Elternarbeit goes Erziehungspartnerschaft: Auf Augenhöhe mit den Lehrkräften?!

Es klingt so gut: Alle ziehen zum Wohl des Kindes an einem Strang, damit es sich möglichst gut entwickeln kann. Das nennt man jetzt Erziehungspartnerschaft. Mama Christine klärt auf, was sich hinter dem Begriff verbirgt.

Früher sagte man Elternarbeit

Mitte der 1990er Jahre hieß Bildungs- und Erziehungspartnerschaft noch „Elternarbeit“. Das Elternhaus und die jeweilige Bildungseinrichtung, also Kindergarten bzw. Schule, wurden als getrennte Institution betrachtet, die unterschiedliche Ziele in der Erziehung eines Kindes verfolgten. So kamen alle ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nach: Eltern erzogen und Schulen bildeten. In den allermeisten Fällen meinte „Elternarbeit“ daher, dass Pädagoginnen und Pädagogen Eltern erklärten, was zu tun sei, wenn aus dem Kind etwas werden sollte. Doch mittlerweile hat das Konzept einen ziemlichen Wandel durchgemacht.

Neuer Begriff = neue Perspektive?

Heute werden Eltern auch als Expertinnen bzw. Experten für ihre Kinder angesehen – zumindest in der Theorie. Seit den früher 2010er Jahren wird mit dem neuen Begriff „Erziehungspartnerschaft“ eine gleichrangige Zusammenarbeit zwischen Eltern und Pädagoginnen bzw. Pädagogen in Bezug auf die schulischen Erfolge des Kindes beschrieben. Eltern erhalten nicht mehr nur „Erziehungshinweise“, sie erarbeiten gemeinsam mit den Erzieherinnen und Erziehern bzw. den Lehrkräften „Ziele“, die das Kind in Kita und Schule erreichen sollte. Beide Instanzen schauen sich dann in regelmäßigen Treffen gemeinsam an, wie sich das Kind während eines bestimmten Zeitraums „entwickelt“ hat, um eventuelle Anpassungen oder Neuausrichtungen ihrer „Erziehungsstrategie“ vorzunehmen.

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Dass diese Theorie von Unklarheiten und ideellen Annahmen geprägt ist, sieht man unter anderem daran, dass der Wikipedia-Eintrag zu „Erziehungspartnerschaft“ immer noch leer ist und auf „Elternarbeit“ verlinkt.

Grob gesagt spricht man von „Erziehungspartnerschaft“ in der Kita und von „Bildungspartnerschaft“ in der Schule, teils werden die Begriffe auch überlappend als „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft“ benutzt. Um das Wirrwarr komplett zu machen, sei noch erwähnt, dass der Begriff „Bildungspartnerschaft“ auch verwendet wird, um eine Kooperation zwischen Privatunternehmen und Schulen zu beschreiben. Sie sehen, es ist kompliziert.

Erziehungspartnerschaft – eine Chance mit vielen Barrieren?

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat 2013 dazu ein Papier veröffentlicht, in dem es die Ziele der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen Schule und Eltern definiert: „Die Schule übernimmt dabei die Aufgabe, im Rahmen der Schulentwicklung geeignete Maßnahmen zu entwickeln, die institutionelle Barrieren abbauen und allen Eltern Partizipation ermöglichen.“

Das Ziel der KMK ist es, Kindern aus Familien, die als „sozial schwach“ gelten, weil die Eltern einen Migrationshintergrund haben oder keine zwei vollen Gehälter mitsamt hoher Schulbildung aufweisen, in ihrer Schullaufbahn zu unterstützen.

Nach einigen Jahren der Erprobung bleiben jedoch einige Fragen unbeantwortet. Die beiden wichtigsten aus meiner Sicht: Funktioniert das Konzept auch in der Praxis? Und was macht das ständige Optimieren und Fachsimpeln mit den Kindern, dem eigentlichen Gegenstand unserer Bemühungen? Mit diesen nicht ganz unerheblichen, aber total vernachlässigten Fragen beschäftigt sich die neue Studie „Kinder zwischen Chancen und Barrieren“ der Bertelsmann Stiftung aus dem November 2019, die sich mit der Sichtweise von Kindern auf die Bildungs- und Erziehungspartnerschaften auseinandersetzt.

Respekt und Wertschätzung sollen zum Bildungserfolg führen

Die umfangreiche Studie besteht aus zwei Teilen, nämlich der Erforschung der Wirkung von Erziehungspartnerschaften in der Kita und Bildungspartnerschaften in der Grundschule, und ihre Kernfragen rund um die Schule sind:

  • Wie sehen die Kinder das Verhältnis von Schule und Familie?
  • Wie fühlt es sich für sie an, Lernentwicklungsgespräche zu führen?
  • Was wissen sie über den Ablauf von Elternabenden?
  • Möchten sie überhaupt, dass sich Lehrkräfte und Eltern im ständigen Austausch über ihre schulische und private Entwicklung befinden?
  • Erfüllen die Bildungspartnerschaften ihren Zweck?

Respekt und Wertschätzung seien die Basis für gelingende Bildungspartnerschaft – so wurde es seitens der Kultusministerkonferenz 2013 bei der Veröffentlichung des Papiers postuliert. Es ist die Rede von einer gleichen Augenhöhe, die hergestellt werden soll, damit die Beziehung zwischen Schule und Eltern zum Wohle der Kinder gelinge. Ziemlich anspruchsvoll, wenn man sich das genau überlegt. Trotzdem geht die Kultusministerkonferenz davon aus, dass dies der Königsweg sei.

