Über Einzelkämpfer und schlechte Rahmenbedingungen

Über Einzelkämpfermentalität im Kollegium und schlechte Rahmenbedingungen für Lehrende sprachen wir mit Jochen Lüders. Der Englisch- und Sportlehrer ist unser „Lehrer der Woche“.

Wenn ich Ihre Schülerinnen und Schüler bitten würde, Sie als Lehrer in fünf Adjektiven zu beschreiben, welche Wörter würden sie wählen?

Jochen Lüders: „Ich hoffe mal: kompetent, anspruchsvoll, gerecht, freundlich und aufgeschlossen.“

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Wie würden Sie sich selbst als Lehrer beschreiben?

Jochen Lüders: „Wie gerade beschrieben (Er lacht). Von der Methodik her gehöre ich sicherlich eher zu den ,traditionellen‘ Lehrern. Ich habe nicht die geringste Lust, mich auf die Rolle eines ,Moderators‘ bzw. ,Impulsgebers‘ reduzieren zu lassen. Ich bin davon überzeugt und der bekannte Bildungsforscher John Hattie hat dies eindrücklich bestätigt, dass die Persönlichkeit und Kompetenz des Lehrers entscheidend für den Unterrichtserfolg und die Freude am Lernen sind. Mein Unterricht ist deshalb in hohem Maße ,lehrergesteuert‘, d. h. effizient und zielorientiert, ohne Leerlauf und hoffentlich Langweile. Das schließt nicht aus, dass Themen, die von meinen Schülern kommen, falls möglich, immer Priorität haben.“

In Ihrem Blog JochenEnglish geben Sie Tipps für die Unterrichtsgestaltung und
stellen Materialien für Lehrkräfte aber auch Schülerinnen und Schüler zur Verfügung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen solchen Blog zu gestalten?

Jochen Lüders: „Das hat unmittelbar mit meiner eigenen Lehrer-Biografie zu tun. Als ich an der Schule angefangen habe, bekam ich in meiner Abwesenheit und ohne dass ich gefragt worden wäre, einen Leistungskurs aufs Auge gedrückt. In meinem Referendariat hatte ich gerade mal ein halbes Jahr lang einen Grundkurs unterrichtet. Ich war natürlich absolut panisch, denn ich hatte keine Erfahrungen mit einem LK und auch keinerlei Materialien. Ich wäre für jede Art von Hilfe dankbar gewesen, habe aber von Kollegen überhaupt nichts bekommen. Ich konnte es einfach nicht fassen: Da gab es Kollegen, die schon seit vielen Jahren LKs unterrichtet hatten, aber keiner rückte irgendwas heraus. Damals habe ich mir geschworen, das mal besser zu machen und das war dann auch der Ausgangspunkt erst für meine Website und dann für mein Blog.

Diese Einzelkämpfermentalität ist nach meinem Eindruck auch heute noch leider sehr verbreitet. Viele wurschteln alleine vor sich hin und erfinden das Rad immer wieder neu. Viele Kollegen sind zwar ,Jäger und Sammler‘, rücken aber selber nie oder nur höchst ungern etwas heraus. Ich hoffe, durch mein Blog diese Mentalität ein bisschen ändern zu können.“

Sie schreiben auch über den „fantastischen Möglichkeiten“, die das Internet eröffnet. Wie kann das Internet Ihrer Meinung nach den Lehreralltag leichter machen?

Jochen Lüders: „Zum einen war es noch nie so einfach alle nur erdenkbaren Arten von Materialien auszutauschen. Einige Schulen pflegen z. B. Pools für Übungsmaterialien, Klausuren usw. Es ist ja viel einfacher, eine bereits ,bewährte‘ Klausur an die eigenen Bedürfnisse anzupassen als eine völlig neue zu entwerfen.

