Flipped Classroom: Lernmuster durchbrechen und selbst denken

Am Kurt-Körber-Gymnasium setzt Alexandra Kück den „Flipped Classroom“ um. Schüler sollen nicht nur nachvollziehen, sondern wirklich verstehen, lautet ihr Credo. Ein Unterrichtsbesuch in Hamburg-Billstedt.

Es ist ein grauer Donnerstagvormittag. Der Himmel in Hamburg sieht aus, als hätte er lange keine Sonne mehr gesehen. Das Schulgebäude des Kurt-Körber-Gymnasiums ist ein flacher Bau, der in der hoch gebauten Nachbarschaft ein wenig untergeht. Dicht an dicht stehen die Hochhäuser. Das Kurt-Körber-Gymnasium liegt im Ostteil der Hansestadt. Hier finden sich keine hippen Szene-Läden oder coolen Kiez-Restaurants. Stattdessen das Hochhausviertel Mümmelmannsberg, das stadtweit und darüber hinaus als Brennpunkt gilt.

Die Informatiklehrerin aus der freien Wirtschaft

Am Kurt-Körber-Gymnasium liege der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bei 80 Prozent, sagt Frau Alexandra Kück. Das scheint aber keine Rolle im Umgang miteinander zu spielen. Die Schülerinnen und Schüler sind einfach Schülerinnen und Schüler – ganz gleich ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Eigenverantwortliches Lernen wird als Teil des Leitbilds der Schule in verschiedenen Varianten ausprobiert. Die Schülerinnen und Schüler seien keine Konsumenten, sondern aktiv in den Lernprozess einzubeziehen, heißt es darin.

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Die Informatiklehrerin ist eine ausgeglichene, straighte Frau mit halblangen dunklen Haaren und freundlichen Augen. Sie kommt ursprünglich aus der freien Wirtschaft, hat sich jedoch vor etwa zehn Jahren gegen eine Karriere in der IT und für eine Lehrerberufung als Mathe- und Informatiklehrerin entschieden. Es gibt insgesamt zwei Informatiklehrkräfte an der Billstedter Schule. Frau Kück betreut und wartet mit Unterstützung von zwei Kollegen und einer Handvoll Lernenden die gesamte Schul-Infrastruktur: Sie übernimmt die Kommunikation mit Dataport, dem IT-Dienstleister und Authentifizierungsanbieter für Hamburgs Verwaltung, wartet die WLAN-Infrastruktur und kümmert sich um die schuleigenen Tablets und PCs.

Unterrichtsbesuch in der Informatikstunde

Sieben schulfremde Personen stehen mit ihr im „Computerraum 2“. Vier von ihnen sind Lehrerinnen und Lehrer der Klaus-Groth-Schule aus dem schleswig-holsteinischen Neumünster. Ein Verantwortlicher der Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein, selbst ehemaliger Lehrer, ist interessehalber dabei. Sie wollen sich anschauen, wie Frau Kück das mit dem Flipped Classroom so macht. Dieses Unterrichtskonzept, bei dem die Wissensaneignung zu Hause in selbstständiger Arbeit geschieht und die Übungs- und Wiederholungsphase in den Unterricht gezogen wird, stammt aus den USA und ist seit ein paar Jahren auch in deutschen Schulen populär.

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Alle sind zufriedener

Das Prinzip des Flipped Classroom hat Frau Kück nach fünf bis sechs Jahren im Einsatz für sich und ihre Klassen so angepasst, dass es funktioniert. Sie sei deutlich zufriedener und ihre Schülerinnen und Schüler seien es auch. Warum? Weil sie wirklich verstünden, was sie da tun und warum sie es tun. Und sie habe es geschafft, ihnen zu vermitteln, wie man eigenständig lernt. Nicht weil der Lehrer oder die Lehrerin es wolle, sondern weil sie es selbst verstehen wollen. Weil sie einen Antrieb hätten. Um eine gute Note zu kriegen, aber vor allem, um das Problem zu lösen. Das sei für viele ihrer Schützlinge zu Beginn ihres Unterrichts sehr schwer nachzuvollziehen, immerhin hätten sie bisher nur nach dem Prinzip des Auswendiglernens gearbeitet. Das funktioniere hier nicht mehr.

