Lernen in anderen Ländern: Österreich und die digitale Kluft

Österreich sorgt sich um eine gerechte Bildung an den Schulen. In der Digitalisierung wird dazu eine gemeinsame Strategie gefahren. Noch stehen die Erfolge aus.

Bildung ist Bundessache

Im Vergleich zu Deutschland ist der markanteste Unterschied die Regelung der Verwaltungshoheit: In Österreich ist Bildung Bundessache. Das Bundesministerium für Bildung bildet Lehrkräfte aus, lässt Gebäude instandhalten, gibt Lehrpläne einheitlich vor und legt in ganz Österreich einheitliche Schultypen fest. Da es nicht für den Hochschulbereich zuständig ist, wird es auch „Unterrichtsministerium“ genannt.

… aber irgendwie auch nicht

Ganz ausschließlich ist der Bund nicht für die Schulbildung zuständig. Es wird zwischen Bundes- und Landesschulen im Schulsystem unterschieden: So sind die Primar- und die untere Sekundarschulbildung in Österreich Landessache. Die Primarstufe umfasst die ersten vier Schuljahre. Darin besuchen österreichische Schülerinnen und Schüler die Volksschule. Im Anschluss teilt sich die Schülerschaft je nach angestrebtem Bildungsabschluss auf in Neue Mittelschule (NMS) und die Unterstufe der Allgemein bildende höheren Schulen (AHS). Somit befinden sie sich in der Sekundarstufe I. Die Unterrichtspflicht gilt für alle Kinder in der Republik Österreich im Alter von sechs bis 15 Jahren. Mit dem Ende dieser Schulpflicht teilen sich die Bildungswege der 15-Jährigen abermals in der Sekundarstufe II auf: Ein Teil besucht die Berufsschule oder die Berufsbildende Mittlere Schule (BMS) an deren Ende eine Berufsreifeprüfung bzw. eine Studienberechtigungsprüfung im Alter von etwa 19 Jahren steht. Die anderen Schülerinnen und Schüler besuchen die Berufsbildende Höhere Schule (BHS) oder die Oberstufe der AHS. Hier steht die Reifeprüfung am Ende des Bildungsweges, die Matura. Sie berechtigt, wie das deutsche Abitur, zum Studium an der Universität oder Fachhochschule. Knapp die Hälfte der österreichischen Lernenden hat im Schuljahr 2014/2015 die Maturaklasse besucht (47,3 Prozent). Deutschland brachte im Vergleich etwas mehr Hochschulberechtigte hervor (52,8 Prozent nach Angaben der KMK für das Schuljahr 2014/2015).

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Homeschooling ist möglich

In Deutschland ist Heimunterricht gesetzeswidrig, in Österreich und im Nachbarland Schweiz hingegen zulässig. Das heißt, Kinder dürfen ihre Bildung auch durch die Eltern oder Heimlehrer und -lehrerinnen erhalten. Dafür müssen sie zu Beginn des Schuljahres für den häuslichen Unterricht beim Bezirksschulrat angemeldet und bei der nächstgelegenen Schule persönlich vorstellig werden. Zum Ende des Schuljahres legen Heimlernende eine extern organisierte Externistenprüfung ab. Das Bestehen dieser Prüfung entscheidet, ob sie im folgenden Schuljahr erneut die Erlaubnis erhalten, außerhalb des staatlichen Schulbetriebs zu lernen. So können auch Abschlussprüfungen, z. B. die Matura, extern abgelegt werden. Besonders beliebt ist der Heimunterricht aber anscheinend nicht: Im Schuljahr 2011/2012 wurden gerade einmal rund 2000 von 1.153.912 Schülerinnen und Schülern in Österreich zu Hause unterrichtet.

Digitale Bildung: Fit in die Zukunft

Um die Schülerinnen und Schüler fit für den Umgang mit digitalen Medien und modernen Informationstechnologien zu machen, verfolgt die österreichische Bildung die digitale Agenda: „eFit21“. Dadurch will sie die Qualität des Lernens und Lehrens steigern. War Österreich in der Pisa-Studie 2000 bei der Lesekompetenz noch im oberen Mittelfeld eingestiegen, verloren die Schülerinnen und Schüler bei der folgenden internationalen Vergleichsstudie bereits an Momentum. Österreich rutschte 2009 sogar in eine Schlussposition der untersuchten Länder im Bereich Lesekompetenz. Das sorgte in der österreichischen Öffentlichkeit für Unmut und resultierte in einer Reihe von Reformen. Eine davon war eine gebündelte digitale Strategie der Regierung für den Kultur-, Kunst- und Bildungsbereich. Während sich die Position im Pisa-Ranking 2012 für Österreich wieder verbesserte, stehen die Erfolge für die digitale Schulbildung noch aus.

Wie werden digitale Medien im Unterricht eingesetzt?

Bislang gibt es Optimierungsbedarf in der digitalen Bildung an Österreichs Schulen. Das Institut für Jugendkulturforschung hat im Auftrag der Arbeiterkammer herausgefunden, dass nur die Hälfte der Wiener Schülerinnen und Schüler mit Laptop und Internet in der Schule arbeitet. Dabei seien die maturaführenden Schulen offener gegenüber dem digitalen Unterricht (80 Prozent setzt Laptop und Internet ein) als Schultypen, die nicht mit der Matura abschließen (60 Prozent). Ein Drittel der befragten 500 Wiener Schülerinnen und Schüler würde ihre Hausübungen, also Hausaufgaben, standardmäßig in Chat-Gruppen, z. B. bei WhatsApp, teilen. Wikipedia, Google und YouTube sind die wichtigsten Kanäle zur Informationsbeschaffung für die befragten 15- bis 19-Jährigen. Die Arbeiterkammer spricht in der Medienkompetenz von einer „Digital Divide“, einer digitalen Kluft, zwischen den Lernenden der verschiedenen Schultypen. Schülerinnen und Schüler, die allgemein bildende Schulen besuchten, könnten sich demnach besser zurechtfinden als Schülerinnen und Schüler, die berufsbildende Schulen besuchten. Nur 15 Prozent der Lernenden, die eine nicht-maturaführende Schule besuchten, nutze das Internet zur Recherche der Hausaufgaben. Das Institut kommt zum Schluss, dass Jugendliche mit niedriger schulischer Bildung nicht genug digitale Kompetenzen vermittelt bekämen. Sie seien nicht dazu fähig, das Internet einzusetzen, um persönliche Ziele zu erreichen, Inhalte für den Unterricht aufzubereiten oder um sich in sozialen Netzwerken fundiert auszutauschen.
Die Arbeiterkammer fordert in der Folge eine verbesserte IT-Infrastruktur an Schulen. Diese könnte in Österreich über Stiftungsgelder von Bildungsstiftungen zur Verfügung gestellt werden.





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