Schule, wie wir sie vorher nicht kannten

Seit Anfang Mai öffnen die deutschen Schulen wieder schrittweise. Frau mit Klasse erzählt vom Unterrichten im Jahr 2020 und wie sie die neue Situation erlebt.

Neustart

Natürlich haben auch wir Lehrerinnen und Lehrer aufmerksam die politischen Entscheidungen der letzten Wochen verfolgt. So erfuhr ich, dass die Schulen in Berlin ab Ende April / Anfang Mai schrittweise wieder öffnen sollten. Doch da es auch wenige Tage vorher noch keinen konkreten Plan gab, beschloss ich, mir gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen differenzierte Gedanken zu machen, wie unser Einsatz und der neue Stundenplan meiner Klasse aussehen könnte. Unser selbstentwickelter Vorschlag konnte dann auch genau eine Woche durchgeführt werden. Dann kam eine weitere Klasse zurück in die Schule und es wurde wieder komplett umgeplant.

Fachfremder Unterricht als Voraussetzung

Dass viele Lehrerinnen und Lehrer fachfremd unterrichten, ist nun wahrlich nichts Neues. Doch im Moment decke ich in meiner eigenen Klasse, gemeinsam mit einer weiteren Kollegin, nahezu alle Fächer ab. Der Fokus liegt auf den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik, aber auch weitere Fächer werden einbezogen. Die Frage, ob man es nicht anders lösen könne, wurde verneint. Es hieß, im Sinne der Kontaktminimierung bleibe es nun erst einmal so. Von einer Schule in Brandenburg hörte ich, dass die Fachlehrkräfte dabei die Zuarbeit leisten sollen und das versuchen wir auch in unserem Kollegium so zu handhaben. Einfach ist es dennoch nicht immer.

Teilung der Klassen

An meiner Schule werden die Klassen aktuell geteilt. Dies ist wichtig, da sich sonst zu viele Personen gleichzeitig in einem Raum befinden. In meinem Fall beschule ich erst die eine und dann die andere Gruppe. Das bedeutet, dass ich aktuell vier Tage in der Woche in der Schule bin. Ab nächste Woche dann auch in Kombination mit Homeschooling. Wie genau das abläuft, muss ich mir noch überlegen. Die Anwesenheit variiert unter den Lehrkräften, die Betreuung eigener Kinder spielt da auch eine Rolle. Die Klassenlehrerinnen und -lehrer, deren Klassen noch nicht wieder in der Schule sind, betreuen diese online oder verteilen Lernpakete, die abgeholt werden sollen.

Hygiene- und Abstandsregeln

Eine Maskenpflicht, wie sie an anderen Schulen besteht, gibt es bei uns nicht. Aber ich sehe einige Kolleginnen und Kollegen sowie Schülerinnen und Schüler, die freiwillig eine Maske tragen, auch im Unterricht. Die meisten müssen sie eh dabeihaben, in den öffentlichen Verkehrsmitteln sind sie ja verpflichtend.

In den Schulräumen haben wir die Tische weit voneinander entfernt gestellt. Jedes Kind meiner Klasse sitzt einzeln und darf nicht ungefragt aufstehen. Regelmäßiges Händewaschen ist Pflicht, da haben sie von mir zu Beginn gleich eine Belehrung mit dazugehörigem Infozettel erhalten. Zudem habe ich ihnen mit einem Zollstock veranschaulicht, wie viel 1,5 Meter Abstand tatsächlich sind. Das wissen ja schon viele Erwachsene leider nicht. Natürlich muss das permanent kontrolliert werden, denn nicht selten stehen trotzdem mehrere Schüler gleichzeitig auf.