In einem größeren Rahmen können z. B. Mailinglisten ‒ wie für Englischlehrer EnPaed ‒ enorm viel Arbeit sparen bzw. einem neue didaktisch-methodische Ideen geben. Ich suche einen nicht zu schweren Klausurtext zum Thema XY, einen Cartoon, Hörverstehenstext, neue Ideen wie man XY machen könnte – einfach in der Mailingliste posten und auf die stets hilfsbereiten Kollegen hoffen.

Für meinen eigenen Unterricht nutze ich das Internet vor allem für interessante Texte und Videos. Ich habe oft den Eindruck, dass viele Kollegen noch viel zu sehr am Schulbuch ,kleben’ und überhaupt keine Vorstellung haben, wie viel interessanter ihr Unterricht sein könnte, wenn sie das vielfältige Angebot des Internets dosiert in ihren Unterricht integrieren würden.“

Steckbrief

Name: Jochen Lüders

Schule: Maria-Theresia-Gymnasium, München

Die Schülerinnen und Schüler von heute … sind auch nicht so viel anders als frühere Generationen. Es gibt so vieles was interessanter ist als der Gebrauch der englischen Zeiten oder doofe Mathe- und Chemieformeln.

Die Schule von morgen … wird hoffentlich nicht so aussehen, dass alle nur noch auf irgendwelchen Displays rumwischen und –tippen und nur noch virtuell kommunizieren.

Ich werde nie vergessen wie … sehr ich als Schüler bestimmte Fächer gehasst habe.


Wie digital muss der Schulalltag bzw. der Unterricht werden?

Jochen Lüders: „Diese Frage lässt sich pauschal nicht beantworten, denn die verschiedenen Fächer haben ganz unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten für die ,neuen Medien‘. Was den Sprachenunterricht angeht, stehe ich der Digitalisierung in Form von Smartboards, Notebooks bzw. Tablets, Smartphones sehr skeptisch gegenüber. Ich habe selbst mit Notebooks und Smartphones im Unterricht experimentiert – und ja, natürlich könnte man ganz tolle Sachen machen. Aber in der Realität ist die Ablenkung einfach viel zu groß. Facebook, Twitter und Instagram sind nun mal viel interessanter als die tollste Lexikon-, Wortschatz- oder Grammatik-Websites bzw. Apps.

Eine Sprache lernt man nur durch das Sprechen und zwar ,face to face’. Und dafür braucht man in erster Linie gute Lehrer und guten, abwechslungsreichen, effizienten, kommunikationsorientierten Unterricht. Außerdem eine Dokumentenkamera mit einem funktionierenden Beamer und einen ordentlichen Player mit guten Lautsprechern fürs Hörverstehen. Ein PC bzw. Notebook mit schnellem Internetanschluss ist natürlich praktisch, aber es geht auch ohne. Aber ich brauche ganz sicher kein sündteures und anfälliges Smartboard und schon gar keine Laptops bzw. Tablets für die Schüler.“

Die ICILS-Studie fand heraus, dass die Medienkompetenz der deutschen Schülerinnen und Schüler nur mittelmäßig ist. Sehen Sie das auch so?

Jochen Lüders: „Bei diesen Studien bin ich immer sehr skeptisch. Als erstes müsste man z. B. wissen, was überhaupt unter ,Medienkompetenz’ verstanden wird. Das ist ja ein ganz vager Begriff, der mit den unterschiedlichsten Inhalten gefüllt werden kann. Außerdem muss diese Kompetenz ja objektivierbar, überprüfbar ‒ am besten in Form von Multiple Choice Tests ‒ und international vergleichbar sein. Ein meines Erachtens wichtiger Teilaspekt von ,Medienkompetenz’, nämlich die Fähigkeit die Seriosität von Websiten differenziert beurteilen zu können, lässt sich nicht einfach mit ein paar Häkchen oder Kreuzchen überprüfen.

