„Die Lehrerin beendet den Videochat – sonst niemand!“

Bald leben wir ein Jahr mit den Veränderungen, die die Corona-Pandemie mit sich brachte. Frau mit Klasse berichtet (wieder) aus dem Homeoffice und nimmt sich auch die vermeintlichen Expertinnen und Experten vor, die immer alles besser wissen.

Regelbetrieb, als wenn nix wäre

Was geschah an den Schulen nach dem ersten Lockdown im März 2020? Es folgte eine Zeit, in der wir Lehrkräfte im Regelbetrieb unterrichteten und bis Mitte Dezember mehrere hundert Menschen pro Tag sahen – klingt komisch, entspricht aber der Wahrheit. Auch mir kam diese Zeit wie ein Wahnsinn vor. Obwohl wir als Schule während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 gute Konzepte entwickelt hatten, wie wir die Klassen teilen wollten, um so die Kontakte zu minimieren, blieb alles wie gehabt und die Klassen in ihrer regulären Größe.

Die Ansage vom Senat war klar und deutlich: Das allgemeine Infektionsgeschehen im jeweiligen Berliner Bezirk und das schulische Infektionsgeschehen bestimmten, ob die Schulen in der Stufe grün, gelb, orange oder rot unterrichten sollten – also vom Regelunterricht in voller Klassenstärke (grün) bis zum Alternativszenario bei hohem Infektionsgeschehen (rot). Am Ende jeder Woche entschieden das bezirkliche Gesundheitsamt und die zuständige Schulaufsicht über die Stufe für die darauffolgende Woche.

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Auch als es mehrere Corona-Fälle an meiner Schule gab, führte dies nicht dazu, dass sich die Art des Unterrichts änderte und die Ampel auf Rot wechselte. Gab es Schülerinnen bzw. Schüler, die sich nachweislich infiziert hatten, wurden sie gemeinsam mit der gesamten Klasse in Quarantäne geschickt. Später sogar nur noch die Schülerinnen und Schüler, die in einem Umkreis von 1,5 Metern zur positiv getesteten Person saßen. Für den Rest der Schülerschaft ging der Unterricht normal weiter – anfangs noch ohne Maske.

Mitte November wurde endlich die Maskenpflicht für alle eingeführt (nicht zwangsweise auf dem Schulhof, dafür aber im Unterricht). Im Gebäude mussten die Masken schon lange davor getragen werden. Die Umsetzung bzw. Kontrolle der Maßnahme ließ jedoch auch hier sehr zu wünschen übrig: Manche Schülerinnen und Schüler trugen ihre Einwegmaske bis zu zwei Wochen. Andere schafften es partout nicht, sie über die Nase zu ziehen. Ich hatte oft das Gefühl, dass den Eltern nicht bewusst war, wie ihre Kinder im Schulgebäude mit der Maskenpflicht umgingen. Und leider fühlte ich mich in dieser Zeit eher wie die Maskenpolizei – und nicht wie eine Lehrkraft, die sich auf das Unterrichten konzentrieren konnte.

„Bäumchen wechsle dich“ bei den Schulöffnungen

Seit dem Beginn der Weihnachtsferien 2020 befinden wir uns in einer erneuten Homeschooling-Phase. Ich komme immer wieder ins Stirnrunzeln bei den Senatsbeschlüssen. So dachte man sich in Berlin zum Jahreswechsel: „Lockdown bis Ende Januar? Ach komm, wir öffnen trotzdem für die Abschlussklassen.“ Der Shitstorm, den der Berliner Senat danach erntete, hatte in Kombination mit einer Petition mit ca. 31.000 Unterschriften in knapp zwei Tagen dazu geführt, dass der Unterricht für alle Jahrgänge doch noch eine Weile digital stattfindet.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich froh darüber bin, dass ich eine engagierte, mitdenkende Schulleitung habe, die entschied, dass alle – inklusive der Abschlussklassen – vorerst bis Mitte Februar im Homeschooling bleiben sollen. Doch des einen Freud ist des anderen Leid. Manche Eltern sehen das sicherlich anders.

Homeschooling aus Sicht der Eltern: I can’t teach this

Ich kann die Eltern natürlich verstehen, wenn sie verzweifeln, weil ihre Kinder weiterhin zu Hause lernen sollen. Und ich ziehe meinen Hut vor der seit Monaten andauernden Doppelbelastung aus eigener Arbeit und Homeschooling des Kindes. Immer wieder erhalte ich E-Mails von Eltern, die die eigenen Job-Pflichten auf den Nachmittag legen müssen, damit ihr Kind ausreichend Internetkapazitäten für die Schule hat. Das sind mit Sicherheit keine schönen Bedingungen. Ich zeige da Verständnis, wenn man sich vorher bei mir meldet und die Situation erklärt. Dann ist es auch möglich, etwas nachzureichen. Generell erhalten die Schülerinnen und Schüler mehr Zeit als sie vor Ort hätten, da die Arbeitsbedingungen zu Hause sicherlich nicht immer bei allen ideal sind.

