Infografik: So kommt Flipped Classroom an

Eine neue Veröffentlichung untersucht die Handhabung von Flipped Classroom im Schulalltag. Sie gibt Handlungsempfehlungen und lässt Flipperinnen und Flipper aus der Praxis berichten.

Projekt „Flip your class!“ veröffentlicht Ergebnisse

Das Projekt „Flip your class!“ begleitete fünf Berlin Schulen bei ihren Erfahrungen im Umgang mit Lernvideos. Dabei wendeten viele Lehrkräfte das Konzept des Flipped Classrooms an, einige adaptierten es entsprechend des Feedbacks ihrer Schülerinnen und Schüler.

Nach fünf Jahren, in denen das Projekt auch wissenschaftlich von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg betreut wurde, ist es Zeit, ein Fazit zu ziehen. Diese Ergebnisse wurden erstmals in der Publikation „Flipped Classroom – Zeit für deinen Unterricht. Praxisbeispiele, Erfahrungen und Handlungsempfehlungen“ veröffentlicht. Zu den Herausgeberinnen und Herausgebern zählen neben Julia Werner und Prof. Dr. Christian Spannagel, die das Projekt von Seiten der PH Heidelberg begleiteten, auch Christian Ebel von der Bertelsmann Stiftung sowie Stephan Bayer von sofatutor.

Einige zentrale Fragen während der Projektphase waren:

  • Wie konnten bereitgestellte Medien im Unterricht eingesetzt werden?
  • In welchen Lernphasen sind digitale Medien sinnvoll?
  • Wo finden Lehrkräfte die passenden Medien?
  • Und wie gehen sien vor, wenn sich die Schülerinnen und Schüler nicht mit den digitalen Materialien vorbereitet haben?

Diese Fragen untersuchte vor allen Dingen die Begleitforschung, durchgeführt von Christian Spannagel und Julia Werner von der PH Heidelberg, von letzterer im Rahmen ihrer Dissertation. Einige ihrer Ergebnisse haben wir in dieser Infografik zusammengefasst. Dabei wird auch gezeigt, wofür Lehrkräfte Lernvideos einsetzen. Zusätzlich haben wir einige schöne Zitate von Lehrkräften ergänzt, die flippen, um interessierten Lehrerinnen und Lehrern einen Einblick in die Vorteile der Methode zu ermöglichen.

So-kommt-der-Flipped-Classroom-an Illustration: ©sofatutor.com

Download

So-kommt-der-Flipped-Classroom-an.pdf (Dateigröße: 1MB)

Um den Download zu starten, geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein. Klicken Sie anschließend auf „Jetzt herunterladen“.

 

Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein.

 

Danke! Der Download wurde automatisch gestartet.

Was ist Flipped Classroom?

Beim Ansatz des Flipped Classrooms werden die zentralen Aspekten des Lernens und Lehrens umgekehrt: Die Wissensvermittlung und -aneignung, die sonst im Unterricht stattfindet, erfolgt in der Zeit, die in der Regel für Hausaufgaben vorgesehen ist – ob zu Hause oder im Ganztag am Nachmittag. Dabei werden häufig digitale Medien und Lernvideos eingesetzt. Im Unterricht bzw. in den gemeinsamen Präsenzphasen wird das Wissen vertieft, angewendet, geübt und auch immer wieder reflektiert.

Es gibt eine Variante des Flipped Classrooms, die sich Inclass-Flip nennt. Dabei werden die digitalen Medien und Videos während der Unterrichtsstunde angewendet. Häufig dienen sie der Einführung in ein Thema oder als Input, mit dem sich die Schülerinnen und Schüler anschließend an differenzierte Aufgabenstellungen machen können.

Es ist natürlich möglich, dass sich Klasse und Lehrkraft zwischen den verschiedenen Ansätzen bewegt und die Stunden unterschiedlich gestaltet werden.

Wie wurde geforscht?

Bislang gibt es wenige Untersuchungen zum Flipped Classroom in Deutschland. Der Ansatz wird bereits seit über zehn Jahren in den USA eingesetzt und ist dort sowohl im Unikontext als auch im Schuleinsatz beliebt. Seit etwa fünf Jahren setzt sich vor allen Dingen Pädagogikprofessor Christian Spannagel mit den Möglichkeiten des Flipped Classroom für Lernende auseinander und ist in diesem Zusammenhang auch im Projekt „Flip your class!“ einer der Hauptinitiatoren. Gemeinsam mit Julia Werner hat er in diesem Zusammenhange einige Ergebnisse der Begleitforschung veröffentlicht.

Im Laufe von fünf Jahren Projektlaufzeit wurden fünf teilnehmende Berliner Schulen von der Grundschule bis Oberstufenzentrum im „Flip your Class!“-Projekt begleitet. Dazu wurden 34 Unterrichtsbeobachtungen der Klassenstufen 5 bis 12 durchgeführt. Es wurden 421 Fragebogen von Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 7 bis 12 ausgefüllt und 6 leitfadengestützte Interviews mit Lehrkräften durchgeführt. So sollte im Rahmen der entwicklungsorientierten Bildungsforschung nicht nur untersucht werden, ob und wie das methodische Konzept umgesetzt wurde, sondern auch ein Lösungsansatz gestaltet und die Methode dadurch weiterentwickelt werden. Entstanden sind sogenannte „Design Patterns“, die Werner und Spannagel mitentwickelt haben, um sie flippenden Lehrkräften bei typischen Herausforderungen Lösungswege an die Hand zu geben. So kann etwa die Frage „Was tun, wenn ein Schüler bzw. eine Schülerin nicht das Video als Input zu Hause angesehen hat?“ mit dem Stichwort „Katerfrühstück“ beantwortet werden. Die entsprechende Vorgehensweise wird in der Veröffentlichung genau beschrieben, die sich auf dem Projektblog als eBook-Variante kostenlos im PDF herunterladen lässt. Eine Soft-Cover-Variante lässt sich über die Bertelsmann Stiftung bestellen, die das Buch verlegt hat: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/flipped-classroom-zeit-fuer-deinen-unterricht/

Welche Erkenntnisse gibt es?

