Von Klassen Abschied nehmen: am Ende sind sie doch dankbar

Das Schuljahr neigt sich dem Ende. Das bedeutet, Schülerinnen und Schüler gehen zu lassen, die einem ans Herz gewachsen sind. Frau mit Klasse erzählt, welche Gefühle das in ihr auslöst.

Am Ende sind sie doch dankbar

Wenn ihr meine Kolumne verfolgt, wisst ihr, dass meine Schülerklientel ein wenig speziell ist: Es handelt sich um Sonderschülerinnen und -schüler, die momentan nicht an Regelschulen unterrichtet werden. Mit einigen habe ich während ihrer Schullaufbahn so meine Auseinandersetzungen. Doch kurz vor dem Ende spüre ich bei den oberen Jahrgängen oft, dass sich das Blatt wendet.

Einige Wochen vor dem Abschluss ist dieser noch völlig uninteressant und ich als Lehrerin an allem schuld. Doch auf der Zielgeraden schlägt mir meist etwas Anderes entgegen: Dankbarkeit. Die Hilfe, die ich bei der Vorbereitung auf die Prüfungen anbiete, wird dankend angenommen. Keine Spur mehr von dem großspurigen Verhalten der letzten Jahre. Sie wollen einfach nur ihren Abschluss schaffen. Wenn der dann gelingt, ist die Freude unglaublich groß und der Abschied für mich umso schöner.

„Sie dürfen nicht gehen! Das ist doch blöd.“

Vor einigen Jahren habe ich schon mal an einem Förderzentrum gearbeitet. Eine kurze, wenn auch prägende Zeit. Jeder Tag stellte eine neue Herausforderung dar. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich einen Zugang zu den Schülerinnen und Schülern gefunden hatte.

Und machen wir uns nichts vor: Man hatte nicht bei jedem Erfolg. Schon junge Menschen sind sehr individuell. Das muss man als Lehrkraft lernen zu akzeptieren. Doch mit der Zeit lief es wirklich gut. Nach einem halben Jahr verließ ich das Zentrum, um mein Referendariat zu beginnen. Am letzten Tag bekam ich neben Blumen ein Geschenk, das mir noch viel mehr wert war: Eine Schülerin kam plötzlich mit den Worten auf mich zu: „Sie dürfen nicht gehen! Das ist doch blöd.“ Anschließend umarmte sie mich.

Der Klasse, in der ich wiederum mein Referendariat beendete, habe ich zum Abschied Muffins gebacken. Eine Schülerin sagte beim Austeilen: „Wenn Sie gehen, hänge ich mich an ihr Bein!“

Offen für Kritik

Jedes Mal, wenn sich die Zeit mit einer Klasse dem Ende zuneigt, merke ich, wie mir die verbleibenden Wochen durch die Finger rinnen. Schon wieder ein Lebensabschnitt vorbei. Schon wieder Abschied nehmen von Schülerinnen und Schülern, die mir ans Herz gewachsen sind.

Ich bitte jede Klasse, die den Abschluss bei mir macht, einen Feedbackbogen auszufüllen. Es geht mir nicht darum, in den Himmel gelobt zu werden. Ich bin viel mehr offen für Kritik. Besonders, wenn sie von jenen Menschen kommt, für die ich diesen Beruf ausübe. So habe ich schon viele hilfreiche Tipps bekommen, aber auch tolle Worte, die von Herzen kommen: „Ihr Unterricht ist sehr gut.“ – „Man merkt richtig, wie viel Mühe Sie sich geben.“ – „Ich habe noch nie so eine Lehrerin getroffen. Sie haben bei den Späßen immer gelacht.“ – „Es gibt eigentlich nichts Negatives an Ihnen.“ – „Wir werden Sie echt vermissen.“

Nicht aus der Welt

Wertschätzung erhält man als Lehrkraft nicht jeden Tag. Aber das ist nicht schlimm. Gerade durch die Zeit am Ende behalte ich die meisten Schülerinnen und Schüler in guter Erinnerung.

Inzwischen sind viele meiner Schüler und Schülerinnen mit dem Abitur fertig. Einige halten mich über ihre weiteren Lebenspläne auf dem Laufenden. Manchmal werde ich sogar von Ehemaligen um Rat gebeten. Man ist also nicht aus der Welt.

Und wenn man sich danach durch Zufall wiedersieht, freue ich mich immer sehr. Letztens traf ich einen ehemaligen Schüler auf der Straße. „Das ist meine alte Klassenlehrerin!“, sagte er stolz zu seinen Kumpels. Das war einer der schönen Momente.

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Titelbild: © Kate Aedon/shutterstock.com