MINT-Förderung: „Das Praktische nutzen, um die Theorie beizubringen“

Tanja Zellner liebt das Ausprobieren und Entdecken. Sie arbeitet in der MINT-Förderung in Niederbayern und nutzt LEGO® Education, um Kindern ihre Faszination näherzubringen und das Interesse an technischen Karrieren zu stärken.

Tanja Zellner ist Teil des Teams „MINT-Förderung“ der TH Deggendorf. Dort bietet sie Workshops für Lehrkräfte und außerschulische Programme an, die Kindern und Jugendlichen das Lernen und Arbeiten im technischen Umfeld näherbringen. Wie sie zuletzt trotz Corona spannende Ferienprogramme organisiert hat und warum sie LEGO Education SPIKE™ Prime einsetzte, berichtet sie im Interview.

Workshop-Teilnehmerin „Baue eine künstliche Hand“ | © TH Deggendorf

Frau Zellner, Sie haben im Sommer drei Ferienprogramme organisiert. Erzählen Sie gern einmal genauer davon: Wie war die Reaktion der Schülerinnen und Schüler?

Tanja Zellner: „Wir haben in diesem etwas ungewöhnlichen Sommer dennoch ein Ferienprogramm auf die Beine gestellt, bei dem wir uns natürlich an die Vorgaben gehalten haben. Es wurden mehrere Termine angeboten, die jeweils ein LEGO Education-Lernset als Schwerpunkt hatten. Unser LEGO® Education WeDo 2.0-Angebot richtete sich ausschließlich an Mädchen. In den Jahren zuvor war uns immer wieder aufgefallen, dass sich Mädchen nicht so recht trauten, bei unseren technischen Angeboten mitzumachen. Im ersten Kurs konnten also die Acht- bis Elfjährigen zu Planetenforscherinnen werden. Das wurde sehr gut angenommen!“

Was haben Sie konkret mit den Mädchen gemacht?

Tanja Zellner: „Als Einstieg haben wir gemeinsam darüber nachgedacht, wie man Roboter auf dem Mars einsetzen kann. Anschließend wurden von den Mädchen eigene Ideen für Marsmobile gezeichnet. Meistens war klar, dass die menschlichen Sinnesorgane irgendwie darin auftauchen müssen: Das Mobil muss z. B. greifen oder schauen können. Ich gebe dabei nichts vor und bin begeistert, was für eine Fantasie die Kinder beim Zeichnen entwickeln. Anschließend haben sie das Marsmobil ‚Milo‘ mit dem LEGO WeDo 2.0-Set gebaut – später wurden diese Mobile noch individuell modifiziert.

Konstruktion des Marsmobils „Milo“ mit LEGO® Education WeDo 2.0 |©TH Deggendorf

Damit sich das Marsmobil schließlich bewegt, haben wir noch die Grundlagen fürs Programmieren gelegt. Wir programmieren bei den Jüngeren übrigens mithilfe des Laptops statt mit dem Tablet. Meine Erfahrung ist, dass die Fingerfertigkeit noch nicht so stark ausgebildet ist und die Kinder sonst schneller frustriert sind, wenn sie mal daneben klicken. Auch das größere Display am Laptop hilft. So lernten die Roboter dann das Fahren. Zum Schluss gab es auch noch kleine Aufgaben, die einen Wettbewerbscharakter hatten und dabei blühten die Kinder noch einmal so richtig auf!“

Milo Race mit WeDo 2.0-Set | ©TH Deggendorf

Und haben Sie in Ihrem Ferienangebot auch mit dem neuen LEGO Education SPIKE Prime gearbeitet?

Tanja Zellner: „Ja, ab März hatten wir die neuen SPIKE Prime-Kästen von der Kiga GmbH erhalten und ich habe sie direkt selbst ausprobiert. Ich war sehr begeistert, da es noch mal anspruchsvoller und auch umfangreicher ist als das Lernsystem von WeDo! Damit kann man sehr gut mit etwas älteren Kindern arbeiten. Das Ferienprogramm richtete daher sich an Jungen und Mädchen zwischen elf und 15 Jahren. Sie sollten eine künstliche Hand bzw. einen Greifarm bauen. Wir stiegen auch hier damit ein, dass überlegt wurde, wofür man z. B. in der Industrie oder im All einen Greifarm braucht oder dass Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen eine Unterstützung bekommen können. Dabei haben wir z. B. auch über David Amphoux gesprochen, der sich eine Prothese aus LEGO-Steinen gebaut hat.

©LEGO Education

Ich habe ein bisschen was vorgegeben, aber am Ende hatten die Kinder und Jugendlichen ihre ganz eigenen Modelle, bei denen sich die Hände total voneinander unterschieden: Eine Hand griff nach vorne, eine andere konnte nach links und rechts schwenken, wieder eine hatte Abstandssensoren verbaut und eine weitere nutzte schließlich Farbsensoren, um sich bei bestimmten Farben zu öffnen oder zu schließen. Ich war beeindruckt davon, wie agil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren.

