Lehrer des Jahres: „Reines Bulimie-Lernen ist angesagt!“

G8 ist für ihn eine Katastrophe. Dennoch glaubt Lehrerpreisträger Ronald Wappke an seine Schülerinnen und Schüler.

Sie wurden 2015 mit dem Deutsche Lehrerpreis in der Kategorie „Schüler zeichnen Lehrer aus“ prämiert. Was war das für ein Gefühl?
Ronald Wappke: „Es war überraschend! Ich habe mich aber sehr gefreut. Mir ist bewusst, dass die Auszeichnung zu einem gewissen Grad subjektiv ist. Es gibt andere sehr gute Lehrer und Lehrerinnen. Da wir sehr engagierte Schülerinnen und Schüler an unserer Schule haben, hat es mich getroffen.“

Steckbrief

Name: Ronald Wappke
Schule: Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium Berlin-Lichtenberg
Fächer: Englisch, Geschichte und Politikwissenschaft
Die Schülerinnen und Schüler von heute … sind einerseits sehr leistungs- und karriereorientiert, aber an unserer Schule auch sehr solidarisch zueinander.
Die Schule von morgen … sollte noch viel stärker ein Ort freudigen und interessegeleiteten Lernens werden (Lernpartnerschaft).

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Sie haben eine große mediale Aufmerksamkeit genossen. Das ist für Ihren Beruf eher ungewöhnlich. Was bedeutet das für Sie?
Ronald Wappke: „Besonders hat mich die große Diskrepanz zwischen dem üblichen Lehrerbashing und dem Herausstellen des Lehrerpreises gewundert. Lehrerinnen und Lehrer werden in den Medien für vieles verantwortlich gemacht. Aber dass der Lehrerpreis medial eine solche Aufmerksamkeit bekommt, zeigt, wie Schule in das Leben vieler Menschen eingreift.“

Wie sind Sie mit der Aufmerksamkeit umgegangen?
Ronald Wappke: „Ich habe versucht, darzulegen, dass sich der Lehrberuf und die Art des Unterrichtens verändert hat. So betrachten wir Schülerinnen und Schüler als Subjekte, die auch in ihrem Lernverhalten mit Respekt behandelt werden.

Außerdem verdanken ich und der Preisträger von 2014, Robert Heinrich, den Preis der guten Arbeit unseres ganzen Kollegiums. Er ist ebenfalls Lehrer am Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium in Berlin-Lichtenberg. Das ist kein Preis, den ich für mich annehme, sondern ein Preis für unsere ganze Schule.“

Dem Tagesspiegel gegenüber beschrieb Sie ein Schüler als „die perfekte Mischung aus Kumpel und Respektperson“. Würden Sie sich auch so beschreiben?
Ronald Wappke: „Ich bin ein offener, freundlicher Mensch, der immer mit Lust agiert. Aber unabhängig von meiner Persönlichkeit versuche ich, meinen Unterricht so zu gestalten, dass sich meine Schülerinnen und Schüler für die Sachverhalte interessieren. Dann lernen sie am besten und sind motiviert. Interesse erreiche ich durch das Anknüpfen an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und das Wecken ihrer Emotionen, z. B. mittels Provokation. Das klappt besonders gut, wenn Schülerinnen und Schüler subjektiv beurteilen und entscheiden müssen.“

Wie sieht das im Unterricht aus?
Ronald Wappke: „Wenn wir die Berliner Mauer behandeln, bringe ich den Schülerinnen und Schülern das Schicksal von Chris Gueffroy, dem letzten bekannten Maueropfer, nahe. Ich steige mit einer Meldung der Berliner Zeitung ein, der nicht viel zu entnehmen ist. Sie müssen herausfinden, was mit dem Mann passiert ist. Dann agieren sie als Richter, die entscheiden, ob die Todesschützen und Befehlsgeber auf welcher Rechtsgrundlage verurteilt werden oder nicht. Dafür bekommen sie verschiedene Materialien.“

Für Sie besteht guter Unterricht also nicht nur aus Theorie?
Ronald Wappke: „Guter Unterricht muss kompetenzorientiert sein. Die Schülerinnen und Schüler müssen in der Lage sein, mit dem angeeigneten Wissen Sachverhalte zu analysieren, zu deuten und in Rückschluss auf ihre gegenwärtige Situation zu bewerten.“