Wichtig zum Verständnis der Auswertung der Forschungsergebnisse ist, dass für das Projekt kein starres Unterrichtsmodell vorgegeben wurde. Die didaktische Freiheit in der Anwendung des Flipped-Classroom-Konzepts blieb den Lehrerinnen und Lehrern erhalten. Sie wurden zu Beginn des Projekts eingehend in Workshops geschult wurden und konnten den Einsatz von Lernvideos entsprechend der Bedürfnisse ihrer Klassen anpassen.

Wichtig war für die Lehrkräfte zu Beginn des Projekts, dass die technische Infrastruktur bereitgestellt sein musste. Dies wurde vor allen Dingen bei den Inclass-Flip-Szenarien deutlich, bei denen die Lernvideos im Unterricht gezeigt wurden. Neben der fehlenden WLAN-Verbindung bereiteten fehlende Endgeräte und ausstehende Updates Probleme.

Gerade zu Beginn des Projekts sorgte das für eine schnelle Frustration bei den Schülerinnen und Schülern.

Wie Schülerinnen und Schüler Lernvideos einsetzen

Wenn die Voraussetzungen zum Lernen mit Lernvideos gegeben waren, setzen vor allen Dingen die leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler diese gern ein. Dabei wurden die digitalen Lernmittel für das gezielte Klären von Fragen bzw. Schließen von Verständnislücken oder zur Wiederholung genutzt.

Leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler griffen nicht wirklich auf die Zusatzangebote zurück und hatten Probleme damit, zu verstehen, warum sie Videos für das Lernen nutzen sollten. Teilweise wurde dabei auch eine grundlegenden Medieninkompetenz dieser Schülerinnen und Schüler deutlich: Die Videos wurden nur im Hintergrund abgespielt, um den Eindruck zu erwecken, sie würden sich damit beschäftigen.

Zudem war es für jüngere Schülerinnen und Schüler schwer, sich an Login-Daten zu erinnern oder eine E-Mail zu verschicken bzw. zu empfangen. Das sollten Lehrkräfte, die sich neu mit dem Flipped Classroom beschäftigen, beachten.

Die Schülerinnen und Schüler gaben an, welche Anforderungen sie an Lernvideos stellen. Die drei wichtigsten Aspekte waren:

  • korrekte Inhalte,
  • eine verständliche Sprache sowie
  • eine gute Struktur im Video.

Dabei konnten auch vier untersuchte sofatutor-Videos nach Meinung der Schülerinnen und Schüler gut bis sehr gut in den genannten Kriterien abschneiden.

Zwei Drittel der befragten Schülerinnen und Schüler wünschten sich einen häufigeren Einsatz von Lernvideos im Unterricht, da sie diese lieber mochten als einen Text. Sie nutzten Lernvideos vor allen Dingen, um sich einzelne Abschnite oder das ganze Video mehrmals anzusehen. Dabei achteten sie darauf, andere Störquellen zu vermeiden. Sie konnten nach dem Anschauen des Videos die wichtigsten Themen nennen und das Gelernte bei der anschließenden Übung auch anwenden.

Wie Lehrkräfte Lernvideos im Flipped Classroom einsetzen

Auch die Lehrkräfte wurden zu ihrer Motivation zum Einsatz von Lernvideos und dem Flipped Classroom befragt: Sie wandten den Flipped Classroom demnach vor allen Dingen an, um ihr Methodenrepertoire zu erweitern. Somit wollten sie besser auf die zunehmende Heterogenität in den Klassen reagieren können. So erklärten alle befragten Lehrkräfte, dass sie individuelle Szenarien aus dem klassischen Flipped Classroom ableiten wollten, sodass sich diese Methode gut als Startpunkt für eine Auseinandersetzung mit den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler zu eignen scheint.

Die Lehrkräfte setzten die klassische Variante des Flipped Classrooms hauptsächlich im Sekundarbereich ein, oder betteten Lernvideos als Begleitmaterial für z. B. Lernstationen ein. In den Grundschulen erwies sich der klassische Einsatz als ungeeignet. Es gab soziale und technische Hürden, die dabei eine Rolle spielten. Zudem mussten die Schülerinnen und Schüler noch an das selbstgesteuerte Lernen herangeführt werden und benötigten eine intensive, kleinschrittige Heranführung an das Arbeiten mit digitalen Materialien und Lernvideos. Teilweise wurden dazu auch eigene Lernvideos von den Schülerinnen und Schülern produziert.

Als einen Vorteil der Methode nannten die Lehrkräfte, dass sie schneller sehen konnten, wann die Schülerinnen und Schüler beim Lernen neuer Themen „dichtmachten“. Schülerinnen und Schüler, die gern selbstständig arbeiten oder verschiedene Zugänge beim Lernen mögen, blühten nach Angaben ihrer Lehrkräfte im Flipped Classroom regelrecht auf. Sie nutzten die Lernvideos, um sich Inhalte noch einmal anzueignen, die sie eigentlich bereits wissen sollten.

Wichtige Aspekte eine Lernvideos aus Sicht von Lehrkräften war, dass diese

  • ins Themenraster passen,
  • nicht zu lang sind,
  • nicht zu kompromiert sind,
  • in der Fachsprache mit der eigenen übereinstimmten.

Weitere Links zum Thema:

Weitere Beiträge zum Thema:

Titelbild: © Oksana Kuzmina/shutterstock.com