So erhalten die Schülerinnen und Schüler von Frau Kück ein Skript, also eine Art Fahrplan, mit verschiedenen Übungen und Aufgaben, Texte und Videos, die sie selbstständig bearbeiten müssen. Bei Fragen hilft sie ihnen individuell. Aber ein allgemeines „Das habe ich nicht verstanden!“ akzeptiere sie nicht. Dann müssen die Lernenden ihre Notizen entweder per Blog oder analog im Merkheft vorzeigen. Frau Kück sehe sofort, an welcher Stelle es im Verständnis hakt und hilft im Einzelgespräch weiter. So arbeite sie immer. Ob es besser funktioniert als klassischer Frontalunterricht kann sie nicht sagen. Sie könne keinen Vergleich ziehen, da sie alle Schülerinnen und Schüler gleich unterrichte. Aber sie seien viel zufriedener in ihrem Unterricht, sagten ihr die Klassen. Auch die Eltern seien begeistert. Darüber freut sich Alexandra Kück.

Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden lernen

Die Informatikvideos erstellt sie selbst. Das sei einfacher für sie, als online nach guten Videos zu suchen. Für Mathe verwende sie häufig sofatutor, da diese gute Videos anbieten, die den Stoff auf einfache Einheiten herunterbrechen. Tests und Aufgaben lässt sie in Schriftform mit Stift und Papier lösen. „Diese Kenntnisse sind ja auch wichtig“, meint sie. Über die Jahre hat sie ihre Videos angepasst und neue Teile ergänzt. Am Ende jedes Videos fügt sie nun Fragelisten an, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, was wichtig und was unwichtig sei. So können sie für ihre Notizen lernen, wie man eine Quelle sinnvoll auswertet und „nicht einfach alles aufschreibt, was gesagt wird oder was eh schon auf der Folie steht“. Wenn die Lernenden in der Mittelstufe neu in ihre Klasse kommen, geht sie mit ihnen am Anfang die Videos direkt in der Stunde durch und sagt ihnen, wann sie die wichtigen Informationen notieren sollen. Ohne ginge es nicht, meint sie. Viele Lernende wüssten nicht, wie man das sonst richtig macht.

„Bring your own device“ und freie Projektarbeit

Zwei Jahrgänge der Oberstufe des Kurt-Körber-Gymnasiums sind mit Tablets ausgestattet. Mittlerweile habe man die starren Tabletklassen aber „aufgebrochen“ und arbeite weitestgehend nach dem „Bring your own device“-Prinzip. Die Lernenden können selbst mitbringen, was sie für den Unterricht benötigen. Da in Informatik viel dokumentiert wird, bringen sie Tablets mit oder verwenden die stationären PCs im „Computerraum 2“ der Schule. Dort findet der heutige Informatikunterricht statt. Es gibt zwei Computerräume und einen kleinen „Internetraum“, den Frau Kück jedoch als „Abstellraum“ bezeichnet.

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Das beste Profil überhaupt

Fünfzehn Schülerinnen und Schüler der elften Klasse kommen in den Raum und verteilen sich nach ihrer gewohnten Sitzordnung. Die hospitierenden Lehrerinnen und Lehrer stehen an der Frontseite des Raumes, wie sie es gleichermaßen gewohnt sind. Der einzige Moment, in denen die Jugendlichen gemeinsam in eine Richtung schauen, ist zu Beginn der Stunde. Frau Kück klärt Organisatorisches. Wer muss zum „Tag der offenen Tür“ nächste Woche gute Miene zum bösen Spiel machen und „Informatik/Physik als das beste Profil überhaupt“ verkaufen? Vier Gruppen werden bestimmt. Dann geht der Unterricht los.

Mit dem Skript arbeiten

Die Schülerinnen und Schüler teilen sich in Zweier- und Dreiergruppen auf oder arbeiten einzeln an ihren Rechnern. Die Informatiklehrerin geht ruhig durch den Raum. Sie kontrolliert bei einigen die Zwischenergebnisse der aktuellen Programmieraufgabe in der „Objektorientierten Programmierung“. Bei einem Schüler guckt sie sich die Dokumentation auf dessen Blog gemeinsam mit ihm an, um einen Fehler zu besprechen. Die Schülerinnen und Schüler benutzen PCs, Tablets und Bücher und arbeiten selbstständig. Auf Nachfrage erklären sie, dass sie entweder das Skript bearbeiten, das Frau Kück ihnen zu Beginn des Semesters gegeben hat oder an ihren Seminararbeiten für das andere Profilfach Physik arbeiten. Diese müssten nächste Woche eingereicht werden. „Das können wir aber selbst entscheiden“, erklärt ein Elftklässler im orangefarbenen Pulli.

