Storytelling mit Minecraft: „Das ist wie Lego“

Tobias Thiel setzt Medienprojekte mit Kindern und Jugendlichen um – mithilfe von Minecraft. Im Interview gibt er Tipps und Ideen zum Einsatz im Unterricht.

Tobias Thiel Minecraft
Tobias Thiel arbeitet in der politischen Jugendbildung der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt. Am liebsten setzt er medienpädagogische Projekte im Bereich der Demokratiebildung um, unter Nutzung des Computerspiels Minecraft.

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Tobias, wie sieht deine pädagogische Arbeit aus?
Tobias Thiel: „Vereinfacht gesagt, mache ich politische Jugendbildung mit Jugendlichen und Kindern, sogar schon in der Grundschule oder der Kita. Mein Fokus liegt einerseits auf der Partizipation, also der politischen Teilhabe, andererseits auf dem medienpädagogischen Zugang. Minecraft verbindet diese Elemente, was für mich sehr spannend ist.“

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Wie bist du darauf gekommen, Minecraft auszuprobieren?
Tobias Thiel: „In der Arbeit mit Jugendlichen trieb mich lange die Frage um, wie wir Computerspiele für uns verwenden können. Es werden prozentual immer mehr Kinder und Jugendliche, die Computer spielen. Wenn ich noch Handyspiele dazurechne, sind es weit über 70 Prozent, die regelmäßig digitale Spiele spielen. Das kann nicht am Bildungsauftrag vorbeigehen – egal, ob schulisch oder außerschulisch.“

Wie hast du vorher Demokratiebildungsprojekte umgesetzt?
Tobias Thiel: „Wir hatten uns zuvor mit ganz praktischen Partizipationsprojekten, wie ‚Wie gestalte ich meine Schule?‘ oder ‚Wie soll der Jugendclub aussehen?‘ beschäftigt, die wir mit Lego oder einem Schuhkarton umgesetzten hatten.

Dann kam Minecraft. Das verstand ich. Das ist wie Lego. Bei Minecraft handelt es sich um ein digitales Tool, bei dem ich im ‚Kreativ-Modus‘ unendlich viele Bausteine zur Verfügung habe. Die Kinder und Jugendlichen können ganz eng nebeneinander bauen, ohne sich in die Quere zu kommen. So können sie gleichzeitig ein Stadtzentrum oder ein Jugendhaus mit mehreren Räumen bauen. Während des Bauens kommen die Kinder ins Gespräch und müssen miteinander Lösungen aushandeln.“

Kanntest du dich vorher mit dem Spiel aus?
Tobias Thiel: „Ich habe mir das Spiel vorher einmal zeigen lassen. Für den ersten Workshop habe ich mir jugendliche Experten eingeladen. Sie hatten fortgeschrittene Kenntnisse in Minecraft. Dann haben sie an einem Wochenende ein Konzept zu einem Film über die Elbe entworfen – so entstand ein Minecraft-Elbe-Krimi. Darin liegt meiner Meinung nach die Chance: Man gibt die Expertenrolle für das Spiel an die Kinder und Jugendlichen ab. Ich selbst bereite das Thema vor. So begegnet man sich auf Augenhöhe und schafft eine andere Diskussionsebene.“

Wie hast du persönlich Minecraft eingesetzt?
Tobias Thiel: „Ich mag es, Geschichten mit Minecraft erzählen zu lassen. In einem meiner Projekte haben sich Jugendliche mit der Flüchtlingsthematik auseinandergesetzt. Sie haben sich überlegt, wie es einer syrischen Flüchtlingsfamilie geht, die nach Deutschland kommt. Die Figuren erleben im Film unterschiedliche Szenarien: Schutz, Aufnahme, aber auch Abgrenzung. Die Motivation der Jugendlichen war es, sich ein Storybook und die Dialoge der Geschichte auszudenken. In Minecraft haben sie Kulissen für die Szenen gebaut, die Figuren samt Kleidung entworfen, die Szenen gedreht und anschließend die Dialoge selbst eingesprochen. Die Bildaufnahmen haben wir mit Fraps und dem Open-Source-Programm Open Broadcaster erstellt. Die Texte sprechen die Jugendlichen direkt ein oder man kann sie mit dem freien Tool Audacity aufnehmen. So entstand die Geschichte.“

Wie groß war die Gruppe der Jugendliche und wie lange hat das Projekt gedauert?
Tobias Thiel: „Ingesamt waren es zehn Jugendliche und der Workshop ging fünf Stunden. Allerdings habe ich anschließend den Feinschnitt übernommen, da es sonst zu lang gedauert hätte.“

Wie alt sind die Kinder und Jugendliche, die sich mit Minecraft auseinandersetzen?
Tobias Thiel: „Meiner Erfahrung nach sind die meisten im späten Grundschulalter bis etwa 14 Jahre alt. Dass sie bei uns Projekte mit Minecraft umsetzen dürfen, sorgt dafür, dass unsere Seminare zur politischen Bildung mittlerweile gut gefüllt sind.“

