Vom Praxisschock im Referendariat – Beobachtungen eines Mentors

Das Referendariat ist eine nervenaufreibende Zeit. Damit geht jeder anders um. Seit Lehrer Maximilian Lämpel als Mentor Referendarinnen und Referendare berät, kann er das aus nächster Nähe beobachten.

Seltsame Gattung

Ich bin wirklich froh, dass ich das Referendariat längst hinter mir habe. Das war eine stürmische Zeit: Zwar habe ich viel gelernt, aber der Druck war groß und der Spaß klein. Weil ich jetzt in meinem Lieblingsfach der einzige junge Lehrer an meiner Schule bin, wenden sich unsere Referendarinnen und Referendare regelmäßig an mich. Deshalb mache ich aus Mentorenperspektive so meine Beobachtungen.
Referendarinnen und Referendare sind ja schon von Natur aus eine seltsame Gattung: Sie sind lange erwachsen, haben meist einen frischen akademischen Hochschulabschluss in der Tasche. Und dann stoßen sie plötzlich auf Strukturen, in denen sie wieder wie Kinder behandelt werden. Das zehrt an den Nerven. Im Gegensatz zu Berufsanfängerinnen und -anfängern in anderen Berufszweigen legt man nicht einfach nur los, sondern gleichzeitig wird einem ständig auf die Finger geguckt. Pausenlos wird man kontrolliert und bewertet. Und wenn man Pech hat, war alles umsonst, weil das Schicksal von den Seminarleiterinnen und -leitern abhängt. Jeder kennt, meist aus zweiter oder dritter Hand, die Gruselgeschichten von willkürlich benotenden Seminarleiterinnen und -leitern, die einem das Leben mit teuflischer Systematik schwer machen.

Schikane

Letzte Woche drehte Referendar B., der seit letztem Sommer bei uns ist, durch. Ein Unterrichtsbesuch stand an. Weil er bei seinem Seminarleiter sowieso schon einen schweren Stand hat, lagen die Nerven sichtlich blank. Ich hatte mir vorher seinen Unterrichtsentwurf angeschaut. Gemeinsam hatten wir an der Stunde rumgeplant. Ich fand seine Ideen ausgesprochen überzeugend. Deshalb wunderte ich mich, als B. erzählte, der Ausbilder hielte ihn für ganz und gar unfähig. Leider fiel der minutiös geplante Unterrichtsbesuch dann aus. Keiner hatte B. gesagt, dass die Schüler und Schülerinnen nach ihren Leistungskursklausuren nach Hause gehen durften und an diesem Tag kein Unterricht mehr stattfand. Da stand er nun fassungslos wartend im leeren Raum. Als der Seminarleiter eintraf und vom Ausfall erfuhr, wurde er richtig sauer, weil er umsonst durch die halbe Stadt gefahren war. Wenn der Referendar B. schon zu unfähig zum Unterrichten sei, sei es denn dann etwa auch zu viel verlangt, dass überhaupt Unterricht stattfände?

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Praxisschock

Diese eigentlich lächerliche aber doch traurige Episode veranschaulicht, wie mühsam der Einstieg ins Lehrerdasein sein kann. Eben noch trieb man sich in Kolloquien an der Uni rum, philosophierte darüber, wie man die Gesellschaft durch Bildung verbessern könne, und aalte sich in den dazugehörigen Forschungskontroversen. Wenig später ist man im Referendariat und wird angeschnauzt, weil man Linus und Madita aus der 5a aufgefordert hatte, etwas von der Tafel abzuschreiben. Oder weil man irgendein Bürokratiequatschformular falsch ausgefüllt hat. Oder weil man eben verpeilt hat, sorry, armer durch-die-halbe-Stadt-fahrender Seminarleiter, dass der Unterricht ausfällt. Dass im Schuljahr 2015/2016 allein in Berlin über 600 Lehrerinnen und Lehrer körperlich attackiert wurden, macht es nicht besser. Willkommen im Leben, hallo Praxisschock.
Diese Gemengelage ist der Nährboden für allerlei seltsame Blüten, die auch unerfahrene Hobbypsychologen im Lehrerzimmer gleich erkennen. Viele Referendarinnen und Referendare sind anfangs einerseits handwerklich überfordert, während sie andererseits intellektuell verkümmern. Da kann es passieren, dass man zwischen Burn- und Boreout oszilliert. Häufig treten dann Charaktereigenschaften zutage, die ihre Trägerinnen und Träger selbst überraschen. Das Spektrum reicht von Wut über Trotz und Verzweiflung zu Resignation – oft alles hintereinander und innerhalb kürzester Zeit.

Rollentausch

Zur Wahrheit gehört zum Glück, dass man sich schnell an die ganzen kuriosen Umstände, die der Schulalltag so für einen bereithält, gewöhnt. Und am Ende kommen die meisten besser durch, als erwartet. Normalerweise fiebere ich immer mit, denn die Begleitung in der Ausbildungszeit ist schön. Nur bei Kollege R. ist das anders. R. ist seit einem Jahr Referendar bei uns. Und man kann sagen, dass wir auf Kriegsfuß miteinander stehen. Er ist Quereinsteiger, gefühlt doppelt so alt wie ich, und er siezt mich beharrlich. Vor zwei Monaten hatte er bei mir hospitiert. Ganz ehrlich, ich bin für Anregungen und Hinweise wirklich offen. Aber ich fand doch merkwürdig, dass er während meines Unterrichts die Hälfte der Zeit den Kopf schüttelte. Nach der Stunde kam er zu mir und erklärte, ihm sei nicht klar geworden, welche Kompetenz im Vordergrund gestanden hätte. Und fragte, wie ich überhaupt auf diese fragwürdige Methode gekommen sei. Das alles wolle er jetzt aber nicht vertiefen, ebensowenig wie das schlechte Material, das ich da ausgeteilt habe. Was er aber nicht so stehen lassen könne, sei mein Exkurs gewesen. Ich war ganz verdattert und habe mich augenblicklich selbst wie ein Referendar gefühlt. Irgendwas stimmte plötzlich mit den Rollen nicht mehr. Tatsächlich hatte es in der Stunde einen spontanen, aber der Situation angemessenen, Exkurs zum Thema „Wie überzeuge ich meine Eltern, allein in den Urlaub fahren zu dürfen?“ gegeben, den ich dazu genutzt hatte, den Jugendlichen Rhetorik und Mut an die Hand zu geben. R. erklärte mir nun, seine beiden Söhne, vierzehn und sechzehn Jahre alt, dürften grundsätzlich nicht alleine in den Urlaub fahren. Was ich da erzählt habe, könne man als Aufwiegelung bezeichnen. Ich hätte ja keine Ahnung, was ich da anrichte. Dann hat er sich umgedreht und ist gegangen. Seitdem ist unser Verhältnis, nun ja, eher kühl. Ich vermute, er hat sich einen neuen Mentor gesucht, wahrscheinlich jemanden, den er für erfahrener hält.

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Titelbild: © areebarbar/shutterstock.com