Bau einer künstlichen Hand mit LEGO® Education SPIKE™ Prime |©TH Deggendorf

Und wenn mal jemand auf ein Problem stieß und nicht so recht weiter wusste, wurde von den anderen in der Gruppe ganz automatisch geholfen. Normalerweise würde man dieses Projekt in kleinen Teams lösen, aber da wir uns an Corona anpassen mussten, hat eben jede und jeder alles komplett selbst überlegt und gebaut. Das war ein Vorteil aus meiner Sicht. Die Kinder und Jugendlichen mussten sich komplett selbst durchbeißen und das kam gut an. Wir haben den Kurs sogar auf knapp sechs Stunden Laufzeit verlängert, weil alle so engagiert waren.“

Wie ist Ihr Fazit für SPIKE Prime?

Tanja Zellner: „Bei uns arbeiten die Grundschülerinnen und -schüler mit WeDo bis zur fünften Klasse und ab der achten Klasse setzen wir EV3 ein. SPIKE Prime passt sehr gut in diese Lücke zwischen WeDo und EV3. Wir haben nämlich leider festgestellt, dass wir viele Kinder – und vor allen Dingen Mädchen – ihr Interesse an Technik und am Bauen verlieren, wenn wir in den frühen Teenagerjahren nichts anbieten. Man kann zwar EV3 auch schon früher anbieten und erste Schritte wagen. Aber SPIKE Prime ist einfach etwas spielerischer und bunter. Und außerdem ist es vielleicht etwas langweilig für die Schülerinnen und Schüler, über die gesamte weiterführende Schulzeit nur mit einer Variante von LEGO Education zu arbeiten.“

Idee zum Bau einer künstlichen Hand mit SPIKE Prime | © TH Deggendorf

Was empfehlen Sie Lehrkräften, die sich mit SPIKE Prime auseinandersetzen wollen?

Tanja Zellner: „Die Fachhändler bieten meist kurze Einführungen zu LEGO Education an. Diese sind zum Einstieg ganz hilfreich. LEGO Education ist aber auch sehr intuitiv, das heißt durch selber ausprobieren kann man sich Vieles schnell und einfach aneignen. Es gibt von LEGO Education auch immer passende Videos, die erklären, wie ein Projekt gebaut werden soll. Außerdem kann man natürlich auf solche außerschulischen Angebote wie uns zurückgreifen, die sehr gern vorbeikommen und die Schülerinnen und Schüler direkt betreuen.“

Anmerkung der Redaktion: Schulungen zu LEGO® Education-Lernkonzepten bieten alle autorisierten LEGO Education-Handelspartner an.

Was bieten Sie vom Team der MINT-Förderung an der TH Deggendorf für Schulen und Lehrkräfte an?

Tanja Zellner: „Wir bieten sowohl Fortbildungen für Lehrkräfte als auch direkte Schulbesuche an. Letztere konzentrieren sich im Moment hauptsächlich auf die Anwendung von LEGO Mindstorms. Aktuell bieten wir das Format ‚Digimania‘ an, in dem wir 3 Module anbieten, die sich insgesamt über elf Schulstunden für jede Schülerin und jeden Schüler strecken. Darin enthalten sind Programmierübungen, eine App-Entwicklung zur Steuerung des Mindstorms-Roboters sowie ein Modul zur Medienbildung. Im Vorfeld gibt es dazu passende Workshops für Lehrkräfte, damit sie alles selbst ausprobieren können.“

Würden Sie einen Einsatz auch im fachlichen Schulunterricht empfehlen?

Tanja Zellner: „Aktuell bekommen wir leider eher das Feedback, dass Lehrkräfte LEGO Education kaum im Fachunterricht einbauen. Viele arbeiten eher in AGs oder zu Projekttagen damit. Ich persönlich würde es sofort in meinem Unterricht einführen, wenn ich Lehrkraft wäre. Ich kann in Physik damit z. B. die Geschwindigkeit super erklären. Man kann seinen LEGO-Roboter eine Strecke abfahren lassen, nimmt dabei die Zeit auf, die er zum Zurücklegen der abgemessenen Strecke braucht und schon kann man die Geschwindigkeit ausrechnen. Das heißt, ich kann das Praktische nutzen, um den Schülerinnen und Schüler die Theorie beizubringen. Denn alles, was man selbst machen kann, versteht man auch besser!“

Wie sind Sie in der MINT-Förderung darauf gekommen, LEGO Education in Ihrer Arbeit einzusetzen?

Tanja Zellner: „Informatik und Digitalisierung sind schon seit vielen Jahren ein großes Thema, denn hier herrscht ein großer Fachkräftemangel. Nach Umfragen an Schulen ist die Idee mit den Programmierworkshops mit EV3 auf viel positive Resonanz gestoßen. Wir sind also zuerst mit dem LEGO Education EV3-System an die Schulen gegangen, um das Programmieren anwendungsbasiert anzubieten und haben nach und nach weitere Module ergänzt. Damit haben wir ins Schwarze getroffen!

Wichtig wäre hier, dass externe Angebote wie unseres nicht nur punktuell eingesetzt werden, sondern die gleichen Schülerinnen und Schüler mehrere Male erreicht werden. Damit sie im Laufe ihrer Schullaufbahn merken, wie cool das technische Arbeiten wirklich ist.“

Weitere Artikel zu LEGO® Education:

Titelbild: ©TH Deggendorf