Lernen in anderen Ländern: Digitale Skills für Großbritanniens Wirtschaft

Die Unterstützung von öffentlichen Einrichtungen durch Privatunternehmen ist in Großbritannien lange üblich. Dadurch erhofft sich die Regierung Hilfe bei der Bewältigung einer riesigen Aufgabe: Jedem und jeder den Zugang zu digitalen Skills zu geben, den er oder sie braucht.

Überblick über das Schulsystem in Großbritannien

Innerhalb des britischen Schulsystem gibt es zwar strukturelle Unterschiede zwischen Nordirland, Schottland, Wales und England. Dennoch ist der grundlegende Aufbau gleich: Zwischen dem sechsten und dem 15. Lebensjahr besteht die Schulpflicht. Es gibt einen Grundschulabschnitt („primary schools“), der speziell in England in zwei Phasen unterteilt wird und in der Regel sechs Jahre dauert. Im Alter von elf bzw. 12 Jahren wechseln britische Kinder zu 90 Prozent auf eine staatliche weiterführende Gesamtschule („comprehensive school“). Die Schulbildung an öffentlichen Schulen ist für Eltern kostenlos. Die weiterführenden Gesamtschulen sind unabhängig von der Leistung für alle Schülerinnen und Schüler aus deren Einzugsgebiet offen. Daneben gibt es Gymnasien („grammar schools“) und Realschulen („secondary modern schools“), bei denen Kinder besondere Leistungen erfüllen müssen, um aufgenommen zu werden.

Neben den öffentlichen Schulen hat auch das private Schulwesen in Großbritannien eine lange Tradition. Kinder und Jugendliche besuchen darin eine „public school“ (auch „independent school“) als weiterführende Schule, die als Privatschule übersetzt werden kann. Obwohl widersprüchlich anmutend, lässt sich der Begriff „public“ damit erklären, dass Kinder früher nur eine öffentliche Schule aus dem Einzugsgebiet besuchen konnten, also „local school“. Die Privatschulen waren hingegen überregional allen zugänglich, deren Eltern die entsprechende Schulgebühr zahlen konnten. Damit waren sie „public“. Die Enzyklopädie Britannica erklärt den Begriff außerdem damit, dass Absolventen (da ursprünglich hauptsächlich reine Jungenschulen) dieser Schulen häufig in den öffentlichen Dienst („public service“) übertraten.

Alle Schülerinnen und Schüler des Vereinigten Königreichs werden in Ganztagsschulen betreut. Das bedeutet, dass sie neben dem Mittagessen auch eine Hausaufgabenbetreuung sowie ein Sportprogramm und andere Angebote am Nachmittag erhalten. Außerdem ist es nach wie vor üblich, dass britische Schülerinnen und Schüler Schuluniformen tragen, die je nach Vorgabe der Schule aus Polo-Hemden und T-Shirts oder Hemden bzw. Blusen mit Krawatte samt Blazer, Hose und Rock in der Schulfarbe bestehen.

Spezialwissen schlägt Allgemeinwissen

Während sich das schottische Schulsystem auf eine Ausbildung des Allgemeinwissens konzentriert, fokussieren Nordirland, Wales und England das Spezialwissen von Kindern und Jugendlichen entsprechend ihrer Talente und Interessen. Nach der neunten Klasse legen die Schülerinnen und Schüler in England, Wales und Nordirland eine qualifizierende Prüfung ab, die mit dem mittleren Abschluss in Deutschland vergleichbar ist. Sie nennt sich „General Certificate of Secondary Education“, kurz GCSE. In Schottland heißt diese Art des Abschluss „Standard Grades“ und umfasst mehr Fächer als das GCSE. Im Anschluss an das GSCE können die Jugendlichen zwei weitere Jahre die Schule besuchen, um ihr A-Level, eine fachgebundene Hochschulreife, zu erlangen. Mit A-Leveln in drei Fächern erhalten sie dann eine allgemeine Hochschulreife. Dadurch müssen sich die englischen, nordirischen und walisischen Schülerinnen und Schüler zwar in weniger Fächern auf ihr „Abitur“ vorbereiten als die deutschen. Diese Fächer werden dafür viel intensiver behandelt. Dadurch dass sich die Schülerinnen und Schüler viel stärker selbst ihre Fächer auswählen können als etwa in Deutschland, sollen sie schon frühzeitig ihr Profil schärfen und auf eine passende Ausbildung für den Arbeitsmarkt hinarbeiten.

Es gibt weitere regionale Spezifikationen, etwa „middle schools“, „AS-level“, „key stages“, die aber für die Gesamtübersicht zunächst keine Rolle spielen.

Marktwirtschaftliche Interessen

Die Schulen in Großbritannien sind über alle Stufen hinweg sehr wettbewerbsorientiert. Kinder und Jugendliche sollen im besten Fall bereits mit dem Schuleintritt effizient auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts vorbereitet werden. Dazu wurden die Vorgaben durch die Schulpolitik über die letzten Jahrzehnte hinweg zunehmend zentralisiert.

Gleichzeitig ist auch der Wettbewerb unter den öffentlichen Schulen sehr hoch. Sie haben die Verfügungshoheit über ihr Budget und müssen sich z. B. kaum an standardisierte Gehälter halten. Dadurch befinden sich in einem konstanten Wettbewerb um die besten Lehrkräfte. Auch vor einem Sponsoring bzw. einer Teilfinanzierung von Schulen durch Privatunternehmen schreckt das britische Bildungsministerium nicht zurück, sondern begrüßt Initiativen und Förderungen sogar.

