Flipped Classroom: Berlin flippt aus!

Schon seit einigen Jahren feiert eine Unterrichtsmethode in den USA im Schulalltag ihre Erfolge – die Rede ist vom umgedrehten Klassenzimmer, vom Flipped Classroom oder vom Inverted Classroom. Nun haben sich auch drei Berliner Schulen zusammen mit Prof. Dr. Christian Spannagel und dem sofatutor-Team in einem Pilotprojekt der Herausforderung gestellt und ihren Unterricht geflippt.

Das Projekt wird unterstützt vom ERASMUS+ Programm der Europäischen Kommission.

Am Anfang stand eine Idee

Als Christian Spannagel, Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Vorreiter der Flipped-Classroom-Methode in Deutschland, und Stephan Bayer, Gründer und Geschäftsführer von sofatutor, auf der internationalen Konferenz VISION SUMMIT 2013 in Berlin aufeinandertrafen, war die Idee eines Flipped-Classroom-Pilotprojekts geboren.
Beide waren sich einig, dass das Unterrichtsmodell mit den „vertauschten Unterrichtsphasen” auch in deutschen Schulen Aufmerksamkeit verdient, da es gerade für die Lernenden große Vorteile birgt: Während die Schülerinnen und Schüler sich mithilfe von Lernvideos zu Hause neues Wissen aneignen und dabei ihr eigenes Lerntempo bestimmen, wird der Lernstoff im Unterricht durch Übungen z. B. in Gruppenarbeiten gefestigt. „Die Lehrperson gewinnt dadurch die Zeit, die sie früher für die Erklärung in der Unterrichtsstunde benötigt hätte, für individuelle Betreuung von beispielsweise leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern”, so Prof. Dr. Spannagel.

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Mit den Lernvideos von sofatutor und dem Know-How aus zwei Jahren Umsetzung des Flipped-Classroom-Modells in Vorlesungen von Christian Spannagel sollte das an deutschen Schulen noch nicht erforschte Unterrichtskonzept nun im Schulalltag der Schülerinnen und Schüler getestet werden. Dabei war es nicht das Ziel, die Methode einfach starr zu übernehmen, sondern jede Lehrerin und jeder Lehrer sollte die Chance bekommen, für sich ein Einsatzszenario zu entwickeln, welches zum eigenen Unterrichtsstil und auch zum jeweiligen Unterrichtsthema passt.

Berliner Schulen in den Startlöchern

Beim 3. Flipped-Classroom-Workshop

Beim 3. Flipped-Classroom-Workshop

Schnell waren drei sehr unterschiedliche Berliner Schulen – eine Grundschule, ein Gymnasium und eine reformpädagogische Ganztagsschule – für das Projekt zu begeistern. Lehrkräfte der Herman-Nohl-Schule, Lehrende des Gebrüder Montgolfier Gymnasiums und die Lehrerinnen und Lehrer der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) stellten sich der Herausforderung, die Methode des Flipped-Classrooms an ihrer Schule auszuprobieren.

Den Projekt-Auftakt bildete ein gemeinsamer Workshop im Oktober 2013. Nachdem hier theoretische Fragen, wie: „Was genau ist Flipped Classroom?”, „Wann und wie kann ich Lernvideos in meinen Unterricht integrieren?”, „Wie kann ich sicherstellen, dass sich meine Schülerinnen und Schüler mithilfe der Videos selbstständig neues Wissen aneignen?” und „Woher bekomme ich gute Videos?” diskutiert wurden, konnte es in die praktische Phase gehen. Zwei weitere Workshops dienten zum Erfahrungsaustausch und zur Fortbildung im Projektzeitraum.

