Berufe: Wie wird man … Neurowissenschaftler?

Was passiert im Gehirn, wenn wir Bewegungen erlernen? Und wie können wir so lange wie möglich fit bleiben? Diese Fragen untersucht Neurowissenschaftlerin Elisabeth Kaminski.

Liebe Elisabeth, was hast du studiert?
Elisabeth: „Ich habe Psychologie in Würzburg studiert. Das Studium dauerte sechs Jahre. Meine Diplomarbeit habe ich dann am Max-Planck-Institut in Leipzig geschrieben.“

Welche Fächer kommen für einen Neurowissenschaftler bzw. eine Neurowissenschaftlerin noch infrage?
Elisabeth: „Meine Kolleginnen und Kollegen haben unterschiedliche Fächer studiert: Physik, Informatik oder Mathematik. Das mathematische Denken hilft bei neurowissenschaftlichen Fragestellungen. Außerdem habe ich viele Kolleginnen und Kollegen, die Biologie, Medizin oder wie ich Psychologie studiert haben.“

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Hast du dich als Neurowissenschaftlerin auf einen Bereich spezialisiert?
Elisabeth: „Ich beschäftige mich innerhalb der Neurowissenschaften mit der Motorik, also mit allem, was mit Bewegung zu tun hat. Dabei geht es hauptsächlich ums Gehirn. Also z. B.: Was passiert im Gehirn, wenn wir neue Bewegungen lernen? Welche Einflussfaktoren sind wichtig, damit wir Bewegungen gut lernen? Gibt es bestimmte Gruppen von Menschen, die neue Sachen besonders gut lernen? Das sind wichtige Fragen für mich und meine Kolleginnen und Kollegen.“

Welche weiteren Spezialgebiete gibt es?
Elisabeth: „Die Neurowissenschaften beschäftigen sich mit allem, was das Gehirn leistet: Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse sind sehr wichtige Themen. Wichtig ist auch die Frage, welche Risikofaktoren, ausgelöst durch schlechte Angewohnheiten, das Gehirn beeinflussen, sodass es zu Übergewicht, Bluthochdruck oder chronischen Erkrankungen kommt. Eine Kollegin von mir untersucht z. B. den Einfluss des weiblichen Zyklus auf das Gehirn.“

Du bist Doktorandin am Max-Planck-Institut. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Elisabeth: „Wenn ich z. B. herausfinden möchte, wie sich eine bestimmte Bewegung bei jungen, gesunden Menschen erlernen lässt, überlege ich mir einen Test. Ich lade Probanden zu mir ins Institut ein. Vorab schaue ich mir das Gehirn mittels verschiedener Messmethoden an, z. B. MRT oder EEG. Die Probanden werden vorbereitet, eingewiesen und getestet. Ich führe diese Tests selbst durch. Die Ergebnisse der Tests analysiere ich und werte sie aus. Die Auswertungen schreibe ich zusammen und veröffentliche sie, damit auch andere Menschen von den Ergebnissen profitieren können.“

Gibt es eine Leitfrage, an der du dich bei deinen Forschungen orientierst?
Elisabeth: „Die übergeordnete Frage meiner Arbeit ist: Wie kann ich es schaffen, dass ältere Menschen länger ein aktiver Bestandteil der Gesellschaft sein können?“

Kann man außerhalb der Forschung als Neurowissenschaftler oder Neurowissenschaftlerin arbeiten?
Elisabeth: „Man kann auch außerhalb der Forschung Methoden weiterentwickeln. Firmen sind daran interessiert, technische Lösungen oder Systeme zu entwickeln, um Probleme anzugehen. Auch in der Pharmazie kann man als Neurowissenschaftler oder Neurowissenschaftlerin arbeiten.“

Sind alle Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler so kauzig wie Dr. Amy Farrah Fowler aus The Big Bang Theory?
Elisabeth: (lacht.) „Ich muss gestehen, ich finde Amy gar nicht so kauzig. Mir ist aber aufgefallen, dass sehr viele Leute in den Neurowissenschaften für das brennen, was sie tun. Das heißt, dass sie teilweise einen engeren Fokus auf ihre Arbeit haben und sich darauf konzentrieren. Es sind aber ganz normale, liebe Menschen.“

Welche Eigenschaften sollte man für diese Arbeit mitbringen?
Elisabeth: „Das Wichtigste ist ein gutes Durchhaltevermögen. Es gibt oft lange Durststrecken, in denen man etwas ausprobiert und es nicht klappt. Dann versucht man, einen anderen Weg zu gehen. Das ist aber, glaube ich, in der Forschung allgemein so.
Man muss sich auch mit anderen austauschen können. Also sollte man kommunikativ sein und das am besten in der englischen Sprache. Denn das Feld der Neurowissenschaften ist sehr international.“

Gute Überleitung: Welche Schulfächer sollten einem liegen?
Elisabeth: „Mathematische Fähigkeiten im weitesten Sinne sind von Vorteil. Damit meine ich nicht, dass man jede Formel auswendig kennen muss. Logisches Denken hilft, um komplexe Probleme auf kleine Einheiten herunterbrechen zu können. Biologie ist außerdem wichtig. Hier lernt man den menschlichen Körper und das Gehirn kennen und weiß, wie der Körper Signale sendet.“

Stimmt es, dass wir nur die Hälfte unseres Gehirns benutzen?
Elisabeth: „Das stimmt nicht. Tatsächlich nutzen wir die meisten Teile des Gehirns. Es ist glücklicherweise nicht so, dass eine Hälfte brach liegt und nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Wenn man etwas lernt, stärkt man die Nervenverbindungen im Gehirn. Es können also nicht ganze Teile neu erschlossen werden.“

Wenn ich mich also auf eine Klausur vorbereite, wie viel Prozent meines Gehirns ist aktiv?
Elisabeth: „Es ist immer ein Netzwerk, sodass nicht ein Teil alles macht. Der Hippocampus ist z. B. das Gedächtnisareal. Er wird aktiviert, wenn mir eine Vokabel bekannt vorkommt. Damit sie ins Bewusstsein gelangt, müssen aber noch andere Bereiche meines Gehirns aktiviert werden und die Information weitertragen. Ich würde sagen, bestimmt 50 Prozent meines Gehirns ist beim Lernen aktiv.“

Helfen mir Sudokus und anderes Gehirnjogging, um schlauer zu werden?
Elisabeth: „Das Gehirnjogging ist eine Technik, die man im Alltag gut anwenden kann. Wenn man das Gehirn fit hält, funktioniert es effizienter. Das Prinzip nennen wir: ‚You use it or loose it‘. Dadurch sind wir es gewohnt, ungewöhnliche Verknüpfungen zu schlagen. Es kann nicht schaden, sich unterschiedliche Lösungen anzugucken und verschiedene Strategien fürs Gedächtnis auszuprobieren. Es macht uns vielleicht nicht schlauer, aber effizienter beim Lernen.“

Vielen Dank für das Interview!

Elisabeth_Kaminski_Neurowissenschaftler

Elisabeth Kaminski ist Doktorandin in der Abteilung Neurologie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Sie erforscht menschliche Bewegungen und die Informationsverarbeitung im Gehirn. Ihr Fokus ist das lebenslange Lernen von Bewegungen.

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Titelbild: © bikeriderlondon/shutterstock.com

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