Was bedeuten digitale Medien für Ihren Berufsalltag?
Ronald Wappke: „Sie sind ein immanenter Bestandteil. Die Medien werden nicht mehr verschwinden. Im Gegenteil: Sie werden uns zukünftig noch stärker beeinflussen. Deswegen ergibt es keinen Sinn, dass die Schule diese Medien ausschließt. Man sollte sie nutzbar machen, um bei den Schülerinnen und Schülern eine kritische Mediendistanz zu erreichen.“

Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Unterricht nennen?
Ronald Wappke: „Meinen Schülerinnen und Schülern ist es erlaubt, ihre Smartphones zu nutzen, um Wörterbücher im bilingualen Geschichtsunterricht anzuwenden. Sie erstellen z. B. zu einem bestimmten Thema Podcasts. Es gibt außerdem die Möglichkeit, dass sie auf ihren Smartphones Handouts erstellen. Diese werden mit einer Software dann direkt auf unserem Smartboard dargestellt.

Ich sehe außerdem, dass es selbst den besten Schülerinnen und Schülern zunehmend schwerfällt, sich auf Texte zu konzentrieren, die länger als eine halbe Seite sind und nicht ihr Interesse wecken. Hier ist es wichtig, sie mit anderen multimedialen Zugängen zu motivieren, z. B. über ein Video oder eine Webseite. Es geht nicht darum, das Lesen der Texte zu ersetzen, aber ich kann sie so an die Textarbeit heranführen.“

Die Mediennutzung klingt sehr unproblematisch.
Ronald Wappke: „Ja, wir haben ein schulinternes Konzept. Das legt fest, dass die Lehrkräfte selbst entscheiden dürfen, ob sie Smartphones oder andere Geräte im Unterricht erlauben. Die Regel ist, dass die Schülerinnen und Schüler die Geräte nicht zweckentfremdet nutzen. Ich habe gute Erfahrungen gemacht: Die Smartphones werden wirklich nur fürs Recherchieren verwendet.“

Sie „opfern“ alle zwei Jahre die Herbstferien, um mit Schülerinnen und Schülern nach Texas zu reisen. Das würden nicht viele tun. Warum tun sie es?
Ronald Wappke: „Wenn ich das nicht tun würde, könnten wir diesen Austausch nicht machen. Wir können die Schülerinnen und Schüler nicht dreieinhalb Wochen aus dem Unterricht der Oberstufe nehmen.“

Warum?
Ronald Wappke: „G8! Es gibt auf der Reise nur ein Thema bei den Schülerinnen und Schülern: Was verpassen sie in der Schule? Wie wirkt sich das auf die Zensuren aus? Was bedeutet das für den Abischnitt? G8 ist eine Katastrophe, sinnlos und mir total unverständlich. Es ist zwar nicht so, dass die Schülerinnen und Schüler es nicht schaffen. Aber jedes Projekt, jede Werkstatt – all das, was zum Lernen dazugehört, wird zunehmend hinterfragt: Können wir uns das zeitlich noch leisten? Das Lernen an anderen Orten – wie in Texas – und in anderen Formen ist wird während der Unterrichtszeit zunehmend weniger möglich. Insbesondere in Vorbereitung auf die im Abstand von 2 bis 3 Tagen zu schreibenden Klausuren ist ,reines Bullimie-Lernen angesagt’. Es gibt keinen Grund für diese Verkürzung. Klar, man spart Lehrerstellen und Geld. Aber sollten das die Kriterien sein?“

Was wünschen Sie sich dann für die Schülerinnen und Schüler?
Ronald Wappke: „Mehr Zeit für andere Formen des Lernens – auch innerhalb des normalen Unterrichts. Kooperatives Bearbeiten politikwissenschaftlicher und historischer Themen kostet viel Zeit. Vielleicht könnten zumindest einige Klausuren in der Oberstufe durch weitere Formen der Projektarbeit ersetzt werden.“

Titelbild: © Ronald Wappke/sofatutor.com