Steffen Sladek: „Wir müssen unsere Lernumgebung an die moderne Welt anpassen“

Steffen Sladek ist Lehrer am Max-Planck-Gymnasium in Berlin. Dort hat er die Digitalisierung der Schule maßgeblich vorangetrieben. Im Interview erklärt er, wie digitaler Unterricht aussehen sollte, wie man das Kollegium mit an Bord holt und welche Apps und Programme sich im Schulalltag bewährt haben.

Steckbrief

Name: Steffen Sladek

Schule: Max-Planck-Gymnasium in Berlin-Mitte

Fächer: Chemie/ Biologie

Die Schülerinnen und Schüler von heute … müssen die Möglichkeit haben, selbstbestimmt, kompetent und kritisch an der digitalen Gesellschaft zu partizipieren.

Die Schule von morgen … diskutiert nicht mehr über die Extreme „keine Digitalisierung“ und „absolute Digitalisierung“, sondern beschreitet einen vernünftigen Mittelweg, der digitale Elemente dort einsetzt und thematisiert, wo es pädagogisch und didaktisch sinnvoll ist.

Ich werde nie vergessen, wie … mir von einem „Experten der Digitalisierung“ empfohlen wurde, finanzielle Ressourcen nicht für (dringend benötigte) neue Schülercomputer, sondern für einen 15.000 € teuren 3D-Drucker auszugeben, der nur ca. 100 Stunden Einarbeitungszeit benötigt und sich wunderbar für eine kleine Schüler-AG (max. zehn Schülerinnen und Schüler) eignet.

Sie haben die ersten Schritte der Digitalisierung an Ihrer Schule in Eigenregie vorangetrieben. Was hat Sie dazu bewogen?

Steffen Sladek: „Das ist aus der „Not“ heraus passiert. Ich war unzufrieden mit dem aktuellen Stand der Technik. Und nachdem ich zum kommissarischen Fachleiter ernannt wurde, habe ich beschlossen, dass wir digitaler werden müssen. Zunächst habe ich an typische Smartboards gedacht. Aber die fingen bei 2000 Euro an – und das ohne Computer! Da habe ich meiner Schulleitung, die auch sehr digitalaffin ist, vorgeschlagen, es mit einer Kombination aus Beamern, Apple TVs und iPads zu versuchen. Das haben wir dann zunächst probeweise und später als festes Hardware-Konzept so umgesetzt. Die Variante ist deutlich preiswerter und wir sind viel flexibler.“

Wie haben Sie die nötigen finanziellen Mittel und die Anschaffung der Technik organisiert?

Steffen Sladek: „Wir sind nach dem Prinzip learning by doing vorgegangen. Wir haben Innovationen genau durchdacht und uns dann schrittweise vorgearbeitet. Das Finanzielle war ein geringeres Problem. Wir konnten einen Großteil unserer Maßnahmen bzw. Anschaffungen im Rahmen der Digitalisierung durch unsere regulären Ressourcen und viel kollegiale Einsatzbereitschaft umsetzen. Dadurch haben wir innerhalb von drei Jahren ca. 75 % des Schulgebäudes mit dem iPad-Apple-TV-System (inkl. neuer Beamer) versorgt.

Es ist wichtig, transparent über Veränderungen zu sprechen. Aber noch wichtiger ist es, Probleme schnellstmöglich zu lösen, egal, wie knapp die Zeit manchmal ist.

