Der letzte Schultag – vom großen Glück, dicken Tränen und Ferienvorfreude

Bevor Maximilian Lämpel in die Ferien starten konnte, musste der letzte Schultag bewältigt werden. Und der ist ja bekanntermaßen ein besonderer Tag.

Typisch Schule

Der letzte Tag vor den Sommerferien ist mit keinem Schultag sonst zu vergleichen. Die Luft vibriert, überall schwirren aufgeregte und gut gelaunte Kinder durch die Gänge, omnipräsentes Stimmengewirr lässt Vorfreude auf Sonne, Meer und Eis erahnen. Ich freue mich eigentlich immer auf diesen Tag.

Aber weil ich einen Fehler auf dem Zeugnisformular entdeckt hatte, leider erst am Abend zuvor, begann der Tag in diesem Jahr etwas holprig. Um sieben Uhr morgens stand ich bei Schulleiter und Stellvertreterin auf der Matte und zeigte den kleinen, aber leider sehr relevanten Fehler, der die Zeugnisvorlage für alle zehnten Klassen betraf. Aus mir unverständlichen Gründen richteten sich böse Blicke auf mich. Wo gibt’s denn so was? Wie bei so einem mittelalterlichen Herold oder wie die noch mal hießen: Die Burschen, die regelmäßig für das Überbringen einer schlechten Botschaft für selbige verantwortlich gemacht wurden.

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Die Zeugnisse für sämtliche zehnten Klassen mussten jedenfalls neu gedruckt werden und der Schulleiter durfte alles noch mal unterschreiben. Irgendwie unprofessionell und irgendwie typisch (meine?) Schule.

Zeugniskonferenzen

Das Vorspiel zum Zeugnisausgabetag sind die Zeugniskonferenzen. Zwei Wochen vor dem letzten Schultag saßen wir zusammen. Und auch wenn Inhalt und Ergebnisse der Konferenzen natürlich streng geheim sind, kann ich ja verallgemeinernd und anonymisierend sagen, dass es in diesem Jahr beim Festzurren der Noten in einer neunten Klasse hoch herging. Das passiert selten und man darf eigentlich keinem erzählen, wie da mitunter noch gedreht, getrickst und gekuhhandelt wurde. Könnte man aus der Fünf in Englisch nicht vielleicht doch noch eine Vier minus machen. Oder umgekehrt? Oder in Bio, liebe Kollegin, da muss noch was gehen. Muss man nicht berücksichtigen, dass der Schüler lange gefehlt hatte und ist es nicht schlimm, was er in den letzten Monaten beim Trennungskrieg seiner Eltern alles miterleben musste? – Es gab unzählige Gründe für Spezialbehandlungen. Keine Ahnung, wie legal das ist, legitim war es allemal. Denn bei allen Entscheidungen steht immer das Wohl des Kindes im Vordergrund. Deshalb habe ich dieses Jahr mitgedealt.

Wir nennen es pädagogisches Fingerspitzengefühl. Dabei sind einige Kolleginnen und Kollegen beweglich, andere lehnen jedes Entgegenkommen kategorisch ab. Man könne da nichts machen, so und so seien nun mal die Zahlen. Kolleginnen und Kollegen, die sich auf Zahlen versteifen, nennen das Charakter, Standhaftigkeit oder Gerechtigkeit. Diejenigen, die da flexibel und bereit sind, wohlwollend zu agieren, nennen es Verantwortung, Empathie oder, tata, ebenfalls Gerechtigkeit.

Jedenfalls hatte es dieses Mal geknallt. Und nur weil der Schulleiter nach langen Diskussionen ziemlich ungemütlich wurde, wird Schüler X nun doch versetzt.

Zeugnisvergabe

Zurück zum letzten Schultag. Bei uns ist es üblich, dass vor der Vergabe der Zeugnisse jeder Klassenraum durch die jeweilige Klasse grundgereinigt werden muss. Darauf haben eigentlich weder Lehrer- noch Schülerschaft große Lust, aber das Gewusel auf den Fluren, die Suche nach Reinigungsequipment und das Entfernen der Schultischkritzeleien befeuert auf angenehme Weise meine Schuljahresendstimmung.

Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die dann nach getaner Reinigung ihre Letzter-Schultag-Rituale pflegen. Erst mal zusammen frühstücken, Stuhlkreis, irgendwas mit bunten Karten und Magneten – typischer und zum Teil natürlich sehr sinnvoller Pädagogikkram eben. Ich mache das immer kurz und schmerzlos, meine 10b will nicht warten und ich auch nicht.

So auch dieses Jahr. Wir hatten schon am Tag zuvor ausführlich voneinander Abschied genommen, denn der Klassenverband löste sich schließlich auf. Bei der Ausgabe der Zeugnisse stellten sich nun die gängigen Emotionen anlässlich der erhaltenen Bewertungen ein. Gute Laune und Verzweiflung liegen schließlich selten so nah beieinander wie am letzten Schultag. Bisschen wie bei der WM. Während die einen juchzten und irre stolz Noten, Schnitte und Stimmung verglichen, starrten andere ausdruckslos in die Ferne oder trockneten gar ihre Tränen. Während Carla dieses Jahr vor Erleichterung jubilierte, sie dürfe dank ihres Schnittes weiter zum Voltigieren gehen und ihr Sitznachbar Theo mehrmals „Yeah, 200 € von Oma!“ durch die Klasse posaunte, reagierten andere anders. Luise kramte ewig lange nach Taschentüchern, sodass ihre Haare den Blick auf ihr Gesicht verbargen und Anton ging wutentbrannt zur Tür und verschwand einfach.

Macht’s gut

Nachdem ich der Klasse schöne Ferien gewünscht und noch eine Weile mit Luise gesprochen hatte, ging ich ins Foyer des Schulgebäudes, wo ich auf einen regelrechten Hühnerhaufen stieß. Schülerinnen und Schüler stolperten lachend durch die Gegend, Eltern, die ihre Kinder abholen wollten, irrten suchend durchs Gebäude und sogar die grummeligsten Kollegen schienen entspannt und ließen sich von der allgegenwärtigen Sommerferienlaune anstecken.

Und obwohl zahlreiche Dinge, die mir im Kopf schwirrten, nicht erledigt waren, fiel plötzlich jede Menge Anspannung von mir ab. Als Anfänger war ich zu Ferienbeginn regelmäßig krank geworden, das ist zum Glück vorbei: Sommerferien, los geht’s.

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Titelbild: © SpeedKingz/shutterstock.com