Hofpausen gibt es bei uns aktuell nicht. Sobald eine Gruppe den Raum verlässt, desinfiziere ich Tische, Stühle, Klinken, Lichtschalter etc. Dafür habe ich in einem Raum eine Packung Desinfektionstücher, die aber wohl alle nutzen sollen. Das kann nur ein Witz sein, denn wie lange soll das halten? In jedem Raum sollte so eine Packung vorhanden sein. Ein Desinfektionsspender steht zudem auf dem Schulflur. Generell habe ich aber ehrlich gesagt das Gefühl, dass die Schule trotz der Tuchknappheit sauberer wirkt als sonst.

Vorbildfunktion

Eine Vorbildfunktion hat für mich die Schule einer befreundeten Berliner Lehrerin. Hier wurden von den Lehrerinnen und Lehrern schon auf dem Schulweg kurz vor der Schule Kreise auf den Boden gezeichnet, die den vorgeschriebenen Mindestabstand verdeutlichen. Für die Grundschülerinnen und Grundschüler gab es sogar Hütchen, damit sie sich mit dem richtigen Abstand einreihen. Je nach Raumzuteilung sollen verschiedene Eingänge betreten werden, Absperrbänder finden Verwendung, Schließfächer dürfen nicht genutzt werden. Es wurden Aufsichten für Toiletten, Eingänge, Flure und den Schulhof eingeteilt, die auf die Einhaltung der Vorschriften achten. Das impliziert aber auch, dass viele Lehrkräfte aktuell mehr beaufsichtigen, als Unterricht zu erteilen.

Hürden und Schwierigkeiten

Es war zu Beginn komisch, die Klasse nach einer so langen Zeit wiederzusehen. Der Großteil schien sich zu freuen, wieder ein wenig Alltag zu haben. Die erste Hürde stellte für meine Klasse der unterschiedliche Leistungsstand der Schüler dar, den sie nach der langen Pause hatten. Jeder hatte das von mir vorbereitete Material in unterschiedlichem Umfang bearbeitet. Dies lag auch daran, dass es von manchen nicht in der Schule abgeholt oder per Mail nicht entsprechend darauf zugegriffen wurde. Ich berücksichtige das aber im Unterricht und versuche, die Klasse nun dort abzuholen, wo sie gerade steht.

Wie geht es weiter?

Ich gebe zu, dass sich der Schulalltag aktuell noch gut durchführen lässt. Es sind noch nicht alle Klassen wieder da, man kann sich einigermaßen aus dem Weg gehen. Wie das jedoch werden soll, wenn alle zurückkommen, ist mir noch nicht klar. Es werden wohl nicht alle Schülerinnen und Schüler täglich kommen können, die Anwesenheit vor Ort wird sich mit Homeschooling abwechseln und die Pläne werden sich regelmäßig ändern. Das halte ich aber für richtig. Allein letzte Woche habe ich gesehen, wie zwei Jugendliche direkt nebeneinandersaßen und andere haben ihre Handys getauscht. Da ging gleich eine Mitteilung an die Eltern raus. Und falls Schülerinnen oder Schüler Erkältungssymptome zeigen, muss das erst vom Arzt überprüft werden, bevor sie wiederkommen können.

Einige Kolleginnen und Kollegen, sofern sie der Risikogruppe angehören, bleiben ebenfalls zu Hause. Verständlich, jedoch eine weitere große Hürde für uns. Denn deren Unterricht muss natürlich jetzt durch uns abgedeckt werden, was nicht immer einfach ist. Ein weiteres Problem ist der Platzmangel: Unser Lehrerzimmer ist wahrlich nicht das größte und generell sind in den Schulen einfach viele Menschen unterwegs. Meiner Ansicht nach ist das nicht ungefährlich, auch wenn Kinder und Jugendliche natürlich ein Recht auf ihre Bildung haben. Aber dann doch bitte unter strengen Vorsichtsmaßnahmen für alle Beteiligten und unter Berücksichtigung entsprechender Konsequenzen, wenn es nicht funktioniert.

Ich bin gespannt auf die kommenden Wochen bis zu den Sommerferien und ob bis dahin der Unterricht wie geplant stattfinden kann. Währenddessen versuche ich, für meine Klasse das Beste aus der neuen Situation zu machen.

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