Aufsicht auf dem Schulhof – von kleinen und großen Dramen

Nirgends lässt sich das Wesen von Kindern so gut ergründen wie auf dem Schulhof, findet Maximilian Lämpel, für dessen Beobachtungen sich die Hofaufsicht bestens eignet.

Schulhof als Versuchsanordnung

Kollegin Franziska hat hier letzte Woche beschrieben, welche Widrigkeiten die Pausen für Lehrkräfte bereithalten. Pausen sind für Lehrerinnen und Lehrer eigentlich keine Pausen. An meiner Schule habe ich es bisher weder mit Pfefferspray noch mit platzenden Saftpaketen, geschweige denn mit Besuchen von bewaffneten Mädchengangs, zu tun gehabt. Trotzdem kann auch an meiner Schule von Pause im eigentlichen Sinn keine Rede sein: Irgendwer will immer was von einem, mit irgendwem muss immer was geklärt werden und irgendwas muss man immer holen, kopieren, drucken, abgeben, suchen oder prüfen. Und fast nichts davon schafft man, wenn man Pausenaufsicht hat. Umso besser kann man das Wesen von Schülerinnen und Schülern auf dem Schulhof beobachten und entschlüsseln, denn nie ist der Mensch so sehr Mensch, wie wenn er spielt. Hat schon der alte Schiller so oder so ähnlich gesagt. Und dass das stimmt, erlebe ich immer dienstags während meiner Hofaufsicht.

Pausensinn: Fangen und Raufen

Praktisch immer spielen unsere Fünft-, Sechst- und Siebtklässlerinnen und -klässler Fangen, Tischtennis oder Abwurfspiele. Und ich verstehe nicht, warum sie dabei schreien. Aber okay, wir haben es hier schließlich mit Kindern zu tun. Bewegungsdrang und Lebensfreunde bilden da schnell eine Kombination, die auf Erwachsene gleichermaßen beeindruckend und aufreibend wirken kann.
Ähnlich ist es mit dem Raufen. Ständig wird gerauft. Manchmal glaube ich, Kinder raufen tagein tagaus. Häufig muss ich dann an Tierfilme denken, in denen es um Bärengeschwister geht, die ihre Kräfte messen. Ja, und auf dem Schulhof bin ich jetzt sozusagen die Bärenmutti. Unangenehm ist es dann, wenn Streithähne ihre Kräfte unter- oder überschätzen und aus unschuldigem Spaß hässlicher Ernst wird, sodass ich mich nicht nur verbal einmischen muss. Einmal zerrte ich zwei Jungs auseinander, die sich balgend und brüllend ineinander verkeilt hatten. Und ich war ganz verblüfft, als einer der beiden rief: „Fassen sie mich nicht schon wieder an!“ Und zwar so laut, dass es alle Umstehenden hören konnten.

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Der Schulhof als Schauplatz für Dramen

Neulich herrschte auf dem Schulhof Frühlingsgedichtstimmung. Die Schülerinnen und Schüler tobten und strotzten nur so vor Lebensfreude. Plötzlich hörte ich Schreie. Aufgeregte Kinder riefen mich zu Hilfe: Tillmann und Lena aus der 5c seien beim Fangen zusammengekracht. Tillmann ist mindestens einen Kopf größer und fast doppelt so breit wie Lena. Da lag sie weinend und ihr rechtes Knie blutete. Die Welt ging unter. Am Zusammenprall hätte niemand Schuld, sagten zwei Mitschülerinnen. So was passiert. Trotzdem bat ich Tillmann, Lena die Hand zu geben und sich zu entschuldigen. Einfach aus Anteilnahme und als faire Geste. Meine Bitte fasste er aber so auf, als machte ich ihn für den Crash verantwortlich, obwohl ich gesagt hatte, dass ich nichts gesehen habe und niemand Vorwürfe mache.
Eigentlich hätte ich mich um die blutende Lena kümmern müssen. Doch weil Tillmann sich zu Unrecht beschuldigt fühlte, war er wütend. Es kullerten Zornestränen und dann haute er einen Quatschvorwurf nach dem anderen raus. „Das war ‘ne Schwalbe!“ schrie er. Das war so absurd und niedlich, dass ich leider lachen musste. Das brachte ihn noch mehr in Rage. Er brüllte, da gäbe es nichts zu lachen. Als ich ihm noch mal versicherte, dass ich ihm wirklich keinen Vorwurf mache, erklärte er gleichbleibend laut, ich solle mich ja nicht rausreden, ich habe ihn doch aufgefordert, sich zu entschuldigen. Dabei mischte sich zu seiner Wut ein Triumphgefühl, so, als hätte er mich einer Falschaussage überführt. Meine Besänftigungsversuche klangen allmählich, als würde ich mich rechtfertigen und sie fruchteten nicht. Er fragte jetzt echt, wie ich überhaupt Lehrer habe werden können und guckte dabei, als würde er mich gleich der Polizei übergeben wollen.
Weil ich richtig genervt war, fragte ich ihn, wie er überhaupt Schüler unserer Schule habe werden können. Und dass er sich nun nicht nur bei Lena, sondern auch bei mir entschuldigen müsse. Ja, war kindisch von mir, aber immerhin haute er endlich ab und ich konnte mich um Lena kümmern. Die heulte immer noch.

Ein unausgesprochener Deal

Auf dem Schulhof ist also immer was los. Deshalb wäre es ganz gut, wenn man nicht nur zu zweit Aufsicht hätte, wie es bei uns üblich ist. Stattdessen stehe ich meist allein rum, weil Kollegin E., die ebenfalls am Dienstag dran ist, glaubt, auf die Hofaufsicht könne man verzichten. Ich habe mehrmals mit ihr darüber gesprochen, einmal auch mit dem Schulleiter. Der hatte gefragt, weil Frau E. offenbar einen entsprechenden Ruf genießt. Sie kennt aber die besten Ausreden, die noch besser sind als die meiner 9b. Bei ihr können sich die Schülerinnen und Schüler echt noch eine Ausreden-Scheibe abschneiden.
Irgendwie ist es mir zu blöd deshalb einen großen Streit anzuzetteln. Daher verfolge ich mittlerweile einen anderen Plan: Immer wenn ich Hilfe brauche oder jemanden suche, der mir etwas abnehmen oder für mich erledigen kann, frage ich Kollegin E. Immer mit dem Hinweis auf ihre gesammelten versäumten Hofaufsichten. Das klappt ganz gut. Insofern kann man Hofaufsichten unter Umständen nicht nur als Gelegenheit für kinderpsychologische Beobachtungen, sondern auch als Verhandlungsmasse nutzen.

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Titelbild: © SpeedKingz/shutterstock.com