Lehrer-Regeln: „Wenn der Kuchen redet, haben die Krümel Pause!“

Eine Art „Verhaltenskodex“ begegnet uns nahezu überall – doch besonders in der Schule spielt er eine tragende Rolle. Hier gelten viele Regeln, geschriebene und ungeschriebene. Frau mit Klasse wirft einen Blick hinter die Kulissen und verrät einige ihrer Favoriten.

„Umgangsformen sind Formen, die zunehmend umgangen werden.“ – (Oliver Hassencamp)

In dem Moment, in dem ich das Schulgebäude betrete, schlüpfe ich in meine Lehrerin-Rolle. Ich bin nicht mehr die Person, die meine Freunde und Familie aus der Freizeit kennen. Sicher, auch in der Schule sollte man sich treu bleiben, aber dennoch lege ich dort gerne meine „Lehrerinnenmanier“ an den Tag. „Sprich nicht mit mir, wie mit deinen Schülerinnen und Schülern!“, habe ich schon so manches Mal nach Feierabend zu hören bekommen, wenn ich mich mal vergaß. Doch auf der Arbeit kann ich meine Lieblings-Benimmregeln voll und ganz an meiner Zielgruppe ausleben.

Regel 1: Jedes Kind an seinen Platz!

Mein Auftritt beginnt am Morgen mit dem Gang durch die Schulflure: „Guten Morgen!“ grüße ich die Schülerinnen und Schüler. Ob ich eine Antwort erhalte, hängt häufig von ihrer aktuellen Laune ab.

Ich treffe sie im Klassenzimmer wieder. Die Stunde beginnt mit dem Schellen des Gongs, ein leicht blechernes Geräusch. Ich liebe es und stehe damit in der Klasse vermutlich ziemlich allein da. Aber jede und jeder weiß, dass damit das Zeichen für den Stundenbeginn gesetzt wird. Wir probieren das „Guten Morgen“- Ritual also erneut:

Noch bevor es jedoch darum geht, unisono einen guten Morgen zu wünschen, gibt es noch ein anderes Problem: Jede und jeder soll am zugehörigen Platz bleiben. Das kennt man ja auch aus dem Lehrerzimmer. 😉 Inzwischen sage ich bei diesem Schritt aber schon gar nicht mehr viel, das regele ich über Gesten. Die kennen meine Schülerinnen und Schüler mittlerweile sehr gut. So senke ich beispielsweise gerne meine Hand, um ihnen zu signalisieren, dass sie sich setzen sollen. Oder ich hebe den Finger, wenn jemand wieder mal dazwischenruft und warten soll.

Viele Regeln, die in meinem Klassenzimmer gelten, werden aufgeschrieben. „Nicht im Klassenzimmer furzen“ ist eine davon. Ihr lacht, aber leider ist es kein Witz. Doch wie verhält es sich mit ungeschriebenen Gesetzen?

Regel 2: Ruhe, jetzt rede ich!

„Wenn der Kuchen redet, haben die Krümel Pause!“, ist ein Spruch, den ich im Klassenzimmer tatsächlich bereits geäußert habe. Oder: „Schön, dass ihr euch im Unterricht erzählt, was ihr heute noch Cooles vorhabt oder welche Musik gerade angesagt ist – aber können wir uns jetzt bitte den Adverbialbestimmungen widmen?“ Denn ich kann es absolut nicht ausstehen, wenn neben mir noch drei Andere reden.

Regel 3: Hände weg vom Lehrertisch!

Genauso wenig mag ich es, wenn Schülerhände auf dem Lehrertisch unterwegs sind, die da nichts zu suchen haben. Meine Sonderschülerinnen und -schüler können das aber ziemlich gut.

„Hände weg vom Lehrertisch, das ist Sperrzone!“, weise ich meine Schützlinge dann zurecht.

Regel 4: Wer nicht hört, muss Striche zählen!

