Jungs sind halt so! – Geschlechter-Klischees in der Schule

Jungen können schlechter stillsitzen und sind wilder als Mädchen. Ständig raufen sie und werden in der Schule benachteiligt. Mama Christine findet, dass es an der Zeit ist, diese Einstellungen zu hinterfragen.

„Ist das wirklich ein Bild aus einem aktuellen Schulbuch?“, fragten etliche Twitter-Userinnen und -User irritiert, als eine Mutter die Homeschooling-Aufgabe ihres Kindes im Internet zeigte. Darin ging es um stereotype Zuordnungen: Mädchen tun dieses gern, Jungen jenes. Mädchen sind soundso, Jungs hingegen soundso. Jungs lieben das Raufen und den Fußball, sind wild und mutig, während Mädchen gerne malen, sich um andere kümmern und mit Puppen spielen.

Auch ich war – nicht zum ersten Mal – unangenehm überrascht davon, dass so eine Aufgabe in einem modernen Schulbuch auftaucht und habe mir dazu meine Gedanken gemacht.

Klischees in Schulbüchern verfestigen Rollenzuschreibungen

Wir Eltern schauen nicht ständig in die Schulbücher unserer Kinder. Aber in den letzten Wochen haben sich viele Eltern während der Schulschließungen zwangsläufig intensiver mit den Lerninhalten ihrer Kinder beschäftigt. Dabei fanden sie heraus, dass, wenn es nach der Meinung einiger Schulbuchverlage ginge, die Mutter in die Küche gehört, bügelt und den Tisch deckt während Papa mit Werkzeug in der Garage werkelt und gern Motorrad fährt. Das mag wohl in einigen Familien so sein. Aber ist es wirklich sinnvoll, diese stereotypen Rollenbilder in Schulbüchern weiterzuverbreiten? Und noch wichtiger: Wie kann es sein, dass Lehrkräfte so etwas unkommentiert ihren Schülerinnen und Schülern als Material überlassen?

Die Ungleichbehandlung von Jungs und Mädchen fängt schon im Babyalter an

Erwachsene behandeln schon Babys unterschiedlich. Je nachdem, ob wir glauben, es handele sich bei dem Baby um ein Mädchen oder einen Jungen, gehen wir ganz anders mit den Kleinen um. Diese subtilen Vorurteile sind bei uns allen vorhanden, sogar bei denen, die sich für modern halten. Man nennt das den Unconscious Bias, die unbewusste Voreingenommenheit. So zeigen Verhaltensstudien mit Erwachsenen und Babys immer wieder, dass die Erwachsenen ein Spielzeug für das Kind anhand dessen Kleidung auswählen und auch anders mit ihm sprechen. Außerdem geben sie die weicheren Spielzeuge den Mädchen und die härteren, taktischeren Spielzeuge den Jungen zum Spielen.

Zuschreibungen im Klassenzimmer

So gibt es also bereits vom frühen Alter eines Menschen an Vorurteile, denen er oder sie ausgesetzt ist – und das sogar oft ganz unbewusst. Wenn Kinder in die Schule kommen, gibt es dann mahnende Stimmen, die immer wieder feststellen, dass Jungs in der Schule benachteiligt würden. Ein Grund dafür sei, dass es bedauerlicherweise zu wenige männliche Grundschullehrer und Erzieher gebe und auch an den weiterführenden Schulen Frauen als Lehrkräfte in der Überzahl seien. Daher würden den männlichen Kindern die Vorbilder fehlen. Warum sind es aber so viele weibliche Lehrkräfte? Das ist so, weil der Lehrerberuf sich relativ gut mit einer Familiengründung vereinbaren lässt – verhältnismäßig gut bezahlt, flexibel und krisensicher. Deswegen, davon bin ich überzeugt, entscheiden sich überproportional viele Frauen für diese Laufbahn, die nicht zu denjenigen gehören, die die traditionelle Rollenverteilung über den Haufen werfen wollen.