Mangelnde Medienkompetenz ist auch kein vordringliches bildungspolitisches Thema. Wenn ich mir z. B. die hohen Studienabbrecherquoten bzw. die Klagen von Professoren ansehe, dann geht es doch um ganz grundlegende Dinge wie mangelndes Lese- und Textverständnis, mangelndes Schreib- und Ausdrucksvermögen usw. und nicht um mangelnde Medienkompetenz.“

Sie sprechen in Ihrem Blog auch davon, dass die Rahmenbedingungen für Lehrende immer schlechter werden und die Anforderungen an sie immer höher. Durch welche Faktoren kommt es Ihrer Meinung zu einer solchen Veränderung?

Jochen Lüders: „Die Inklusion führt häufig zu einer erheblichen Mehrbelastung. Was sich auf dem Papier wunderbar liest, kostet in der Realität oft enorm viel Kraft und Nerven. Man kann verhaltensauffällige Kinder oder Kinder mit Asperger-Syndrom nicht ,einfach so‘ in den normalen Unterricht integrieren. Wenn ein Kind z. B. ständig in den Unterricht reinschreit, im Klassenzimmer herumläuft oder Mitschüler attackiert, kommt man als Lehrer ganz schnell an seine Grenzen. Wir sind für diese Kinder bzw. Situationen nicht ausgebildet und das Ganze soll ja auch nichts kosten, d. h. es gibt häufig keine Sozialpädagogen oder Psychologen, die einen unterstützen könnten.

Außerdem ist unsere Schülerschaft heute erheblich heterogener als noch vor zwanzig Jahren. In einigen Bundesländern entscheiden inzwischen die Eltern, ob ihre Kinder aufs Gymnasium gehen, d. h. wir haben eine viel größere Bandbreite an Schülern, auf deren Bedürfnisse wir eingehen sollen. Eine Folge davon ist die berechtigte Forderung nach Differenzierung und Individualisierung. In der Praxis bedeutet das, dass man nicht mehr ein Arbeitsblatt für die ganze Klasse erstellt, sondern drei oder vier für die verschiedenen Leistungsstufen – dies bedeutet einen erheblichen zusätzlichen Zeit- und Arbeitsaufwand.

Auch das Erstellen z. B. von individualisierten Wochenplänen ist mit erheblichem Arbeitsaufwand verbunden. Der neueste Trend ist, dass Schulen ihre eigenen Lehrpläne erstellen und auf Stoffverteilungspläne runterbrechen müssen.

Gleichzeitig steigt der bürokratische Aufwand permanent. Aufgrund der grassierenden Noteninflation gehen Eltern häufig schon gegen eine Note 3 vor. Da werden viel schneller als früher Briefe oder Mails an die Schulleitung geschrieben und wird mit dem Anwalt gedroht. Entsprechend steigt der Druck auf die Lehrer, dass alles immer juristisch ,wasserdicht’ sein muss.“

Was müsste sich also Ihrer Meinung nach ändern, damit Lehrer und Lehrerinnen bessere
Rahmenbedingungen vorfinden?

Jochen Lüders: „Viele Entwicklungen, wie z. B. der Trend zu immer besseren Noten und der damit verbundene Druck auf Schüler, Eltern und Lehrer, wird man nicht mehr umkehren können. Ich habe auch keine Hoffnung, dass der aktuell grassierende bildungspolitische Aktionismus so schnell aufhören wird. Alle paar Jahre wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, die schon nach kurzer Zeit niemanden mehr interessiert.

Im Bereich der Inklusion wäre natürlich schon viel gewonnen, wenn wir Lehrer Unterstützung durch Sozialpädagogen und Schulpsychologen bekämen. Aber man braucht sich nur mal die derzeitige Zahl von Schulpsychologen anzusehen, um auch in dieser Hinsicht keine allzu großen Hoffnungen zu haben.“

Hier geht es zu weiteren „Lehrer der Woche“-Interviews.

Titelbild: Jochen Lüders/ sofatutor.com