Fallstricke: Manche Familien sind empfänglicher für Elterngespräche als andere

An dieser optimistischen, vielleicht sogar blauäugigen Einschätzung sind Zweifel angebracht, wie die Bertelsmann-Studie nun zeigt. Denn zum einen fällt es Erzieherinnen und Erziehern sowie Pädagoginnen und Pädagogen oft schwer, Eltern wirklich als Partner zu sehen. Stattdessen erhalten sie lediglich Tipps, wie ihr Kind in Schule oder Kita besser „funktionieren“ könnte, merken die vier Studienautorinnen kritisch an.

Zum anderen wollen manche Familien überhaupt keine Tipps von Lehrkräften oder Erzieherinnen und Erziehern, sondern ihre Kinder einfach nur gut untergebracht wissen. Das sind dann auch diejenigen Familien, die aus pädagogischer Sicht als „schwer erreichbar“ gelten, weil strukturelle Umstände ihnen wenig Zeit lassen, sich in die schulischen Belange intensiv einzubringen. Oft sind das Alleinerziehende, Eltern mit Migrationshintergrund oder mit Berufen, die Schichtarbeit mit sich bringen.

Problematisch: Die Bildungspartnerschaft verstärkt bestehende Ungleichheiten

Was uns direkt zur Krux dieses Konzepts der partnerschaftlichen Bildungs- und Erziehungspartnerschaft bringt: Die Studie zeigt, dass diejenigen Kinder am meisten davon profitieren, die eine Zusammenarbeit von Eltern und Schule bzw. Kita am wenigsten benötigen: nämlich Kinder aus sozial eher privilegierten Elternhäusern aus dem städtischen Raum, die in Deutschland geboren sind. Das ist problematisch, weil es bestehende Ungleichheiten verstärkt, anstatt sie auszugleichen. Das wiederum widerspricht dem eigentlichen Ziel des Konzepts.

Und dann ist da noch ein weiterer wichtiger Punkt: Die Bildungspartnerschaften haben stets die Optimierung des Kindes im Fokus. Ich möchte in Anlehnung an die neuen Forschungsergebnisse die These aufstellen, dass das zum Verlust der Kindheit führt. Doch damit nicht genug, es wird auch sehr viel Wert auf Eigenverantwortung gelegt: Das Kind soll „Zielvereinbarungen“ schließen und sich durch die Teilnahme an Lernentwicklungsgesprächen selbst optimieren. Das ist schon ziemlich viel verlangt, und es führt zu sehr ambivalenten Gefühlen bei vielen der Kinder, die in der Studie befragt wurden. Vorherrschend ist das Gefühl der Ohnmacht und des Verlusts von Privatsphäre und Grenzen.

Kinder wünschen sich Grenzen zwischen Schule und Privatleben

Wie hätten Sie es als Kind gefunden, dass Ihr Klassenlehrer oder Ihre Klassenlehrerin mit Ihren Eltern darüber spricht, wann Sie ins Bett gehen, wie viel Sie lesen bzw. am Computer zocken, ob Sie in Ihrer Freizeit Sport treiben und wie viele Freundinnen und Freunde Sie haben? Kindern ist das oft unangenehm und sie fühlen sich ohnmächtig, da ihre Wünsche wenig berücksichtigt werden.

Grenzen lösen sich auf, Privatsphäre gibt es nicht mehr – denn Eltern und Schule sollen sich laut Konzept der Bildungspartnerschaft offen über alles austauschen, was für den Bildungserfolg des Schülers bzw. der Schülerin nötig ist. Dabei gibt es, wie die Bertelsmann-Studie kritisch anmerkt, nur ein sehr schwaches wissenschaftliches Fundament als Grundlage für die Annahme, dass diese maximale Offenheit Kindern etwas nützt.

Die Belange von Kindern werden übergangen

Was nun? Die Studie kritisiert, dass erwachsene Expertinnen und Experten am besten wissen wollen, was Kinder brauchen. Außerdem höre man wenig darauf, wie es den Kindern mit den übergestülpten Konzepten gehe, folgern die Studienautorinnen. Gerade im Zusammenhang mit der Diskussion um die Kinderrechte, die demnächst im Grundgesetz verankert werden sollen, sollte uns das nachdenklich stimmen.

So stellt die Studie auch fest: „Die Belange von Kindern werden übersehen und übergangen.“ Außerdem würde Eltern eher als Erfüllungsgehilfen der Schule angesehen, statt als Partner und Partnerinnen auf Augenhöhe.

Erziehungspartnerschaft heißt, sich an die Seite der Eltern zu stellen

Immerhin sind wir schon vom veralteten Konzept der Elternarbeit weggekommen, bei der die Eltern gleich mit erzogen wurden. Nun sollten wir wohl das Konzept der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft auf den Prüfstand stellen – was gar nicht so einfach sein wird, weil es im Kontext Schule als von der Kultusministerkonferenz festgeschriebene Lösung gilt.

Ob die Erkenntnisse der Bertelsmann-Studie daran rütteln können? Ich hoffe es. Denn wie es den Kindern mit alledem geht, darf uns nicht egal sein. Und dass Ungleichheiten sogar noch verstärkt werden, noch weniger. „Erziehungspartnerschaft heißt, sich an die Seite der Eltern zu stellen,“ formuliert das Bundeselternnetzwerk. Und an die Seite der Kinder, möchte man ergänzen.

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Titelbild: © Africa Studio/shutterstock.com

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