Probieren und Analysieren

Da der heutige Schulunterricht nicht wie in Vorlesungen an Universitäten und Hochschulen größtenteils aus Lehrvorträgen besteht, sondern interaktiver gestaltet ist, kann das Flipped-Classroom-Modell nicht einfach auf den Schulalltag übertragen werden. Es sollte an das Lehrkonzept der jeweiligen Schule aber auch an den eigenen Unterrichtsstil der Lehrerinnen und Lehrer angepasst werden, so die Einschätzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Wie bei vielen Methoden gilt: Experimentieren ist ausdrücklich erlaubt! Jede Lehrerin und jeder Lehrer kann Methoden wie den Flipped Classroom aus der eigenen Perspektive und dem eigenen unterrichtlichen Handeln heraus für sich weiterentwickeln, Einsatzmöglichkeiten in den jeweiligen spezifischen Kontexten erfinden und auftretende Schwierigkeiten mit kreativen Lösungen meistern”, so der Workshopleiter Christian Spannagel.

Szenen aus dem geflippten Schulalltag

Das ließen sich die experimentierfreudigen Lehrerinnen und Lehrer der Flipped-Classroom-Pilotschulen nicht zweimal sagen und hatten bald das Modell an ihr Unterrichtskonzept angepasst:

Der medienbasierte Unterricht

Chr. Spannagel erklärt das Flipped-Classroom-Konzept

Spannagel erklärt das Flipped-Classroom-Konzept

Die Lehrerinnen und Lehrer der Herman-Nohl-Grundschule unter der Leitung von Ilona Bernsdorf, die sehr junge Schülerinnen und Schüler unterrichten, stellten fest, dass die Kinder der Klassen 1 bis 3 noch Schwierigkeiten mit dem selbstständigen Aneignen von neuem Wissen haben. Den älteren Schülerinnen und Schülern fiel das Selbstlernen mit anleitenden Aufgaben schon leichter. So wurde das klassische Flipped-Classroom-Konzept hier dementsprechend angepasst. Sofatutor-Videos und andere Lernvideos werden direkt im Unterricht verwendet und die Schülerinnen und Schüler können sich individuell aber auch in Gruppen in Themen einarbeiten.

Das selbstgesteuerte Lernen mit Videoeinsatz

An der ESBZ unter der Leitung von Margret Rasfeld gehört heterogenes Lernen in gemischten Jahrgängen sowie das Lernen im Lernbüro zum reformpädagogischen Konzept. Da der Unterricht schon aus verschiedenen Phasen besteht und das Erlernen des Stoffes bereits in Selbstlernphasen mithilfe von Lernbausteinen umgesetzt wird, werden hier nun einige Lernbausteine mit sofatutor-Videos bestückt, um das Lernen insgesamt digitaler zu gestalten.

Das klassische Flippen

Am klassischsten kann die Flipped-Classroom-Methode am Gebrüder Montgolfier Gymnasium unter der Leitung von Jörg Freese eingesetzt werden. Hier arbeiten die Lehrerinnen und Lehrer in Mathematik und Biologie mit sofatutor-Videos. Diese werden auch für zu Hause als Vor- oder Nachbereitung genutzt. Teilweise wurde den Schülerinnen und Schülern freigestellt, ob sie sich ein Thema mithilfe von Videos, Büchern oder anderen Quellen erschließen möchten

Ein erstes Fazit

Nach den ersten praktischen Schritten mit der Flipped-Classroom-Methode können die Lehrerinnen und Lehrer, das sofatutor-Team und Christian Spannagel erste Schlüsse zur Umsetzung im Unterricht ziehen.