Homeschooling aus der Sicht der Schülerinnen und Schüler 

Auch bei meiner Klasse selbst habe ich nur eine ungefähre Ahnung, wie sich das Distanzlernen gestaltet. Ich habe viele Schülerinnen und Schüler, die fleißig sind und mir pünktlich ihre Aufgabe zurückschicken. Sie antworten auf meine Mails und nehmen an den Videokonferenzen teil. Dort spreche ich im besten Fall mit der ganzen Klasse, ich habe aber auch schon freiwillige Konferenzen angeboten. Inhalt sind organisatorische und fachliche Aspekte. Dabei gibt es auch immer wieder kuriose Situationen: Heute wollte ich eine Videokonferenz durchführen. Von einem Schüler bekam ich vorab die Nachricht, dass er nicht teilnehmen kann, weil er „unterwegs sei“. Was auch immer das während der Unterrichtszeit in einem Lockdown bedeutet. Eine andere Schülerin schrieb mir gestern Nachmittag, dass sie eben erst aufgestanden sei und deswegen nicht teilnehmen könne. Es passierte auch schon, dass ein Schüler vorzeitig aus der Konferenz gehen musste, weil er schnell mit dem Hund raus muss! Aber ganz ehrlich: Wenn hier einer den Videochat beendet, dann ich! – Manche Dinge ändern sich auch im digitalen Unterricht nicht.

Ich habe aber leider auch Fälle, die beim Homeschooling in der Versenkung verschwinden, nicht erreichbar sind und ihren Pflichten nicht nachkommen – nicht mal, wenn ich die Eltern darüber informiere. Natürlich kenne ich nicht alle Familienverhältnisse und will nicht leugnen, dass es einige sehr schwer haben und es an Unterstützung fehlt. Wir versuchen aber, uns um solche Fälle besonders zu kümmern: im Rahmen einer Betreuung vor Ort in Kleinstgruppen (die ich aber nicht persönlich durchführe) und mit regelmäßigem Kontakt per Telefon und Mail, um den ich mich kümmere.

Homeschooling aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer

Meine eigene Arbeit kann ich da natürlich viel einfacher reflektieren. Mein Arbeitsaufwand hat auf jeden Fall deutlich zugenommen. Teilweise arbeite ich doppelt so viel wie zu pandemiefreien Zeiten. Sobald ich morgens den PC hochfahre, trudelt eine Mail nach der anderen von Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern bzw. den Eltern ein. Im besten Fall sollen wir das, was wir von den Kindern und Jugendlichen an Arbeitsergebnissen geschickt bekommen, eins zu eins zurückmelden. Das dauert auf diesem Weg natürlich länger, als wenn wir uns vor Ort treffen würden.

Dennoch möchte ich mich nicht beschweren. Ich für meinen Teil bin froh, von zu Hause aus arbeiten zu dürfen. Ich minimiere dadurch meine Kontakte, gefährde nicht meine Familie und muss nicht alle fünfzehn Minuten bei Minusgraden ein Fenster aufreißen. Auch die Maske nicht über viele Stunden tragen zu müssen, fehlt mir nicht. Das wird früh genug wiederkommen, da bin ich mir sicher.

Zum Schluss noch ein Hinweis, weil ich mich darüber doch wundern musste: Eine befreundete Lehrerin erhielt vor kurzem eine E-Mail von den Eltern ihrer Klasse, warum sie denn nicht täglich Videochats anbieten würde. Ich bin immer wieder erstaunt, wie oft der Lehrberuf von außen bewertet wird, auch wenn es dazu keine fachliche Grundlage gibt. Vielleicht passiert das, weil wir alle mal zur Schule gegangen sind und denken, dass wir wissen, wie der Hase läuft.

Doch es obliegt jeder Lehrkraft selbst, wie sie den Unterricht gestaltet. Um noch ein paar Annahmen an dieser Stelle zu klären:

  • Nein, wir erhalten bisher nicht alle mobile Endgeräte von unserem Arbeitgeber. Das soll wohl noch kommen, ich bin gespannt.
  • Nein, wir haben nicht alle eine Tafel zu Hause, an der wir den Unterricht bildlich erklären können.
  • Nein, nicht alle von uns wollen sich einen persönlichen Klassenraum daheim einrichten.
  • Wir tun, was wir können – sei es analog oder digital – und sicher ist: Wir geben unser Bestes, um gemeinsam durch diese Zeit zu kommen.

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