„Sie haben ein Auto? Läuft bei Ihnen!“ – was meine Klasse über mein Privatleben denkt

Lehrerinnen und Lehrer sind doch auch nur Menschen, sollte man denken. Frau mit Klasse hat jedoch manchmal den Eindruck, dass vor allem Kinder und Jugendliche eine gegenteilige Meinung haben.

Lehrkräfte sehen sich mit vielen Klischees zu ihrem Berufsalltag und ihrem Charakter konfrontiert. Das bekomme ich im Alltag aber auch direkt von meinen Schülerinnen und Schülern immer wieder zu spüren.

Was hält die Allgemeinheit von uns Lehrkräften?

Wenn man sich mal den Spaß macht, im Internet nach Beiträgen über meine Berufsgruppe zu recherchieren, werden die abenteuerlichsten Dinge angezeigt. Gründe, warum kein normaler Mensch Lehrerin oder Lehrer werden kann. Warum wir von so vielen gehasst werden. Dass man uns nicht trauen könne. Wow. Zum Glück existiert auch ein positives Bild und ich höre öfter Gutes.

Spannender finde ich aber noch herauszufinden, was meine Schülerschaft über mich denkt. Denn schließlich sind das diejenigen, die mich Tag für Tag live erleben.

Was halten meine Schülerinnen und Schüler von mir?

Diese Frage lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Vielleicht lässt sie sich auch gar nicht beantworten. Denn welches Kind sagt schon seinem Klassenlehrer bzw. seiner Klassenlehrerin ins Gesicht, was es über einen denkt? Dabei sind es doch gerade die Lehrpersönlichkeiten, von denen man noch viele Jahre nach dem Schulabschluss spricht. Eine Meinung haben also eigentlich alle. Das beobachte ich auch immer wieder im eigenen Freundeskreis: Abibücher werden hervorgeholt, es wird in Erinnerungen geschwelgt. Jede und jeder erinnert sich an ganz bestimmte Lehrkräfte: „Weißt du noch, Herr oder Frau […]?“

Ob meine Schülerinnen und Schüler später auch an mich zurückdenken? Lustig wäre es. In der Gegenwart merke ich zumindest häufig, dass sie mich scheinbar nicht als normalen Menschen sehen. Dies sind die vier häufigsten Vermutungen, mit denen ich als Lehrer-Alien konfrontiert werde:

Vermutung 1: „Frau mit Klasse isst nichts.“

Ich habe einen Schüler, der mir gerne Obst mitbringt. Vielleicht, weil er es selbst nicht essen möchte oder es einfach gut mit mir meint. Das ist natürlich lieb, aber ich möchte ihm ja nicht sein Frühstück nehmen. Wenn ich dann dankend ablehne, ruft er halb zu seinem Mitschüler, aber für mich gut hörbar durch das Klassenzimmer: „Schau sie dir doch an, sie isst wahrscheinlich kaum etwas.“ Wenn ich an die riesige Portion Nudeln denke, die ich gestern verdrückt und noch mit einem Tiramisu gekrönt habe, muss ich schon lachen. Meine Freundinnen und Freunde, die das hier lesen, sicher auch. Die sagen immer, ich esse für drei.

Vermutung 2: Als Lehrerin wohne ich in der Schule

Ich wohne natürlich nicht in der Schule. Tatsächlich aber unsere Hausmeisterin, wie ich neulich zum ersten Mal erfuhr. Das fand ich schon verrückt!

Einer meiner guten Freunde ist auch Lehrer. Wir haben schon einmal an derselben Schule unterrichtet. Als er neulich meiner ehemaligen Klasse erzählte, dass wir verabredet seien, trug sich folgender Dialog zu:

„Ich treffe mich heute noch mit Frau mit Klasse.“ – „In der Schule?“ – „Äh, nein. Wir sind privat befreundet.“

Puh. Die Vorstellung, dass wir Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich ein Privatleben haben, schien sie zu verwirren. Vielleicht haben sie sich auch vorgestellt, dass ich nach dem Unterricht in eine Art Schlafmodus falle und erst am nächsten Morgen im Klassenzimmer wieder aufwache, wenn die Schülerinnen und Schüler eintreffen.  Manchmal kommt man sich wirklich ein wenig außerirdisch vor.