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Wenn sie „Informatik machen“, schreiben die Schülerinnen und Schüler am Code für Objekte, die sich in geometrischen Formen und unterschiedlichen Farben über die Bildschirme bewegen sollen. Bei dem Elftklässler sind sie noch starr, er hat sich noch nicht überlegt, wie er weitermachen will. Zwei andere Schüler wollen eine aufgehende Sonne mit Java programmieren, haben aber das Problem „dass sie immer wieder vor und zurück geht und nicht am Horizont stehenbleibt“. Um das Problem zu lösen, schauen sie sich eins der Informatik-Videos an, die Frau Kück auf ihrem YouTube-Channel bereitgestellt hat. Erst wenn es gar nicht vorangeht, melden sie sich für weitere Hinweise bei der Lehrerin. Ein Vierter beschreibt unbeeindruckt, dass er ein Pac-Man-Spiel programmiere, bei dem er gerade festlege, dass sich der Punkt „nicht mehr durch die Wände“ bewegt. Er nennt das „eine Kollisionsabfrage programmieren“. Danach kämen die Geister und Pac-Man. Aber eigentlich findet er das ziemlich langweilig, sagt er. Zu Hause programmiere er ganz andere Sachen.

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Der Internetraum wird zur Werkstatt

Im Laufe der 90-minütigen Unterrichtsstunde arbeiten zwei Schülergruppen mit Säge und Heißklebepistole in dem schmalen, schlauchförmigen „Internetraum“ an Messinstrumenten, die sie als Seminararbeit für den Physikunterricht herstellen: Eines soll den freien Fall simulieren und messen können, das andere berechnet die Geschwindigkeit eines Plastikballs. So wollen die Schüler vorhersagen können, wo der Ball, wenn er über die Tischkante geschleudert wird, aufkommt. Frau Kück hilft mit und klebt einen Mikroprozessor an ein Stück Holz, das im Messgerät zum freien Fall verbaut werden soll.

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Die Schülerinnen und Schüler stehen auf, laufen herum, erzählen und zeigen sich gegenseitig Programmiertes und Gebautes. Das sei in ihrem Unterricht immer so, erzählt Frau Kück. So kämen die Schülerinnen und Schüler miteinander ins Gespräch und könnten Problemstellungen diskutieren. Wenn sie nicht weiterkommen, bitten sie Frau Kück um Hilfe.

Eine Dreiergruppe weiß nicht so recht, wie sie sich in Gegenwart von gleich fünf Lehrerinnen und Lehrern verhalten sollen. Und dann noch jemand, der Fotos macht. Als sie aufgenommen werden sollen, wie sie in ihre Formelsammlungen schauen, sagen sie erschrocken, „dass das jetzt aber keine Informatikbücher“ seien. Einer der drei Jugendlichen erklärt sein Messgerät, das mithilfe eines LEDs anzeigen soll, wenn ein Pendel an einer bestimmten Stelle vorbeischwingt.

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Arhythmisches Fiepen

Durch die Doppelstunde trägt sich neben dem regen Gequatsche auch ein arhythmisches Fiepen. Eine Gruppe aus drei Schülern hatte sich bei der thematisch freien Aufgabenstellung schneller für ein Projekt entschieden als alle anderen: „Die müssen jetzt Messgeräte bauen, wir machen ein Musikinstrument.“ Dieses spielt, wenn man mit den Fingern in unterschiedlichen Höhen darübergeht, verschiedene Töne über einen winzigen Lautsprecher ab. Dazu haben sie bereits ein kurzes Video aufgenommen und zeigen es stolz.

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Zehn Minuten vor Ende der Stunde, die nicht durch einen Gong angezeigt wird, weist Frau Kück noch auf die Dokumentation hin. Die sei ihr sehr wichtig, da sie ihren Unterricht ohne Kontrolle gestalte. Daran könne sie erkennen, ob die Schülerinnen und Schüler verstanden haben, worum es ging. Nicht nur nachvollzogen, was man ihnen im Frontalunterricht oder mithilfe es Lernvideos vermitteln will, sondern „wirklich verstanden“. Das wiederholt sie wie ein Mantra. In dieser Dokumentation müssen die Lernenden nach jeder Stunde eine Lernreflexion anlegen, in der sie nicht nur ihre Ergebnisse festhalten, sondern auch Probleme, offene Fragen und ihre Lösungsschritte beschreiben und reflektieren.

Sie könne natürlich nur hoffen, dass ihre Schülerinnen und Schüler diese Art zu arbeiten annehmen, sagt Frau Kück zum Abschluss. Aber sie wolle alles daran setzen, um ihnen zu zeigen, wie man selbstständig lernt und Probleme löst. Darum wende sie das Flipped-Classroom-Konzept an und nehme auch in Kauf, dass sie vielleicht nicht so schnell durch den Stoff komme wie andere Lehrerinnen und Lehrer. Es bringe ihr nichts, wenn die Schülerinnen und Schüler die Grundlagen nicht verstünden, aber sich mit Spezialfällen beschäftigen müssten. So kann sie die Schülerinnen und Schüler individuell fördern und unterstützen. Wenn sie wollen.

Titelbild und Fotos: © Virginia W./ sofatutor.com

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