Welche Einsatzmöglichkeiten kannst du dir noch vorstellen?
Tobias Thiel: „Ohne großen Aufwand kann Minecraft als Tool zum Bau von Gebäuden, z. B. für Architektur, Geschichtsthemen oder Industrieanlagen genutzt werden. Am einfachsten ist es, wenn die Schülerinnen und Schüler zu Hause 3D-Welten vorbereiten und sie in der Schule präsentieren. Dafür brauchen die Lehrerinnen und Lehrer nur die Schülerinnen und Schüler zu ermutigen, die eh zu Hause Minecraft spielen.“

Einsatzideen:

  • Virtuelle Rundgänge
  • Gebäude bauen, z. B. Ritterburgen in Geschichte
  • Filme drehen, z. B. klassische Literatur im Sprachunterricht nacherzählen
  • Landschaft darstellen, z. B. den guten und den schlechten Fluss nachbauen in Biologie
  • Organismen nachbauen, z. B. begehbare Körper oder Pflanzen, die Photosynthese betreiben in Biologie
  • Werkbank, z. B. Atome nachbauen in Chemie
  • Programmieren, z. B. automatisierter Häuserbau in Informatik

Welche Vorteile siehst du in der Anwendung im Unterricht?
Tobias Thiel: „Vielen Schülerinnen und Schülern fällt eine Präsentationen mit Minecraft viel leichter. Sie erzählen zwar das Gleiche vor der Klasse wie in einer normalen Präsentation. Aber für die Schülerinnen und Schüler fühlt es sich so an, als würden sie einfach zeigen, was sie in Minecraft gebaut haben. Die klassische Abfragesituation entsteht nicht.

Viel wichtiger ist aber der Spaß! Selbst für ältere Kinder ist es cool, im Unterricht ‚Computer spielen‘ zu dürfen. Damit knüpft man direkt an deren Lebenswelt an. Man verbindet das Lernen mit Emotionen, was laut Lern- und Hirnforschung die Qualität des Lernens erhöht.

Dadurch, dass die Kinder und Jugendlichen etwas gemeinsam bauen müssen, kommt das soziale Lernen hinzu. Man bewegt sich ständig irgendwo zwischen Brainstorming und reflektiertem Gespräch. Da muss der Pädagoge oder die Pädagogin immer mal moderieren, aber das sind super Gesprächsanlässe. Auf einmal diskutieren Hauptschülerinnen und Hauptschüler der neunten Klasse über die Verteilung von Vierteln für Arme und Reiche in der Stadt – ein klassisches Sozialkunde-Thema. Minecraft kann man als Plattform verstehen, auf der ganz viel passieren kann und die deshalb für alle Fächer infrage kommt.“

Worauf sollten Lehrerinnen und Lehrer achten, die Minecraft ausprobieren wollen? Welche Vorkenntnisse müssen sie mitbringen?
Tobias Thiel: „Für den Anfang würde ich immer empfehlen, dass man die Kinder ein fertig gebautes Projekt von zu Hause mitbringen lässt. Dafür braucht man nur einen Beamer und die Offenheit für das Medium der Jugendlichen.
Wer es in der Klasse einsetzen möchte, um das kollaborative Lernen zu fördern, braucht Minecraft oder alternativ das freie Minetest in der Schule, Rechner und einen gemeinsamen Server. Es gibt eine neue Minecraft-Education-Version, die bislang nur in der Betaversion vorliegt und nicht für alle zugänglich ist. In der alten Minecraft-Edu-Variante konnte man als Lehrerin oder Lehrer das Spiel kurzzeitig einfrieren, um etwas zu zeigen oder Werkstoffe einzuteilen. Die wird leider nicht mehr angeboten. Daher würde ich aktuell den kostenlosen Minecraft-Klon Minetest empfehlen, der inzwischen die meisten Funktionen von Minecraft mitbringt.

Als Lehrer oder Lehrerin sollte man außerdem in der Lage sein, sich selbst zurückzunehmen und abzuwarten, was kommt. Das Medium kann so produktiv genutzt werden, dass man Themen anhand der Fragen der Schülerinnen und Schüler diskutieren kann.“

Hast du drei Tipps für Lehrerinnen und Lehrer, die sich weiterführend informieren wollen?
Tobias Thiel: „Ein spannende Arbeit mit Minecraft macht der Chemielehrer Mirek Hancl in Uelzen. Er lässt z. B. auf einer Chemiewerkbank Helium nachbauen. Wenn die Schülerinnen und Schüler Helium richtig gebaut haben, lassen sie anschließend Kühe und Schweine im Spiel fliegen. Lehrerinnen und Lehrer haben die Möglichkeit, der Facebook-Gruppe für Minecraft oder der internationalen Google-Gruppe ‚Minecraft in education‘ beizutreten. Schließlich gibt es noch die Webseite minecraftbildung.de, auf der wir über aktuelle Beispiele berichten.“





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