Vermutung 3: Soziale Netzwerke sind nur was für coole Leute – also nichts für mich

Manche Schülerinnen und Schüler sind besonders an meinem Privatleben interessiert. Und irgendwie haben sie dann mitbekommen, dass ich auf sozialen Netzwerken aktiv bin. Das konnten sie kaum fassen. In den letzten Weihnachtsferien hatte ich bestimmt fünfzehn Anfragen aus einer ehemaligen Klasse. Und das, obwohl es schon ein wenig Recherche erfordert, um mein Profil zu finden. Doch davon haben sie sich nicht beirren lassen. Eine Lehrerin, die soziale Medien nutzt – die muss gefunden und als Freundin geaddet werden!

Vermutung 4: „Sie haben fake Wimpern, ich schwör!“

In der letzten Stunde vor den Herbstferien haben sich meine Klasse und ich Mary Poppins in der Schule auf DVD angesehen. Dieses Kindermädchen ist ja bekannt für seine Strenge. „Ich dachte, sie wäre nett. Aber sie sagt die ganze Zeit nur, was die Kinder nicht dürfen. Sie ist wie Sie!“, resümierte ein Schüler, als wir hinterher über den Film sprachen.

Doch nicht nur Charakterzüge bewerten meine Schülerinnen und Schüler gern. Auch über mein Äußeres habe ich schon viel gehört: „Sind die Haare echt? Nicht viele haben so eine Farbe …“ Also bin ich wohl doch außerirdisch.

Letztens sagte eine Schülergruppe zu mir, dass ich wie eine Puppe aussehe. „So schön, meint ihr?“, antwortete ich im Spaß. „Nee, aber Sie haben fake Wimpern, ich schwör.“ – „Und Ihre Haare sind so schön geflochten, machen Sie das vor dem Spiegel?“ – „Rote Fingernägel hingegen – die stehen Ihnen wirklich gar nicht.“ – „Und ziehen Sie immer dieselbe Hose an? Die haben sie doch letzte Woche schon getragen.“ Ich fühlte mich ein bisschen wie bei einer Umstylingsendung, für die ich mich aber gar nicht beworben hatte.

Mein Auto ist auch gerne Gegenstand des allgemeinen Interesses:
„Sagen Sie, fahren Sie eigentlich einen Mercedes? Obwohl, bestimmt fahren Sie eher einen Smart!“, fragte mich einer meiner Schüler aus der Sek I.

Einmal fragte mich eine Schülerin, was ich nach der Schule noch vorhabe. Ich finde es immer albern, gar nichts preiszugeben oder so zu tun, als hätte ich kein Privatleben. Das glauben manche ja, wie erwähnt, dann wirklich noch. Also antwortete ich, dass ich jetzt noch ein paar Besorgungen mache. „Mit dem Auto?“ – „Ja.“ – „Läuft bei Ihnen!“

Fragen nach meinem Freund stehen auch ganz oben auf der Prioritätenliste. Ob ich einen habe, wie er aussehe etc. „Meine Schöne, Ihr Freund ist ein Glücklicher.“ oder „Haben Sie Kinder? Sie sind nämlich auch nicht mehr die Jüngste“, wurde ich dann schon mal ungewollt beraten. Danke, Leute! Da sollte man jedoch auch aufpassen, was man erzählt. An Neugier und Fantasie fehlt es meinen Schülerinnen und Schülern nun wirklich nicht. Wie oft meinem Kollegen und mir schon eine Affäre angedichtet wurde … Wenn er das jetzt liest, hat er wieder was zu lachen. Und ich auch. Ach ja, wenn die Schülerinnen und Schüler dieses Engagement und detektivische Gespür mal beim Lernen an den Tag legen würden.

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