen, wenn ihnen wenig Informationen vorlagen bzw. sie von der Aufgabenstellung überfordert waren. Das sei wahrscheinlich bei Lehrerinnen und Lehrern mit wenig Berufserfahrung der Fall. Aber nicht alle Pädagoginnen und Pädagogen benoteten derart unterschiedlich: Vor allen Dingen Lehrende mit zehn oder mehr Jahren Berufserfahrung zeigten keine Unterschiede in der Bewertung.

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Spannend sind auch die Ergebnisse für Deutschland: Während männliche Kollegen keine Rückschlüsse anhand des Geschlechts auf die Leistung des Schülers bzw. der Schülerin zogen, bewerteten die weiblichen Kolleginnen ebenfalls im Schnitt um 0,9 Noten schlechter. Eine Erklärung konnten die Forscherinnen Hofer und Stern jedoch nicht finden.

Tipp: Hofer rät zu einem systematischen Vorgehen bei der Kontrolle von Schülerleistungen. „Wichtig wäre es, dass Lehrerinnen und Lehrer bei jeder Prüfung ein Bewertungsschema verwenden, das festlegt, für welche Teilantworten wie viele Punkte vergeben werden und das klar definiert, was Flüchtigkeitsfehler und Folgefehler sind“, so die Lernforscherin. Hilfreich sei auch, wenn Lehrerinnen und Lehrer beim Korrigieren den Namen abdeckten.

Weiterführende Informationen: Hofer, Sarah: Studying Gender Bias in Physics Grading: The role of teaching experience and country. In: International Journal of Science Education, Volume 37, Issue 17, 2015.

Titelbild: © spass/shutterstock.com