Die Arbeit mit Lernvideos

Einfach mal das Klassenzimmer umdrehen

Einfach mal das Klassenzimmer umdrehen

Schnell fanden die Lehrenden heraus, dass Lernvideos ganz unterschiedlich in den Schulalltag integriert werden können – sei es beim Stationenlernen und in Gruppenarbeiten direkt in der Unterrichtsstunde oder aber als Hausaufgabe für die Vor- und Nachbereitung eines Themas. Dabei ist auch der Zeitpunkt, an dem ein Video zum Einsatz kommt, variabel und sollte laut der Lehrerinnen und Lehrer auch variiert werden: So ist eine Einführung in ein neues Themengebiet mithilfe von Lernvideos genauso möglich, wie eine Vertiefung oder aber die Ergebnissicherung. Insgesamt hat sich ein Methodenmix, der unterschiedliche Lernstile der Lernenden anspricht, bewährt, so der O-Ton der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Darüber hinaus stellten die Lehrenden fest, dass Lernvideos ihre Schülerinnen und Schüler nicht nur stärker motivieren, sondern auch zur Individualisierung des Lernens beitragen und ihnen selbst die Möglichkeit geben, ihre Schülerschaft gezielt zu fördern. Bei der Umsetzung des Konzeptes sollte aber stets das Alter der Schülerinnen und Schüler und ihre Selbstständigkeit im Lernen berücksichtigt werden, so die Erkenntnisse. Somit ist es generell sinnvoll, das Lernen mit den Videos durch gezielte Aufgabestellungen anzuleiten. Diese stellen zugleich sicher, dass die Schülerinnen und Schüler auch ihre Hausaufgaben, nämlich das Schauen eines bestimmten Videos, erledigt haben.

Produktion und Nutzung von Lernvideos

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten die Möglichkeit sofatutor-Videos, aber auch Videos aus anderen Internetquellen oder selbst produzierte Videos für ihren Unterricht zu nutzen. Dabei wurde jedoch Letzteres als relativ aufwendig empfunden. Innerhalb des Projekts konnte Christian Spannagel durch kleine Workshops zum Umgang mit dem Screencast-Programm Camtasia sowie anderen Tools Hilfestellung leisten. Hier wurde unter den Lehrerinnen und Lehrern der Wunsch nach regelmäßigen Fortbildungen laut, um sich ein umfassendes Know-How anzueignen. Für die ersten Praxistests wurden bevorzugt fertige Lernvideos genutzt. Ein eigener Bestand an selbstproduzierten Lernvideos kann nach und nach innerhalb des Kollegiums aufgebaut werden, so das Resumé der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Technische Rahmenbedingungen

Ergebnisse des Flipped-Classroom-Workshops

Ergebnisse des Flipped-Classroom-Workshops

Im praktischen Test hat sich die Verteilung der Lernvideos an die Schülerinnen und Schüler als schwierig erwiesen. Per E-Mail hatten die Lehrenden den Lernenden die Links zu den Videos zukommen lassen, was jedoch einige Nachteile nach sich zog: So gab es immer wieder Schülerinnen und Schüler, die diese nicht bekommen oder das Video nicht gefunden hatten. Viel günstiger wäre hier eine Plattform, die es der Lehrkraft ermöglicht, individuell Videos und andere Materialien zuzuweisen und auch zu überprüfen, ob das Video angesehen wurde, so die Lehrerinnen und Lehrer. Auch eine gemeinsame virtuelle Basis für die Sammlung und das Teilen von guten Videos – ob selbst- oder fremdproduziert – im Kollegium wäre hier sinnvoll. Eine weitere wichtige Grundvoraussetzung für den Einsatz von Lernvideos im Unterricht ist natürlich auch ein stabiler Internetanschluss an Schulen, der es auch erlaubt, dass mehrere Schülerinnen und Schüler gleichzeitig ein Video im Internet anschauen.

Wie geht es nach der Pilotphase nun weiter?

Die drei Berliner Schulen, Prof. Dr. Spannagel und das sofatutor-Team waren sich beim dritten Workshop einig und voller Tatendrang: Es gibt noch viele Dinge auszuprobieren und über einen längeren Zeitraum auszuwerten. Dafür soll weiterhin ein Forum bestehen – das Projekt soll also weitergehen! An den Schulen werden zurzeit konkrete Unterrichtseinheiten geplant, dokumentiert und evaluiert. So möchte die ESBZ Lernvideos in ihre Lernbausteine integrieren und das Montgolfier Gymnasium setzt sich verstärkt mit dem Videoeinsatz im Biologieunterricht auseinander. Bei regelmäßigen Treffen wird darüber hinaus ein kontinuierlicher Austausch zwischen den drei Schulen zum Thema Flipped Classroom garantiert.

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Alle Bilder: © sofatutor.com