Und gerade Lehrerinnen sind dann oft diejenigen, die sagen, man müsse nachsichtig mit den Jungs sein: „Jungen passen halt oftmals nicht in das Korsett, in das unser Regelunterricht sie zwängt. Langes Stillsitzen, ruhige Arbeitsphasen, eine saubere Handschrift – das sind Herausforderungen, an denen einige scheitern. Auch das ordentliche Führen der Arbeitsmaterialien, stets konzentrierte Mitarbeit und eine emphatische Ansprache des Lehrers sind schulische Anforderungen, die vielen Mädchen leichter fallen. Für den stärkeren Bewegungsdrang der Jungen bleibt hingegen fast nur im Sportunterricht Raum“, schrieb Lehrerin und Mutter Viola Herrmann in der Januar-Ausgabe des Magazin Schule. Da geht mir offen gesagt die Hutschnur hoch, denn was ich vor allem sehe, ist, dass Jungs, die nicht diesen Klischees entsprechen, es ganz schön schwer in der Schule und im Leben haben. Sind die Jungs wirklich „von Natur aus so“ oder ist es nicht doch vielmehr Erziehung und Sozialisierung, die sie „so“ werden lässt?

Warum schon kleine Jungen mehr Taschengeld bekommen als Mädchen

Warum meinen manche, Jungen kämen in der Schule zu kurz? Einerseits gibt es Studien, die belegen, dass Jungs schon in der Grundschule ihre Matheleistungen überschätzen, während Mädchen eher denken, sie könnten Mathe nicht so gut – selbst wenn sie faktisch genauso gute Leistungen erbringen. Andererseits schätzen Jungs, die der Meinung sind, Lesen sei etwas für Mädchen, sich wesentlich schlechter ein, als sie es tatsächlich sind.

Ich glaube, dass man den Untersuchungsradius jedoch sehr viel weiter fassen muss, um den Ursprung solcher Geschlechter-Klischees in der Schule genauer zu ergründen. Sonst könnte man denken, beide Geschlechter würden sich schon als Kinder ein bisschen selbst im Weg stehen. Aber diese Einstellungen sind keine Beobachtungen auf der Grundlage von Naturgegebenheiten, sondern durch die Gesellschaft eingetrichterte Annahmen. So gibt es schon bei Grundschulkindern eine Art Gender Pay Gap. Jungen erhalten zwischen 10 und 15 Prozent mehr Taschengeld als Mädchen. Das Problem der Gender-Klischees liegt also nicht nur in der Schule und ihren Strukturen begründet, sondern in uns allen, in der gesamten Gesellschaft.

Wir sind überzeugt, Jungen seien wild und unangepasst. Und deswegen passiert in der Schule genau das, was Nils Pickert, Experte für Jungen und Rollenbilder, in seinem Buch „Prinzessinenjungs“ wie folgt beschreibt: „Wir unterstützen auftrumpfendes, lautes Verhalten, aber bei Klassenarbeiten haben alle still zu sein. Und anschließend fragen wir, was denn los ist mit den Jungs.“ 

Das Überwinden von Klischees ist auch Aufgabe der Lehrkräfte

„Männer werden schon als Kind auf Mann geeicht“ – nicht nur in Familien, sondern auch in der Schule. Wie großartig wäre es, wenn wir mehr Eltern und Lehrkräfte hätten, die sich dessen bewusst wären. Und die nicht von Jungs erwarten, sich wie Jungs zu benehmen, und die Kinder nicht auch noch in Rollenbildern bestärken, die es eigentlich zu überwinden gilt.

Dann würden Lehrkräfte Arbeitsblätter und Schulbücher, in denen unnütze Klischees reproduziert werden, genüsslich mit den Schülerinnen und Schülern auseinandernehmen. Und sie würden dazu beitragen, dass sich jedes Kind selbst überlegen kann, wie es sein will. Nicht jeder Junge muss gerne raufen. Und manche Mädchen schreien und toben gerne. Das ist okay. Nein, es ist sogar gut so.

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Titelbild: ©KDdesignphoto/shutterstock.com

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