Wenn alles nichts hilft, gibt es einen Strich hinter dem entsprechenden Namen im Klassenbuch. „Nein!“, protestieren die Betroffenen dann, obwohl sie wissen, dass sie Quatsch gemacht haben und sind ruhig – wenigstens kurzzeitig. Oder sie raunen sich warnend „Pass auf, sie macht nen Strich!“, zu, wenn sie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler vor Repressalien schützen wollen. Denn wer bei mir eine gewisse Anzahl an Strichen gesammelt hat, muss mit vorher angekündigten Konsequenzen rechnen. Dies können zusätzliche Aufgaben, Elterntelefonate oder etwas anderes sein – die Bandbreite ist groß.

Mit der Strich-Methode habe ich anscheinend einen bleibenden Eindruck bei meiner Schülerschaft hinterlassen. Als ich vor einer Weile eine ehemalige Klasse von mir besuchte, stand mein Name an der Tafel – und dahinter drei Striche. Da musste ich schmunzeln. Dennoch bin ich auch ein großer Fan von positiver Verstärkung, besonders an meiner Sonderschule.

Der ganz normale Wahnsinn

Wenn meine Schülerinnen und Schüler schlecht drauf sind, lassen sie das gerne an ihren Mitschülerinnen und Mitschülern aus. Oder an mir. Ist ja klar. Dabei steht gegenseitiger Respekt ganz oben auf der imaginären Liste meiner Lieblingsregeln. Klappt aber leider nicht immer. Zum Beispiel, wenn sie sich quer durch den Raum Dinge zurufen, die ich hier nicht ausführen will. Oder wenn sie während der Stunde aufstehen, um mit jemandem „etwas zu klären“. „Du setzt dich jetzt ganz lieb wieder hin, weil du ein braver Schüler bist!“, drohe ich dann lächelnd mit dem gefürchteten Striche-Stift in der Hand. Hach, langweilig wird es jedenfalls nie.

Die gute Seele der Schule

Wenn es mal Dinge zu klären gibt, bei denen ich nicht helfen kann, führt der Weg ins Sekretariat. Unsere Sekretärin ist die gute Seele der Schule. Das sagt bestimmt jeder über seine Sekretärin, aber es stimmt! Hier gilt als ungeschriebene Verhaltensregel: Immer freundlich und höflich sein, dann wird einem geholfen. Und so sollte man auch dem Hausmeister begegnen, wenn man von ihm einen Gefallen erbitten will. Diese Regel gilt für Lehrkräfte und Schülerschaft gleichermaßen.

Pausenschluss!

Wenn die Unterrichtsstunde dann vorbei ist und die Dinge im Sekretariat geklärt sind, geht es auf den Pausenhof. An meiner Schule gibt es viele tolle Tiere, von denen einige auf dem Hof leben. Wir haben Wachteln, einen Schulhund, Kaninchen und sogar Mäuse. Die Wachteln leben in einem großen Gehege. „Kann ich zu die Hühners?“, fragen die Kleinen bei Pausenbeginn vorfreudig. Na klar. Parallel muss ich aber auf diejenigen achten, die sich Stöcker suchen, um damit Unsinn in anderen Ecken des Pausenhofs zu veranstalten. Eine meiner wichtigsten Regeln lautet daher: „Auf keinen Fall die Wachteln ärgern!“ Doch irgendwann ist auch diese Aufsicht geschafft. Da wir keine Pausenhofklingel haben, rufe ich am Ende der Pause in meiner schönsten Stimme laut über den gesamten Hof: „Pausenschluss!“ Alle strömen zurück ins Gebäude. Wenigstens etwas funktioniert.

Alles auf Anfang

Und so beginnt die nächste Stunde. Und die darauffolgende. Bis wieder ein Schultag geschafft ist. Ich gehe nach Hause, manchmal entspannt, manchmal geschafft. Aber eines steht fest: Morgen geht es wieder von vorne los. Und Tag für Tag birgt die Schule neue, spannende Herausforderungen. Und hier ist Menschenkenntnis definitiv mehr gefragt als ein Regelkatalog.

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