Waren die Schulleitung und das Kollegium gleich mit an Bord oder mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

Steffen Sladek: „Die Schulleitung war sofort überzeugt. Sonst wäre das alles gar nicht möglich gewesen. Im Kollegium war die Meinung zur Digitalisierung ganz unterschiedlich: Viele Kolleginnen und Kollegen waren sehr offen für Tablets als digitale Tafel. Einige haben sich sofort einer Steuerungsgruppe angeschlossen, die bis heute engagiert an der Digitalisierung arbeitet. Es gab natürlich auch die Befürchtungen, dass technische Geräte angeschafft werden, aber dann nicht verlässlich funktionieren. Oder kein technischer Support verfügbar ist, um bei der Bedienung zu helfen. Hier ist es wichtig, transparent über die Veränderungen zu sprechen. Aber noch wichtiger ist es, Probleme schnellstmöglich zu lösen, egal, wie knapp die Zeit manchmal ist. Nur wenn das Kollegium das Gefühl hat, dass es ausreichend unterstützt wird, kann es sich mehrheitlich und entspannt auf neue Konzepte einlassen.

Die alten Regeln der Didaktik werden durch digitalen Unterricht nicht negiert.

Können Sie einschätzen, inwiefern sich die Lernmotivation Ihrer Schülerschaft durch den Einsatz digitaler Medien verändert hat?

Steffen Sladek: „Motivation kann nicht dauerhaft dadurch entstehen, dass eine Methode digital ist. Ich kann mit digitalen Medien mehr Abwechslung in den Unterricht bringen. Dadurch sind die Schülerinnen und Schüler motivierter. Aber die alten Regeln der Didaktik werden durch digitale Medien nicht negiert. Viele denken, man müsse im Rahmen der Digitalisierung die Art des Unterrichtens vollkommen verändern. Das sehe ich anders: Wir verändern nur die Werkzeuge, aber nicht den Kern des Unterrichts. Viele Lehrkräfte sind sich unsicher, ob digitaler Unterricht nun gut oder schlecht ist. Ich denke, es ist ein ganz normaler Prozess, dass wir unsere Lernumgebung an die moderne Welt anpassen.“

Was sollte man als Schule beachten, wenn man digital werden möchten?

Steffen Sladek: „Man sollte keine Schnellschussaktionen starten. Technik einfach schnell zu kaufen, nur um digital zu sein, ergibt keinen Sinn. Man sollte erst mal ein Pilotprojekt starten, um zu schauen, welcher Weg und welche technischen Produkte zu der Schule passen.“

Wenn man Microsoft Office gut beherrscht, dann ist der wichtigste Schritt in Richtung Digitalisierung geschafft.

Welche Apps, Programme oder Plattformen empfehlen Sie anderen Lehrkräften, die Ihren Unterricht digital gestalten wollen?

Steffen Sladek: „Ich denke, dass digitale Basiskompetenzen am wichtigsten sind. Wenn man Power Point und Word solide beherrscht und damit zeiteffizient ansprechende Arbeitsblätter und Präsentation erstellen kann, dann ist bereits ein wichtiger Schritt in Richtung Digitalisierung geschafft. Insbesondere da wir diese grundlegenden Kompetenzen auch unseren Schülerinnen und Schülern vermitteln müssen. Wichtig ist außerdem, dass Lehrkräfte wissen, wie man Dateien sinnvoll strukturiert bzw. organisiert. Genauso wichtig ist die Nutzung einer Cloud-Lösung. Viele Kolleginnen und Kollegen verwenden USB-Sticks. Aber wenn diese verloren gehen, sind alle Daten weg. Wir nutzen in diesem Bereich zusätzlich die Lernplattform itslearning, die es uns ermöglicht Dateien auch im Kollegium und mit der Schülerschaft auszutauschen.

Ansonsten gibt es einfache Apps, die ich meinen Kolleginnen und Kollegen empfehle: Ein Beispiel ist die App Notability. Das ist eine Notizblock-App, die sich wunderbar als digitale Tafel eignet. Man kann auch Texte in QR-Codes verschlüsseln und auf Arbeitsblätter drucken. Die Schülerinnen und Schüler scannen sie mit ihren Smartphones und erhalten Hilfestellungen oder weiterführende Aufgaben. Damit kann man ganz einfach binnendifferenzieren.“

Titelbild: ©Steffen Sladek (bearbeitet von sofatutor)