Herr Schmidt: „Hä? Lehrerpreis? Was ist das?“

Nicolas Schmidt ist als Lehrer für Englisch, Geschichte, Sozialkunde nicht nur Lehrerpreis-Träger 2016, sondern auch Poetry-Slammer. Das Thema seiner Slams: der Schulalltag als Lehrer.

Steckbrief

Name: Nicolas Schmidt
Schule: Emmy-Noether-Gymnasium Erlangen
Fächer: Englisch, Geschichte, Sozialkunde
Die Schülerinnen und Schüler von heute … spielen mir ein bisschen zu viel auf dem Handy rum und schauen mir ein bisschen zu viel auf die Noten.
Die Schule von morgen … wird hoffentlich eine Schule sein, in die man gerne geht (… und nein, es wird keine Larifari-Spaßschule sein).
Ich werde nie vergessen, wie … ich mal in einem VHS-Spanischkurs von der Lehrerin aufgerufen wurde, nichts wusste und mich deshalb wahnsinnig unwohl gefühlt und fast geschämt habe, obwohl der Rest des Kurses nichts von meinem „Versagen“ mitbekommen hatte. Das hab ich immer im Hinterkopf, wenn ich im Unterricht Schüler oder Schülerinnen aufrufe.


Herr Schmidt, in Ihren Slams schimpft Ihr Alter Ego Herr Schmied auf das Schulsystem, ist gestresst von den nervigen Fragen seiner Schülerinnen und Schüler und nimmt ihnen gegenüber kein Blatt vor den Mund. Wie viel Herr Schmidt steckt in Herrn Schmied?

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Nicolas Schmidt: „Och, vielleicht 50 bis 80 Prozent.“

Ist Herr Schmied das Ventil von Herrn Schmidt?

Nicolas Schmidt: „Nö. Die Herr-Schmied-Geschichten sind eine kreative Nische, in der ich mich austoben kann. Den Schulstress versuche ich anders zu reduzieren, z. B. indem ich in Teilzeit arbeite.“

Sie stehen tagsüber vor Ihren Klassen und abends auf den Bühnen kleiner Clubs. Was vereint Ihre Schülerschaft und das Publikum und was unterscheidet sie?

Nicolas Schmidt: „Im Klassenzimmer herrscht permanente Kommunikation. Wenn ich auf der Bühne stehe, kann ich mich sehr auf mich, meine Texte und meine Songs konzentrieren. Das liegt mir von der Art der Performance her sehr, da ich kein guter Multitasker bin. Nach dem Auftritt aber freue ich mich sehr über Kommunikation mit meinem Publikum. Was Schülerschaft und Publikum unterscheidet, ist, dass Schülerinnen und Schüler sich sehr direkt und anarchisch verhalten, wenn sie mir vertrauen. Das Publikum bei meinen Konzertlesungen ist sehr höflich und tendenziell zurückhaltend. Etwas mehr spontane Reaktionen fände ich schon gut.“

Sitzen manchmal Schülerinnen und Schüler oder ihre Eltern im Publikum?

Nicolas Schmidt: „Klar. Mit Schule hat ja fast jeder in seinem Leben zu tun. Das Thema stößt schon auf breites Interesse, und ich glaube, dass meine Texte sowohl Kindern und Jugendlichen als auch Erwachsenen gefallen, auch wenn nicht jedem die bisweilen derbe Sprache zusagt.“

Gab es denn schonmal Beschwerden, weil eine Schülerin oder ein Schüler glaubte, sich in Ihren Slams wiedererkannt zu haben?

Nicolas Schmidt: „Nee, noch nie. Klar hol ich mir meine Inspiration aus dem Schulalltag, aber natürlich nie eins zu eins.“

Wie reagieren Eltern oder Kolleginnen und Kollegen auf Ihre Nebentätigkeit?

Nicolas Schmidt: „Sehr positiv. Vielleicht weil ihnen die Texte selbst gefallen oder weil sie sehen und es schätzen, dass man Lust auf seinen Job haben und gleichzeitig auch noch andere Schwerpunkte setzen kann.“

Stichpunkt Deutscher Lehrerpreis: Was war das Erste, was Ihnen durch den Kopf ging, als Sie erfuhren, dass Sie den Preis bekommen?

Nicolas Schmidt: „Hä? Lehrerpreis? Was ist das? Und warum gerade ich? Philologenverband? Och nee. Und bitte kein Stress.“

Man hört und liest so einiges über Sie: Ihre Schülerinnen und Schüler loben Sie in den höchsten Tönen. Was ist Ihr Geheimrezept?

Nicolas Schmidt:
„Das Rezept ist frei zugänglich und wird auch von vielen Kolleginnen und Kolleginnen, die nie Preise kriegen, praktiziert: freundlich sein, offen und präsent sein, gut in seinen Fächern sein, sich Zeit für die Schülerinnen und Schüler nehmen und sie ernst nehmen, viel diskutieren, nicht so demonstrativ pädagogisch reden und handeln, sich selbst nicht so wichtig nehmen und trotzdem seine eigenen Gefühle und Wünsche ernst nehmen, nichts auf Noten geben und trotzdem auf Leistung pochen und den Schülerinnen und Schülern sehr konkretes, strenges, wohlmeinendes Feedback geben, möglichst viel Raum für Kreativität schaffen und versuchen, für eine positiv konnotierte Schule zu stehen.“

Was, glauben Sie, muss sich im Lehreralltag oder am Schulsystem ändern, damit Herr Schmied nicht mehr so gestresst ist?

Nicolas Schmidt: „Puh, das ist ja Dauerthema in meinen Texten und natürlich eine hochkomplexe Frage. Ich glaube, der Herr Schmied wäre schon ganz zufrieden, wenn sich sein Schulstress nicht mehr so arg aus dem Widerspruch zwischen seinem pädagogischen Eros und der Notenfixiertheit des staatlichen Schulsystems speisen würde. Ich hätte dann natürlich aber nicht mehr so schönen Stoff für meine Geschichten.“

Vielen Dank für das Interview!

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Titelbild: Nicolas Schmidt/sofatutor.com