Lernen in anderen Ländern: Finnland und die Kehrtwende

PISA-Überflieger oder missverstandener Außenseiter? Finnlands Bildungspolitik macht vieles richtig – theoretisch.

Die Grundstruktur des finnischen Schulsystems

Die finnische Schullaufbahn in ihren Grundzügen zu erklären, ist aus deutscher Sicht leicht: Es gibt neun Jahre lang eine gemeinsame Grundbildung in der „Grundschule“ („peruskoulu“). Erst anschließend teilt sich die Schülerschaft in durchschnittlich drei Jahre Vorbereitung aufs Abitur („ylioppilastutkinto“) oder drei Jahre Berufsausbildung („ammattikoulu“) auf.
An diesem Schema orientiert sich Deutschland mit der Schulform der integrierten Gesamtschule: Alle Kinder eines Klassenverbands sollen so lange wie möglich zusammen lernen können und individuell nach Stärken und Schwächen unterrichtet werden. Diese Ruhe und Kontinuität sei gut für die Lernenden, so die Expertenmeinung.

Finnland – die Antwort auf alle PISA-Fragen?

Gefördert wurde dieses Umdenken in Deutschland durch die sehr guten PISA-Ergebnisse der finnischen Schülerinnen und Schüler in der allerersten OECD-Erhebung im Jahr 2000. Viele deutsche Bildungsexperten und -expertinnen fuhren anschließend in das Land der tausend Seen, um sich zeigen zu lassen, wie den Finnen dieses Kunststück geglückt war. Sie fanden Schulen vor, in denen viel im Projektunterricht gelehrt wird, in denen Lehrende als Lernbegleiter fungieren, in denen digitale Bildung in den Unterricht integriert wird und in denen die Schülerinnen und Schüler in kleinen Klassen bis zum Teenageralter gemeinsam lernen. Hausaufgaben gibt es fast nie und standardisierte Tests werden bis zum Abitur weitgehend vermieden. Stattdessen gibt es individuelle Lernziele für die Lernenden. Das gefiel den deutschen Pädagoginnen und Pädagogen.

Die Rolle der Lehrkraft

Auch die Rolle und das Ansehen der Lehrkraft innerhalb der finnischen Gesellschaft löste ein erstauntes Raunen in der deutschen Lehrerschaft aus. Finnischen Lehrenden kommt die wichtigste gesellschaftliche Aufgabe zu: Sie gestalten durch die Ausbildung der Kinder die Zukunft des gesamten Landes. Während in Finnland deshalb nur die Jahrgangsbesten auf Lehramt studieren dürfen, ist es in Deutschland ein gängiges Klischee, dass auf Lehramt studiert, wer keine bessere Idee für die eigene Zukunft hat. Auch der anhaltende Lehrermangel in Deutschland lässt das Ansehen des Lehrberufs stetig sinken. Es entsteht der Eindruck, deutsche Schülerinnen und Schüler würden immer mehr von „Aushilfslehrerinnen und -lehrern“ unterrichtet.

Investitionsbereitschaft in die Bildung

In Finnland sind Schulen, wie Gesundheitszentren und Hochschulen, kostenlos. Als Wohlfahrtsstaat übernimmt die finnische Regierung die Budgetierung aller Schulen, bezahlt die Lehrerinnen und Lehrer und das schulische Personal, stellt Lehrmittel, Mittagessen und den Transport für die Schülerinnen und Schüler zur Verfügung. Dafür wendet Finnland jährlich circa 7,1 Prozent seines Bruttoinlandprodukts (BIP) auf. In Deutschland werden nur 4,1 Prozent des BIP in Bildung investiert.

Der Knick in der Erfolgskurve

Als die Werte der PISA-Erhebung für die Republik Finnland 2009 erstmals fielen, erschraken viele Finnlandenthusiasten. Gabriel Sahlgren machte sich auf die Suche nach der Ursache. In seiner Untersuchung belegte er seine Vermutung, dass es eine alte Schulstruktur war, die noch bis zu Beginn der 1990er Jahre an finnischen Schulen gültig war und die verantwortlich war für die Top-Ergebnisse der ersten PISA-Erhebung. Ab 2009 zeigten sich dann erstmals die Resultate der neuen, gemeinschaftlicheren Organisationsstruktur des finnischen Schulsystems wie wir sie heute kennen und bewundern, so Sahlgren. Die alte finnische Schulstruktur sah den Lehrer bzw. die Lehrerin als Autoritätsperson, die den Unterricht strikt anleitet.

Auch in der letzten PISA-Erhebung von 2015 sind die Werte Finnlands zwar immer noch in allen getesteten Bereichen, also Naturwissenschaften, Mathematik und Lesekompetenz, überdurchschnittlich. Im Vergleich zum Rekordjahr 2006 erreichte Finnland im Jahr 2015 z. B. in den Naturwissenschaften nur noch 531 statt 563 Punkte.

Kann Finnland also doch nicht als die Wohlfühlvariante der schulischen Leistungsbestrebungen gelten? An Beispielen wie China oder Japan will sich das deutsche Schulsystem in seinen Reformbestrebungen nicht orientieren: Zu krass sind der Drill und das Lernpensum der dortigen Grundausbildung. Dabei war es in Finnland anscheinend für lange Zeit nicht anders.

Die digitale Schule zur individuellen Förderung

Die Schulreform der 1990er Jahre hatte in Finnland vor allen Dingen eins zum Ziel: den Schüler bzw. die Schülerin in den Fokus zu rücken. Galt vor der Reform das Bild des strengen finnischen Lehrers bzw. der Lehrerin, sind sie heute Lernbegleiter und organisieren den selbstständigen Lernprozess. Zuvor machte das Bildungsministerium genaue Vorgaben zu den Lehrplänen und der Unterrichtsgestaltung. Die einzelne finnische Lehrkraft hatte wenig Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Dezentralisierung der Schulbildung begann in der Mitte der 1980er Jahre und dauerte etwa eine Dekade an. Die Vorgaben auf Seiten des Bildungsministeriums halten sich seitdem im Rahmen. Die Lehrpläne werden vorgegeben, die Ausformulierung übernehmen aber die einzelnen Schulverwaltungen. Die Lehrenden sind so seither dazu angehalten, ihre Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern und Lerndefizite auszugleichen.

Neben einem neuen Verständnis der Rolle der Lehrkräfte wurde viel in die Digitalisierung der Schulen investiert: Administration, Unterricht und Lehrerbildung sind digitalunterstützt und werden fortlaufend aktualisiert. Die Lernenden sollen in der modernen Informationsgesellschaft bestmöglich unterstützt werden.

Aktuell sind zwar die Voraussetzungen dafür in Finnland gegeben: Die WLAN-Infrastruktur und technische Ausstattung an finnischen Schulen sind gut. Doch der pädagogisch sinnvolle Einsatz im Unterricht lässt aus Sicht des finnischen Bildungsministeriums noch zu wünschen übrig. Die finnischen Lehrerinnen und Lehrer hätten zu wenig Kreativität und beharrten auf ihrer alten Arbeitsweise. Daran wird in verschiedenen Digitalisierungsstrategien der Schulen und Hochschulen gearbeitet. Die Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer wird reformiert und es werden Pilotprojekte an Schulen organisiert.

So sollen die finnischen Lernenden international wettbewerbsfähig gemacht werden. Auch wenn es einen Abfall in den PISA-Auswertungen bedeutet. Das Wohlbefinden und die Qualifizierung der Schülerinnen und Schüler ist in der finnischen Gesellschaft wichtiger als das Abschneiden in Vergleichstests.





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