Fit für den Arbeitsmarkt der Zukunft

Damit nimmt Großbritannien die Herausforderungen, vor die Kinder und Jugendliche in der zukünftigen Arbeitswelt gestellt werden, sehr ernst. Digitale Bildung genießt dabei einen besonderen Stellenwert im Curriculum Großbritanniens. So berichtete das Nachrichtenportal die Welt bereits 2015, dass in Großbritannien schon Grundschülerinnen und -schüler das Programmieren lernen würden. Seit dem Schuljahr 2014/2015 ist das Erlernen von informatorischen Grundkenntnissen ab der ersten Klasse für alle Schulen verpflichtend. Ergänzend dazu bekamen die Schülerinnen und Schüler einen programmierbaren Mini-Computer, den micro:bit, kostenlos zur Verfügung gestellt.

Ab der sechsten Klasse lernen die Kinder HTML als Webseitenstrukturierungssprache. In Deutschland ist Programmieren bzw. Informatik bislang nicht verpflichtend im Lehrplan verankert, wobei sich einzelne Bundesländer bereits in ihren Lehrplänen darauf festgelegt haben, z. B. das Saarland oder Bayern. In der Bundesrepublik beschränken sich diese Bestrebungen jedoch meistens auf Jugendliche ab der vierten Klasse oder später. Im Vereinigten Königreich kommen schon Erstklässler und -klässlerinnen mit Scratch und anderen Programmen in Kontakt.

Ein Laptop für jeden Jugendlichen

Eine weitere Qualifizierung wollte die britische Schulpolitik dadurch erreichen, dass sie bereits 2010 Jugendliche aus einkommensschwachen Familien mit stark vergünstigten eigenen Laptops ausstattete. Zusätzlich wurden britische Klassenräume verstärkt mit Smartboards ausgerüstet. Ähnlich wie Norwegen und Estland sieht das britische Königreich darin einen hohen Nutzen für die Schülerinnen und Schüler, um sich im Umgang mit digitalen Medien zu üben. Die Begeisterung fürs Digitale führte im Mai 2018 sogar zu einer öffentlichen Diskussion darüber, ob die analogen Uhren in den Schulgebäuden durch digitale ersetzt werden sollten. Schülerinnen und Schüler könnten die Analoguhren nicht mehr lesen, hieß es in vielen Pressemeldungen. Um diesen zusätzlichen Stress aus Prüfungssituationen zu nehmen, in denen die Schülerinnen und Schüler auf die Uhr schauten, um abzulesen, wie viel Zeit ihnen noch bliebe, sollten die Uhren ausgetauscht werden. Inwiefern die Diskussion Wirkung zeigte, ist jedoch nicht bekannt.

Kritik an der digitalen Strategie

Als wichtigen nächsten Schritt hat das Digital-Ministerium Großbritanniens 2017 eine Digital-Strategie vorgelegt. Eines der wichtigsten Ziele ist es demnach, allen Briten und Britinnen den Zugang zum Internet und grundlegende Fähigkeiten im Umgang damit zu ermöglichen. Dadurch könne die britische Nation ihre Führungsposition auf dem globalen Arbeitsmarkt behalten und zukünftig ausbauen. Wie das im Zusammenhang mit der Schulbildung konkret aussehen soll, verschweigt das Strategiepapier jedoch weitestgehend. Es gibt die Ansätze, Lehrkräfte verstärkt in digitalen Anwendungen auszubilden und Initiativen, z. B. von Google oder Samsung, mehr zu unterstützen. Wie aber z. B. jene Jugendlichen auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts vorbereitet werden sollen, die nicht nach dem Schulabschluss studieren, verschweigt die Strategie.

Auch wenn die Überzeugung von der Relevanz von IT-Kenntnissen nach wie vor ungebrochen ist, mehren sich die britischen Stimmen, die sich Verbesserungen für den Schulbetrieb wünschen. Es gäbe keine einheitliche gesamtbritische Strategie, an der sich Lehrkräfte orientieren könnten, erläutert die Rachel Matthews, Pressesprecherin von Instructure, einem großen britischen EdTech-Unternehmen.

Einen der größten Kritikpunkte sehen Lehrkräfte in Großbritannien darin, dass die bürokratischen Hürden zur Beschaffung von technischer Ausrüstung zu hoch seien. Außerdem bemängelten sie die fehlende Wartung der Geräte in den Schulen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse über den Nutzen der digitalen Lernmaterialien. Des Weiteren wünschten sich viele Lehrkräfte eine passende Fortbildung zum Umgang mit digitalen Medien, so Matthews weiter.

Großbritannien ist bislang noch nicht der große Durchbruch gelungen, um alle Schulen gleichermaßen digital auszustatten, aber das Engagement auf Seiten von Behörden und Privatunternehmen ist weiterhin hoch. Es fehlt jedoch an einer einheitlichen, verlässlichen Strategie, die Schulen und Lehrkräfte abholt und ihre Vorbehalte schmälert. Ob das im Rahmen dieser sehr diversen Schullandschaft überhaupt möglich sein wird, bleibt abzuwarten.

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